Beethoven-Krimi „Tugendmord“ : Auf den Spuren des jungen Genies

Eine pralle Jugendgeschichte: Heidemarie Schumachers Beethoven-Krimi „Tugendmord“

Es ist stockdunkel in dieser Dezembernacht des Jahres 1790 in Bonn. Aus dem Hoftheater des Kurfürsten im Schloss, dem heutigen Hauptgebäude der Universität, stolpert Ludwig van Beethoven nach der täglichen Probe des „Don Giovanni“ an den geduckten Häusern entlang heim. Grimmig blickt der 19-jährige in Häusers Weinschänke, wo sich sein verwitweter Vater mal wieder beim Würfelspiel volllaufen lässt.

Doch dann führt der Weg mit einem Schwenk auch ihn noch hinein ins nächste Weinhaus, den „Zehrgarten“ der Witwe Koch am Markt. Auch Musiker müssen mal essen – sich also von der Tochter des Hauses, der ebenso schönen wie cleveren Babette, eine Bratwurst mit Sauerkraut servieren lassen. Verschämt gibt der klamme Ludwig sein Instrument als Pfand für die Zeche – und gerät auf dem Heimweg am Rheinufer noch fast in ein heimtückisches Mordgeschehen hinein.

Der Leser von Heidemarie Schumachers Beethoven-Krimi „Tugendmord“ ist dank dieser farbig geschilderten ersten Szenen auf jeden Fall sofort in den Alltag des Städtchens Bonn nach der Französischen Revolution eingetaucht. Mit dem aufstrebenden jungen Musiker ist er unterwegs durch die Sträßchen und Gassen der damaligen Kurfürstenresidenz. Was natürlich gerade für Bonner Leser ein charmantes Vergnügen bedeutet. Mit Ortskenntnis können sie mitfiebern, was dem 19-Jährigen wohl auf seinen Wegen an der nächsten Ecke passieren wird. Die Bonner Autorin lässt ihren jungen Beethoven jedenfalls knappe 170 Seiten lang immer wieder durch das Zentrum des Rheinstädtchens eilen und an bekannten Stätten agieren.

Anlass für ihr neues Buch seien das Beethoven-Jubiläumsjahr 2020 und das allgemeine Interesse genau an den 22 Jahren gewesen, die der Junge aus der heutigen Bonngasse in seiner Geburtsstadt verbracht habe, erklärt Schumacher. Die Jahre 1770 bis 1792 hätten ja die Weichen im Leben dieses jungen Mannes gestellt. „Und Beethoven hat in Wien immer auch seine rheinischen Wurzeln betont“, so Schumacher. Wenn auch der bald berühmte Komponist dann nach seiner Abreise 1792 nach Wien nie wieder nach Bonn zurückkehren sollte.

Akribisch hat Schumacher, promovierte und habilitierte Medienwissenschaftlerin, zum Bonn des ausgehenden 18. Jahrhunderts recherchiert. „Fast alle Figuren im Roman sind historische Personen“, vermerkt sie. Sie hat sie in vielen Dialogen lebendig gezeichnet, ohne sich durch historisierenden Sprachstil der damaligen Zeit anzubiedern.

Auch die kecke Wirtshaustochter Babette Koch, deren Ehrgeiz sie bald sogar zu einer waschechten Gräfin Belderbusch machen sollte, gab es wirklich. Und genau den Lebensmut eines solch forschen Frauenzimmers zu beschreiben, muss der Autorin ausnehmend Spaß gemacht haben: Ihre Babett, die im Buch auch die Fäden zur Bonner Familie Breuning knüpft, bekommt besonders deutliche Konturen.

Bekanntlich gab der junge Beethoven ja im Breuning`schen Haus, auf dessen Grund heute das Kaufhaus „Sinn“ steht, den Kindern Klavierunterricht. Sein Freund Franz Gerhard Wegeler erinnerte sich später: „Mutter von Breuning besaß die größte Gewalt über den oft störrischen, unfreundlichen Jüngling.“ Seine „Geniestreiche“ habe sie achselzuckend quittiert: „Er hat wieder seinen Raptus.“ Kein Wunder, dass die Breunings dann auch in Schumachers Roman mitten drin im Geschehen sind. Bei der Mutter wird gespeist. Um das Töchterchen Leonore verzehrt Beethoven sich. Und mit dem Bruder Stefan zieht er sozusagen um die Häuser.

Aber gab es damals wirklich Mord und Totschlag rund um Beethoven am Rhein? Waren seine Freunde Stefan von Breuning und Franz Gerhard Wegeler, der Gerichtsmediziner, wirklich detektivisch unterwegs, um die Morde an jungen Leuten beherzt aufzuklären? „Die Morde und Überfälle in diesem Roman sind natürlich erfunden“, sagt die Autorin. „Ich habe das Ganze in eine Kriminalgeschichte verpackt, weil ich glaube, dass der Roman so einen größeren Leserkreis erreicht.“

Der inhaltliche Strang um den „Tugendmord“ gehört also in die Kategorie Fiktion. Schumacher vermag die Anbahnung der Taten und die Motivation ihre dunklen Hintermänner und Täter überzeugend in den Plot einzubauen. Die inhaltlichen Zusammenhänge seien hier, der Spannung wegen, nicht weiter erklärt. Wobei der Bonner Leser die Krimihandlung wohl gar nicht wirklich braucht, um weiterzulesen. Wie in ihren früheren Romanen, etwa „Der venezianische Therapeut“ oder im Bonn-Roman „Ein helles und ein dunkles Haus“, überzeugt Schumacher durch authentisches Lokalkolorit, durch gute Milieuschilderungen und psychologische Figurenskizzen inhaltlich und sprachlich.

Sie habe ihren Lesern „unter der Hand“ eines Krimis eine Menge über den jungen Beethoven und über Bonn gegen Ende des 18. Jahrhunderts erzählen wollen, nennt Schumacher als Ziel. Die Geschichte seiner Herkunft, seine persönlichen Schwierigkeiten auch mit den Standesunterschieden zwischen Adel und Hofmusikern, aber auch seine Fähigkeit, Krisen standzuhalten, hätten sie enorm interessiert. Der junge Beethoven habe gerade rund um 1790 lernen müssen, seine zerstörerische Wut in den Griff zu bekommen. „Er entwickelt im Lauf der Geschichte eine kreative Blockade, die sich erst wieder löst, als er das Böse in Gestalt der Dunkelmänner bekämpfen und das Böse in sich überwinden lernt“, meint die Autorin.

In Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis hat die Beethoven-Jubiläums-GmbH inzwischen an 22 historischen Orten multimediale Info-Stelen errichtet, um die ersten 22 Jahre des berühmten Sohns visuell und auditiv nachverfolgbar zu machen. Heidemarie Schumacher hat parallel dazu einen prallen Roman mit einer fiktiven Kriminalgeschichte um den jungen Ludwig veröffentlicht. Das rechte Buch zur rechten Zeit sozusagen.

Heidemarie Schumacher: Tugendmord. Verlag cmz, 140 S., 12,96 Euro