Gedenken an Opfer des NS-Systems: Elf neue Stolpersteine werden in Bonn verlegt

Gedenken an Opfer des NS-Systems : Elf neue Stolpersteine werden in Bonn verlegt

Der Künstler Gunter Demnig verlegt in Bonn elf neue Stolpersteine. Sie sollen an die Opfer des nationalsozialistischen Systems erinnern. Hinterbliebene reisen aus Paris an.

Sie sind klein, für viele unscheinbar und haben doch eine immense Aussagekraft und Bedeutung. Jeder der insgesamt 307 Stolpersteine auf dem Bonner Stadtgebiet steht für ein Schicksal und ein Menschenleben. Ein Menschenleben, welches während der nationalsozialistischen Zeit grausam ausgelöscht wurde.

So wie das Leben von Arthur Weill, der am 1. April 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Zur Verlegung seines Stolpersteins waren am Montag neun Familienmitglieder aus Paris nach Bonn gereist. Der Kölner Künstler Gunter Demnig setzt sich seit 1993 mit seinem Projekt dafür ein, dass sich die Menschen an die Opfer der NS-Zeit erinnern.

Arthur Weill floh von Bonn nach Straßburg

Weill, der ursprünglich aus dem Elsass stammte, wohnte zuletzt mit seiner Familie in der Brückenstraße 34, heute Berliner Freiheit 36, in Bonn. Nachdem er 1933 aufgrund der Arisierung seine Anstellung im Kaufhaus Tietz verloren hatte, zog er mit seiner Familie erst nach Straßburg, dann nach Bordeaux und floh schließlich 1940 nach Dausse bei Paris. Am 2. März 1944 wurde Weill mit seiner Familie verhaftet, in ein Durchgangslager nach Drancy gebracht und am 27. März nach Auschwitz deportiert. Seine Tochter Alice und sein Sohn Ernest überlebten den Krieg und blieben in Frankreich.

In den 90er Jahren hatte sich Demnig mit der Deportation von Sinti und Roma beschäftigt. Vor dem ehemaligen Messelager in Köln-Deutz, welches von September 1942 bis Mai 1944 ein Außenlager des KZ Buchenwald war, hatte der Künstler eine Schriftspur zum Gedenken an die ermordeten Sinti und Roma gelegt. Seine Aktion zog die Aufmerksamkeit einer Zeitzeugin auf sich. In einem Gespräch mit ihr stellte der Künstler fest, wie wenig diese doch wusste.

Jeder Stein kostet 120 Euro

Daraufhin beschloss Demnig, das Projekt "Stolpersteine" ins Leben zu rufen. "Ich möchte die Gedenktafeln dahin bringen, wo das Grauen angefangen hat", so der Kölner Künstler. Und das Grauen begann meist vor der Haustür der Ermordeten. Seitdem hat er mehr als 70.000 kleine goldene Stolpersteine in 21 Ländern verlegt. 2002 fand der erste Stolperstein in Bonn seinen Platz. Seitdem kommen jährlich neue dazu.

Koordiniert und organisiert wird das Projekt von der Gedenkstätte Bonn. Finanziert wird es alleine durch Spenden. Ein Stolperstein kostet 120 Euro. Das Geld geht dabei ausschließlich an den Künstler zur Erstellung der Gedenktafeln. "In den meisten Fällen melden sich Bonner Bürger oder Freunde der Familie bei uns", so Astrid Mehmel, Vorsitzende der Gedenkstätte.

Angehörige blicken ohne Bitterkeit zurück

So auch im Fall von Arthur Weill. Ein Pfarrer, der seit 1966 mit Jean-Francois, dem Enkel von Weill befreundet ist, wandte sich mit seinem Anliegen an die Gedenkstätte. "Die Familie blickt ohne Bitterkeit auf das Geschehene", erzählte eine Bekannte. "Sie möchten nur die Erinnerung an ihre Vorfahren aufrechterhalten." Durch die Baustelle an der Berliner Freiheit musste die Verlegung des Stolpersteins mehrmals verschoben werden. Neben dem Stolperstein für Arthur Weill wurden drei weitere Steine in derselben Größe als Platzhalter verlegt. Dort soll in Zukunft Weills Vetter Jacques Samuel, dessen Sohn Pierre sowie dem Schwager von Samuel, René Weill, gedacht werden. Einen Termin gibt es noch nicht.

Bis dahin werden tagtäglich unzählige Menschen über den Stolperstein von Arthur Weill laufen. Wenn sich nur einer die Zeit nimmt, um Weills Namen zu lesen, hätte der Stein seine Funktion erfüllt. Denn wie der Künstler Gunter Demnig aus dem Talmud zitiert: "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist."