Katastrophen-Nachsorge: So arbeitet ein Notfallseelsorger der evangelischen Landeskirche

Katastrophen-Nachsorge : So arbeitet ein Notfallseelsorger der evangelischen Landeskirche

Notfallseelsorger Joachim Müller-Lange kämpft für eine langfristige Katastrophen-Nachsorge. Seine Trainings zählen rund 700 Teilnehmer.

Das ICE-Unglück in Eschede, der Tsunami in Thailand oder die Loveparade-Katastrophe in Duisburg – fast jeder erinnert sich an diese dramatischen Ereignisse. Joachim Müller-Lange war bei diesen Katastrophen als Notfallseelsorger der evangelischen Landeskirche vor Ort.

Es ging damals um akute Hilfe und bis heute geht es ihm um die mittel- und langfristige Nachsorge bei den Beteiligten. Müller-Lange ist inzwischen im Ruhestand. Eine Frage lässt den Pfarrer, der in Niederkassel-Rheidt lebt, bis heute nicht los, und das ist die langfristige Betreuung der Betroffenen. „Die Notfallseelsorge ist mir zu einer Herzensangelegenheit geworden“, sagt der Pfarrer heute rückblickend. Deshalb hat er Trainings für die Helfer gemacht, Handbücher geschrieben und auch eine Notfallbegleitung für Muslime herausgebracht.

„Eschede war im Juni 1998 der erste Einsatz. Da kamen insgesamt 80 geschulte Personen zusammen, um den Helfern vor Ort zu helfen“, sagt Müller-Lange. Er war damals Leiter eines der Teams. Sein letzter Einsatz war bei der Loveparade-Katastrophe in Duisburg, wo er die psychosoziale Notfallversorgung leitete, sowohl für die Helfer als auch für die Betroffenen. „Bei der Loveparade war ich mittendrin“, sagt Müller-Lange. Ich habe die Toten persönlich ausgesegnet und auch drei Monate danach noch Nachsorge gemeinsam mit den Helfern vor Ort gemacht.“

Dass es mit der Betreuung während und kurz nach einer Katastrophe nicht getan ist, das verdeutlicht sein aktuell bevorstehender Reisetermin. Auch wenn der 66-Jährige inzwischen im Ruhestand ist, so engagiert er sich immer noch für das, was ihm besonders wichtig ist – das ist die mittel- und langfristige Nachsorge nach Katastrophen.

Das gilt etwa für die Tsunami-Katastrophe in Thailand, die sich am 26. Dezember zum 15. Mal jährt. Müller-Lange wird Weihnachten in Thailand verbringen, gemeinsam mit Betroffenen der Tsunami-Katastrophe. Andacht, Gedenken, Rundfahrten und vor allem der Austausch der Betroffenen untereinander – das helfe und sei ein großes Bedürfnis, sagt er. „Die Menschen wollen an den Jahrestagen an den Ort des Geschehens zurück.“ Und fügt hinzu: „Die Notfallseelsorge ist die Akutversorgung, aber danach muss es weiter gehen.“

700 Teilnehmer bei Trainings für Helfer

Derzeit gebe es dafür keine gesetzliche Grundlage. Müller-Lange trainiert Helfer nach einer von ihm entwickelten Methode. Diese Trainings hat der Notfallseelsorger immer nebenberuflich gemacht. Bis jetzt sind 700 Teilnehmer durch seine Schule gegangen und haben das Training mit einem Zertifikat abgeschlossen. Seine Methode orientiert sich an der Ausbildung der Trainer in den USA nach der Methode CISM (Critical Incident Stress Management). „Das ist eine spezielle Methode bei der es um strukturierte Gesprächsformen geht“, erläutert er.

Müller-Lange weiß, dass heftige Reaktionen nach einer Katastrophe in den ersten vier Wochen „völlig angemessen“ sind. Allerdings sollte dann eine Erholung einsetzen, damit sich keine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt. Diese zeige sich durch unkontrollierte Bilder, Gerüche und Geräusche, die dem Betroffenen suggerierten, er sei mittendrin. Schlafstörungen, Reizbarkeit, das Gefühl, in Watte gepackt zu sein, und heftige Schuldgefühle seien typische Symptome. „Um eine derart tiefgreifende Störung zu bearbeiten, sind intensive Einzelgespräche nötig“, sagt Müller-Lange.Der Pfarrer hat ein Standardwerk mit dem Handbuch „Notfallseelsorge“ veröffentlicht, welches die Helfer auf die unterschiedlichen Indikatoren vorbereitet. Dieses Buch ist inzwischen in der dritten Auflage erschienen und eine Grundlage für die Seelsorgeausbildung und für ehrenamtliche Helfer.

Der gebürtige Düsseldorfer absolvierte sein Theologiestudium in Wuppertal, Heidelberg und Bonn. Nach einem Vikariat an der kirchlichen Hochschule in Wuppertal bot man ihm eine halbe Pfarrstelle und eine halbe Stelle als Polizeiseelsorger in Wuppertal an. 1989 wechselte Müller-Lange als Landespfarrer für die Polizeiseelsorge Süd in die Dienstwohnung seines Vorgängers nach Niederkassel-Rheidt. 2000 wurde er Landespfarrer für Notfallseelsorge und 2010 Dezernent für Fundraising und Kollekte. Im September 2018 ging Müller-Lange in den Ruhestand und arbeitet nun als stellvertretender Vorsitzender in der von Sybille und Hartmut Jatzko gegründeten Stiftung „Katastrophennachsorge“.

Heute sagt der Pfarrer: „Die Notfallseelsorge hat mich frommer gemacht.“ Man sei oft hilflos in eine Situation gegangen. Entscheidend sei in solchen Momenten nicht, was man sage. „Man muss diese Situation gemeinsam mit den Betroffenen aushalten.“ Das sei der Kernbereich der Notfallseelsorge.

In Zukunft wird der Ruheständler sich aber auch mehr mit Gartenarbeit, seiner Modelleisenbahn im Keller und den Fahrten mit dem Wohnmobil beschäftigen und natürlich mit der Familie, zu der neben den beiden Kindern inzwischen auch drei Enkelkinder zählen.