Auftakt der Feierlichkeiten: So war die Eröffnung des Beethoven-Jahres in Bonn

Auftakt der Feierlichkeiten : So war die Eröffnung des Beethoven-Jahres in Bonn

Eine Stadt feiert Geburtstag. Und weil es der von Ludwig van Beethoven ist, feiert die ganze Welt mit. In der Bonner Oper wurde am Montagabend der zwölfmonatige Feiermarathon in die Wege geleitet.

In der Bonner Oper wurde am Montagabend mit einem großen Festakt der Startschuss zu dem zwölfmonatigen Feiermarathon unter der Flagge der Beethoven-Jubiläumsgesellschaft BTHVN2020 gegeben, dessen Ziellinie der 17. Dezember 2020 markiert, wenn sich der Tauftag des in Bonn geborenen Komponisten zum 250. Mal jährt.

Viele geladene Gäste fanden sich ein, darunter zahlreiche Prominente aus Politik und Gesellschaft. Eine geschlossene  oder elitäre Veranstaltung war der Abend dennoch nicht.  Im Gegenteil: Für Beethovenfans hatten die Veranstalter ein Kontingent von 350 Freikarten in den Ticketvertrieb gegeben (die nach rekordverdächtigen drei Minuten vergeben waren), weitere 100 Karten hatte der Kultursender WDR 3, der den Festakt live übertrug, unter seinen Hörern verlost.

  Nach kurzen Begrüßungbeiträgen durch den Saxofonisten Peter Materna, Bonns Oberbürgermeister Ashok Sridharan und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet war die Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 das erste Werk von Ludwig van Beethoven, das an diesem Abend erklang. Komponiert hat Beethoven sie für die Zweitfassung seiner einzigen Oper „Fidelio“, die 1806 in Wien noch unter dem Titel „Leonore“ aufgeführt wurde. Sie ist deutlich länger als die spätere „Fidelio“-Ouvertüre und im Grunde eine instrumentale Kurzfassung der gesamten Befreiungsoper inklusive des triumphal jubelnden Finales. Dirk Kaftan und seine Musiker spielten sie mit Energie und Leidenschaft. Für die Bonner unter den Gästen und vielleicht auch den ein oder anderen, der von weiter her kam, war’s ein perfekter Vorgeschmack auf den „Fidelio“, der am Neujahrstag Premiere haben wird.

Etwa in der Mitte der Ouvertüre erklingt übrigens ein Trompetensignal, das in der Oper die Ankunft des Ministers ankündigen wird. Ein perfekter Brückenschlag zum Auftritt von Kulturstaatsministerin Monika Grütters: In ihrer Festrede zur Eröffnung des Jubiläumsjahres hob sie die Aktualität des Komponisten hervor. „Bis heute berührt, bewegt, begeistert und verbindet seine Musik Menschen über alle Grenzen hinweg. So fällt es nicht schwer, ihn als weltweit verehrten Mega-Star gedanklich in die heutige Zeit zu holen“, sagte sie. Aber Grütters erinnerte auch an die Schattenseiten der Beethoven-Rezeption. Dieses Jubiläumsjahr werde sich abheben von früheren Beethoven-Jubiläen und -Ehrungen, „die statt mit Fragen mit fertigen Thesen aufwarteten und Beethovens Vermächtnis für politische Zwecke instrumentalisierten: für den deutschen Nationalismus im 19. Jahrhundert; für Durchhalteparolen zu Kriegszeiten; für die Überhöhung der deutschen Kultur und des deutschen Geistes nicht zuletzt in der Zeit des Nationalsozialismus“.

Diese Vereinnahmung sei Beethoven „in keiner Weise würdig“ gewesen, sagte Grütters. Der Komponist habe im Gegenteil sein Schaffen der Menschheit und der Menschlichkeit gewidmet. Er habe eine Zeit herbeigesehnt, in der das Verbindende unter den Menschen mehr wiege als das Trennende, „sei es soziale Herkunft, Kultur, Religion, Hautfarbe oder Geschlecht“.

Der Komponist, so Grütters, weise über alle Grenzen hinaus: „Beethoven ist damit nicht nur ein würdiger Pate der Europäischen Einheit; Beethoven ist ein wahrer Weltbürger. Angesichts des Erstarkens eines längst überwunden geglaubten Nationalismus, angesichts populistischer Rufe nach Abschottung und Ausgrenzung können wir aus der visionären Kraft seiner Musik Mut und Zuversicht schöpfen.“

In diesen Tenor passte auch das im Titel an Beethovens neunte Sinfonie anspielende Pasticcio „O Freunde, nicht diese Töne“, das der britische Musikkritiker und Librettist Paul Griffiths aus neu textierten Werken des Jubilars zusammengestellt hatte. Auch hier zog sich das Ideal der Freiheit durch die musikalische Erzählung, an der neben Dirigent Dirk Kaftan und dem Beethoven Orchester auch der Tschechische Philharmonische Chor Brno, die belgische Sopranistin Ilse Eerens sowie der in Beethovens Geburtsstadt aufgewachsene Schauspieler Matthias Brandt beteiligt waren.

Griffiths, dessen  Monodram „Der General“ nach Musik aus Beethovens Schauspielmusik zu Goethes Trauerspiel „Egmont“, im vergangenen Jahr beim Beethovenfest zu erleben war, schlägt in seiner neuen Collage einen Bogen vom jungen Bonner Beethoven zum reifen Komponisten der neunten Sinfonie.

Das musikalische Material, aus dem Griffiths schöpft, beginnt mit einem Ausschnitt aus der Kantate auf die Erhebung Leopolds II. zur Kaiserwürde, die der 19-jährige Beethoven 1790 in seiner kurkölnischen Heimatstadt komponierte. Als leuchtendes Symbol der Freiheit erklingt die mitreißende Siegessinfonie aus dem „Egmont“, die Ouvertüre zu „Die Ruinen von Athen“ fließt ebenso mit ein wie das „Opferlied“ für Sopran, Chor und Orchester des späten Beethoven. Brandt aber sagte: „De Musik wirft Fragen zurück. Darum geht‘s.“

Auch wegen der großartigen Leistung von Orchesters, Chor und der beiden Solisten Ilse Eerens und Matthias Brandt wurde das Pasticcio vom Publikum heftig beklatscht.

Zum Abschluss des Festakts folgte die Fantasie für Klavier, Chor und Orchester, dargeboten  von der Jazzpianistin Olivia Trummer, dem Tschechischen Philharmonischen Chor Brno und dem Beethoven Orchester unter Leitung von Dirk Kaftan. Dem präludierendem Anfang des Werks schickte Trummer noch eine Improvisation voraus, bevor dann die auch als „kleine Neunte“ bezeichnete Chorfantasie Fahrt aufnahm.

Ein spannender und zum Nachdenken anregender Auftakt. So kann es 2020 weitergehen.