Asklepios Klinik in Sankt Augustin: Diskussion über die Zukunft der Kinderklinik

Asklepios Klinik in Sankt Augustin : Diskussion über die Zukunft der Kinderklinik

Seit klar ist, dass zwei Kinderherzspezialisten an die Bonner Uniklinik wechseln, steht nicht nur das Kinderherzzentrum, sondern inzwischen auch die Zukunft des gesamten Klinikstandort zur Diskussion.

Das einstige Aushängeschild von Klinikbetreiber Asklepios ist offenbar zum Klotz am Bein geworden. Das Aus droht, Fördermittel für die Schließung sind bereits beantragt. Die Sankt Augustiner Kinderklinik war bei der Übernahme im Jahr 2002 ein Prestigeprojekt.

„Wir sind immer sehr stolz gewesen auf die Kinderklinik und das, was dort geleistet wird“, sagte Klaus Schmolling, Asklepios-Regionalgeschäftsführer für Sankt Augustin, am Donnerstag dem GA. Seit im April öffentlich bekannt wurde, dass zwei Kinderherzspezialisten an die Bonner Uniklinik wechseln, steht nicht nur das Kinderherzzentrum, sondern inzwischen auch die Zukunft des gesamten Klinikstandort zur Diskussion. Es gibt viele Fragen. Eine Übersicht:

Kommt die aktuelle Situation in Sankt Augustin überraschend?

Mitarbeiter der Klinik sagen: Nein. Bereits 2013 habe es eine Strategietagung gegeben, bei der es unter anderem um den Mangel an Pflegekräften ging. Hohe Patientennachfrage und der Standort in einer Wachstumsregion wurden als Pluspunkte gewertet, als Risiko hingegen die bauliche Substanz der Klinik und das „fehlende Vertrauen in den Arbeitgeber“. Im Oktober 2017 gab es einen Brief an Asklepios-Vorstand Kai Hankeln, den alle neun Chefärzte aus Sankt Augustin unterzeichnet hatten. Darin äußern sie ihre große Sorge und schreiben, es fehle eine „nachhaltig und langfristig ausgerichtete Strategie“. Regionalgeschäftsführer Klaus Schmolling, der die Betreuung der Klinik im März 2019 übernommen hat, wurde nach eigenen Angaben von der Kündigung der Chefärzte überrascht: „Es war klar, dass das herzmedizinische Angebot über den Weggang der weltweit bekannten Spezialisten maximal gefährdet wird.“ Laut Asklepios gehen ohne Kinderherzzentrum fast die Hälfte der stationären Erlöse verloren.

War die Schließung der Geburtsstation in Sankt Augustin Anlass für den Weggang der Ärzte?

Laut Mitarbeitern der Klinik und Eltern ist der Standort Sankt Augustin durch die Schließung der Geburtsstation zumindest unattraktiver geworden. Zuvor konnten dort Kinder mit schwerem Herzfehler ohne Transportweg direkt nach der Geburt operiert werden. Ein Insider sagt, dass die risikoreiche Geburtshilfe aus finanziellen Gründen geschlossen wurde: „Wenn Sie die Gesundheitsvorsorge in private Hände legen, ist das eben so.“ Asklepios sagt hingegen, Grund sei eine Schwerpunktbildung gewesen: Die Kinderklinik habe die Geburtshilfe in die Kliniken der GFO verlagert. Im Gegenzug sei vereinbart worden, Kinder mit angeborenen Fehlbildungen in der Kinderkardiologie in Sankt Augustin weiterzubehandeln.

Müssen OPs wegen Personalmangel abgesagt werden?

„Wir können nicht mehr operieren, weil wir keine Pflegekräfte haben“, sagt ein Mitarbeiter. „Wenn ein Notfall kommt, müssen wir Eltern absagen und geplante Operationen verschieben. Wenn Sie das über Jahre machen, schaffen Sie das irgendwann nicht mehr.“ Laut Asklepios gibt es keine Absagen wegen Personalmangel: „Falls Operationen verschoben werden müssen, liegen die Gründe in anderen, sich aus dem Klinikalltag heraus ergebenden Umständen“, so der Sprecher im Juni (der GA berichtete).

Wie viel Geld investiert das Land NRW tatsächlich in das Bonner Uniklinikum (UKB)?

„Die vom Land mit großzügigen 350 Millionen Euro Steuermitteln finanzierte Universitätsklinik Bonn baut seit Jahren Parallelstrukturen zum unserem bundesweit hoch angesehenen medizinischen Leistungsangebot auf und wirbt unsere Chefärzte und Pflegekräfte ab“, schrieb Asklepios-Sprecher Rune Hoffmann Anfang Juni auf eine GA-Anfrage. In einer weiteren Pressemitteilung ist vom in „dreistelliger Millionen-Euro-Höhe geförderten Herz- und Eltern-Kind-Zentrum der Uniklinik Bonn“ die Rede.

Schafft die Bonner Uniklinik neue Parallelstrukturen zum Kinderherzzentrum Sankt Augustin?

Die Uniklinik hat bereits eine Kinderherzchirurgie. Auch die Geburtshilfe ist auf die vorgeburtliche Diagnostik von angeborenen Herzerkrankungen spezialisiert. Es gibt schon seit 2004 einen Beschluss, die alte Kinderklinik an der Adenauerallee zu schließen und alle Abteilungen auf den Venusberg zu verlegen. Das Eltern-Kind-Zentrum, das in diesem Jahr fertig werden soll, ist der Ersatzbau für die Kinderklinik.

Klinikchef Holzgreve plant, auf dem Venusberg das größte Kinderherzzentrum in Deutschland zu etablieren. Statt bisher rund 200 Operationen pro Jahr sollen dort künftig über 500 große Operationen an Kinderherzen und mehr als 700 Katheter-Eingriffe stattfinden. Neu ist auch das Komplettangebot unter einem Dach, von der vorgeburtlichen Diagnostik bis zur Weiterbehandlung der Herzpatienten im Erwachsenenalter.

Der Kontakt ins Kinderherzzentrum Sankt Augustin war immer schon eng, es gab zwischenzeitlich sogar Überlegungen, Boulos Asfour zum Chefarzt beider Häuser zu machen.

Warum werden die Pflegekräfte unter Tarif bezahlt, wenn so ein großer Mangel herrscht?

Das Personal kritisiert mangelnde Wertschäftung, die sich auch in der Bezahlung und den Zusatzleistungen ausdrücke. Es gibt keinen Haustarifvertrag mit Ver.di, wie in anderen privat geführten Kliniken in der Region durchaus üblich. Laut Asklepios bemisst sich die Vergütung der Mitarbeiter an der Leistungsfähigkeit der Klinik, die kontinuierlich Verluste erbringe.

Wurde direkt ein Nachfolger für Professor Asfour gesucht?

„Es gab nie ein klares Bekenntnis zur Klinik“, kritisiert ein Arzt. Es habe auch nie eine Stellenausschreibung gegeben. Er meint, dass man die Auflösung des Kinderherzzentrums noch hätte verhindern können, als Asfour als erster kündigte. Laut Schmolling wurde ein Headhunter beauftragt: „Das wird nicht öffentlich ausgeschrieben, weil der Kreis, der infrage kommt, so klein ist.“ Insgesamt gibt es seit Februar 71 Kündigungen, davon 53 aus dem Kinderherzzentrum. Es geht übrigens auch umgekehrt: In Hamburg sind kürzlich 16 Herzspezialisten aus der dortigen Uniklinik UKE zu Asklepios gewechselt.

Warum ist der Sanierungsstau im Haus so groß?

Asklepios streitet seit Jahren mit dem Land NRW – auch vor Gericht – um Geld für die Sanierung. Problematisch ist nicht das 20 Jahre alte Gebäude des Kinderherzzentrums, sondern das 50 Jahre alte Bettenhaus. Es wird heutigen Anforderungen nicht gerecht, weil zum Beispiel Duschen und Toiletten für die 70 bis 90 Eltern fehlen, die dort täglich übernachten. Seit 2008 zahlt das Land den Kliniken eine Baupauschale, laut Schmolling für Sankt Augustin 650.000 Euro pro Jahr. „Ein Neubau für 35 bis 40 Millionen Euro ist damit nicht zu finanzieren“, sagt er.

Hat der Asklepios Konzern schon früher versucht, das Krankenhaus zu verkaufen?

2015/16 gab es nach GA-Informationen Verhandlungen mit der Bonner Uniklinik über das Kinderherzzentrum und mit den GFO Kliniken über die anderen Abteilungen. „Es ging um enge Kooperationen im Bereich Neonatologie mit Troisdorf“, so Schmolling. Bestreben, das Krankenhaus zu verkaufen, habe es nicht gegeben.

Droht ein Versorgungsengpass in der Region?

„Einen echten Versorgungsstau gibt es nur, wenn die Grippewelle kommt“, meint ein Klinikarzt. Die niedergelassenen Kinderärzte aus Bonn und der Region sehen das anders und haben bereits Alarm geschlagen. Aktuell gibt es in Sankt Augustin laut Asklepios rund 50.000 Kontakte pro Jahr in der ambulanten Klinik und rund 7500 Kinder, die stationär behandelt werden. Sie kommen zum größten Teil aus dem Rhein-Sieg-Kreis.

Bringt die für Herbst angekündigte Krankenhausplanung des Landes mehr Klarheit?

Für Asklepios schon: „Wir müssen uns die Frage stellen, ob man uns als Versorger in der Region überhaupt noch will“, sagt Regionalgeschäftsführer Schmolling. Das Land lässt zurzeit ein Gutachten zum Gesamtbedarf in NRW erstellen. Dass die Landespolitiker anhand dessen auch bereit wären, Entscheidungen gegen Kliniken vor der eigenen Haustür zu fällen, wird in Fachkreisen indes bezweifelt.

Was macht die Kinderklinik in Sankt Augustin so besonders?

Trotz aller Kritik sagen Eltern wie Personal: Es sei wie eine große Familie. „Ich weiß, dass ich das so nicht mehr finden werde“, sagt ein Mitarbeiter, der sich entschieden hat, die Kinderklinik zu verlassen. Die Mutter eines Kinds mit Leukämie beschreibt es so: „Sie wollen da nicht hin, aber wenn Sie dort sind, werden Sie liebevoll aufgenommen.“ Die Wege sind kurz, die Gesichter vertraut. Zugleich ist das fachliche Ansehen der Ärzte und Pflegekräfte hoch.

Welche Überlegungen gibt es zurzeit zur Rettung des Standorts?

Im Moment laufen Gespräche mit der Politik. „Wir kämpfen, aber die Zeit wird knapp“, versichert Schmolling. Asklepios sei auch bereit, über einen Trägerwechsel zu verhandeln.

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