Neue Stolpersteine erinnern an Schicksal: Wie eine 94-Jährige aus Niederkassel vor den Nazis floh

Neue Stolpersteine erinnern an Schicksal : Wie eine 94-Jährige aus Niederkassel vor den Nazis floh

Die 94-jährige Karola Adami wurde vor den Nazis gerettet: Ein Stolperstein in Niederkassel erinnert an ihre Geschichte. Wir haben mit der Zeitzeugin über ihre Vergangenheit gesprochen.

Ein bisschen mulmig sei ihr schon gewesen, als sie am Dienstag gemeinsam mit ihrer Tochter von Much nach Niederkassel-Rheidt fuhr, berichtet Karola Adami. „Ich habe gedacht es wird schlimm, wenn die Erinnerungen wieder hoch kommen,  aber jetzt habe ich viele Leute wiedergesehen und das ist sehr schön“, strahlt sie. Für die 94-Jährige verlegte der Künstler Gunter Demnig einen Stolperstein vor der Rheidter Sparkasse an der Oberstraße 15. Dort stand einst das Häuschen ihrer Pflegeeltern und von dort musste sie fliehen, nachdem ihr Lehrer sie als Jüdin entlarvt hatte.

Eigentlich sollte es ein schöner Tag werden, damals im Jahr 1937. Die zwölfjährige Karola freute sich auf ihre Aufgabe, einen Familienstammbaum anzufertigen. Mit der Erwartung, Lob für ihre Arbeit zu bekommen, gab sie den Stammbaum bei ihrem Lehrer ab. Dies war der Zeitpunkt, der ihr Leben veränderte und der bis in die nachfolgende Generation nachwirkte. Karola, die damals noch Pütz mit Nachnamen hieß,  dachte sich nämlich nichts dabei als sie in dem Stammbaum vermerkte, dass sie katholisch sei, denn schließlich war sie ja auch zur Kommunion gegangen.

An besagtem Schultag erfuhr Karola dann von ihrem Lehrer, dass ihre jüdische Mutter sie vor einem Kölner Kinderheim abgelegt hatte und sie nur die Pflegetochter ihrer Eltern war. Und ihr Geburtsname war auch nicht Pütz, sondern Stern, wie aus Dokumenten hervorging, die die leibliche Mutter mit dem Baby abgegeben hatte.

Karola Adami wurde als Jüdin in Leverkusen versteckt

Aber es waren nicht nur diese erschütternden Nachrichten, die das Mädchen verarbeiten musste. Von diesem Zeitpunkt an durfte Karola die Schule nicht mehr besuchen. Ihre Pflegefamilie versteckte sie bei Bekannten in Leverkusen und der Pflegevater entlohnte diese mit Lebensmittelkarten. Als die Pflegemutter 1942 starb, sagte sie zur Stiefschwester, die 20 Jahre älter war als Karola: „Pass op dat Kind op.“ Seit Anfang der 40er Jahre war Karola stets auf der Flucht, dennoch wurde sie 1944 entdeckt, abgeholt und landete im Auffanglager im Müngersdorfer Stadion. Danach ging es nach Kassel in eine Sammelstelle, von wo aus die Nazis die Menschen in die Vernichtungslager brachten.

Karola hatte Glück: Sie schloss sich in Kassel einem Ehepaar an. Der Mann war zuvor Sparkassenleiter in Siegburg gewesen, seine Gattin war nicht jüdisch. Er hatte Beziehungen und Geld, es gab Helfer, die der Familie schließlich die Flucht ermöglichten –  Karola war mit dabei.  In einem Vernichtungslager ist sie dank dieser Umstände nie angekommen. Ihr Weg führte sie unter anderem nach Tschechien. Wo sie als Kind sonst noch war, ist unklar. „Meine Mutter kann sich an diese Zeit nicht mehr genau erinnern“, sagt ihre Tochter Michaela Adami-Eberlein.

Der Stolperstein erinnert an Karola Adami, geborene Stern. Foto: Martina Welt

Nach Kriegsende 1945  kehrte Karola ins Rheinland zurück und lernte erstmals ihre leibliche Mutter kennen, die in einem der Vernichtungslager gewesen war. Sie hatte die Lager-Nummer noch auf den Arm tätowiert. Ein engerer Kontakt sei jedoch auch nach diesem Treffen nicht zwischen den beiden entstanden, so die Tochter.

Bei der Verlegung des Stolpersteins, der an ihre Geschichte erinnert, verflogen alle Bedenken von Karola Adami sehr schnell, als sie ihre Freundinnen und Freunde aus dem Rheidter Kirchenchor wiedertraf, in dem sie 50 Jahre lang mitgesungen hat, und auch die Mitglieder aus der katholischen Frauengemeinschaft, in der sie seit 70 Jahren Mitglied ist. „Ich war mein Leben lang durch und durch katholisch“, sagte Adami.

94-Jährige erinnert sich mit dem Stolperstein zurück

Karola als kleines Mädchen in Rheidt. . Foto: Martina Welt

Dem Niederkasseler Lehrer Georg Langen, der die Stolperstein-Verlegung organisiert hatte, fiel dazu vor allem eines ein: „Karola Adami ist ein gutes Beispiel für den ideologischen Wahnsinn der Zeit, ein totaler Unfug, der unendlich viel Unheil gestiftet hat“, sagte er in seiner Ansprache. Ihren Ehemann  Martin Adami  lernte Karola beim Pfingstball im neuen Sälchen in Rheidt kennen. „Mein Vater war Seemann und zu der Zeit als Rheinschiffer unterwegs“, sagt Michaela Adami-Eberlein.  Sein Schiff hatte in Mondorf angelegt, weshalb er die Zeit nutzte und nach Rheidt zum Tanzen ging.  „Meine Mutter erzählte immer, dass mein Vater ein kariertes Sakko wie Peter Frankenfeld trug, Filterzigaretten besaß und Bonbons in der Tasche hatte“, erzählt die Tochter heute. Das sei damals eine Seltenheit gewesen.

1948 heirateten die beiden und ließen sich in Rheidt nieder. Der Vater arbeitete in Troisdorf als Maschinist bei Dynamit Nobel. „Meine Mutter ist streng katholisch gewesen und mein Vater als Halbitaliener auch, musste jedoch wegen seiner Stiefmutter konvertieren und wurde dann evangelisch“, berichtet Adami-Eberlein. Geheiratet wurde ökumenisch.  Religion habe immer eine große Rolle gespielt und ihrer Mutter, die sich oftmals nicht als zugehörig fühlte, die Kraft gegeben, durchzuhalten.

Ein Satz ihrer Mutter hat jedoch auch das Leben der Tochter nachhaltig geprägt. „Wir dürfen uns net freuen, dann passiert jet“, warnte sie immer vor allzu viel Überschwang angesichts vermeintlich positiver Ereignisse, wie das Malen eines Stammbaumes, das für sie in die schwerste Zeit ihres Lebens führte. Daran erinnert jetzt der neue Stolperstein. Dort steht  „Hier wohnte Karola Stern, verhaftet 1944, geflohen 1944, versteckt, überlebt.“ Karola Adami ist heute 94 Jahre alt und hat es sich nicht nehmen lassen, dieses für sie so wichtige Ereignis mitzuerleben und mit Schülern zu sprechen.