1. Region
  2. Sieg & Rhein
  3. Mehr von Sieg & Rhein

Waldschäden durch den Klimawandel : Fichten sterben im Rhein-Sieg-Kreis aus

Waldschäden durch den Klimawandel : Fichten sterben im Rhein-Sieg-Kreis aus

Die Wälder im Rhein-Sieg-Kreis leiden unter der starken Hitze der vergangenen Jahre. Besonders die Fichte ist betroffen. Ihr macht der Borkenkäfer am meisten zu schaffen.

Es ist ein tristes und schönes Bild zugleich: An einer Stelle im Süchterscheider Wald bei Hennef ist die Sicht auf das Umland frei, grüne Wälder sind in der Ferne zu sehen, dahinter einige Häuser und weite Felder. Doch gleich am Wegesrand stapeln sich abgesägte Baumstämme, Rindenstücke und kleine Äste bedecken den Boden – die gute Sicht bekommen Wanderer oder Spaziergänger nur wegen des großen Kahlschlags zu Gesicht. Und bei genauerem Hinsehen fallen in der Ferne rot-braun gefärbte Fichten zwischen den grünen Laubbäumen auf. Die Wälder im Rhein-Sieg-Kreis verändern sich zurzeit in einem rapiden Tempo. Schuld daran: Der Klimawandel.

Der nordrhein-westfälische Wald besteht zu 30 Prozent aus Fichten – es ist die am häufigsten vorkommende Baumart. Seit zwei Jahren beschäftigen sich die Förster in ganz Deutschland und in anderen Regionen Mitteleuropas jedoch zunehmend damit, die Nadelbäume zu entfernen. Der Borkenkäfer vermehrt sich so schnell wie noch nie und vernichtet die Fichten. Angesichts der Hitze der vergangenen zwei Jahre schaffen es die Bäume nicht mehr, genug Harz zur Verteidigung gegen den Käfer zu produzieren.

„Wir haben hier alle Bäume mit Befall eingeschlagen, um die anderen zu schützen. Zehn Tage später waren aber auch schon die restlichen Fichten befallen“, berichtet Priska Dietsche, Leiterin des Forstbetriebsbezirks Eudenbach des Regionalforstamts Rhein-Sieg-Erft, und zeigt auf die aus der Entfernung noch gesund aussehenden Bäume. Allerdings prangt auch auf deren Stämmen eine rosafarbene Markierung, die den Befall kennzeichnet. Bei Dürre könnte in drei Wochen bereits die Rinde abfallen, in fünf könnte sich der Baum rot verfärben, erklärt Dietsche.

„Problem ist der Klimawandel“

In ihre Verantwortung fällt ein Gebiet von 10.000 Hektar Fläche von der Sieg bei Stein über den östlichen Teil Hennefs bis Bad Honnef und Eitorf. Um 3000 Hektar Wald kümmert sie sich und stellt überall die gleichen Schwierigkeiten fest. Ob in Bad Honnef oder in Königswinter: Der Borkenkäfer macht keinen Halt an Stadtgrenzen. Dietsche ist lediglich für den Privatwald zuständig, sieht aber, dass es den Fichten im über 1000 Hektar großen Stadtwald in Bad Honnef besonders schlecht geht. Und auch im Kottenforst hat der Borkenkäfer im vergangenen Jahr sein zerstörerisches Werk hinterlassen. Eines ist für sie gewiss: „Das eigentliche Problem ist der Klimawandel, nicht der Borkenkäfer.“

Tatsächlich beginnen auch andere Bäume, unter der Hitze zu leiden. Am Ahorn stellen Förster immer häufiger einen Pilz fest, der eigentlich in südlicheren Regionen vorkommt. Die Esche wird ebenfalls öfter als noch vor einigen Jahren von einem Pilz befallen. Buchen bekommen Sonnenbrand, an dem sie sterben können – häufig jene, die am Rand eines Fichtenkahlschlags stehen und nun mehr Sonne abbekommen. Der Borkenkäfer wird schließlich nicht nur für die Fichten zum Problem. Mittlerweile macht er sich sogar an Lärchen ran.

Die Holzschadmenge durch den Käfer betrug in NRW 2018 zwei Millionen Festmeter (Kubikmeter feste Holzmasse), im Jahr zuvor waren es noch nicht einmal 200 000. 2019 stieg die Zahl dann auf 16 Millionen. Viele Förster gehen davon aus, dass es in ein bis drei Jahren keine Fichten mehr in der Region geben könnte, berichtet Dietsche. Wenn es ein Jahr gebe, in dem es viel regnet, könne die Population noch gerettet werden. Sind die kommenden zwei Jahre jedoch wieder so warm wie die vergangenen, sehe sie „hier ziemlich schwarz“, so Dietsche.

Holzpreis ist im Keller

Der Wald könne sich von einer solchen Katastrophe durchaus erholen: „Man verliert die Fichte, das ist sehr bedauerlich. Aber es wird ein neuer Wald entstehen und wir gewinnen vielleicht neue Arten. Für uns ist es aber vor allem eine wirtschaftliche Katastrophe“, sagt Dietsche. Denn der Holzpreis sei „vollkommen im Keller“. Lediglich die Kosten für die Fällarbeiten und den Transport könnten derzeit noch gedeckt werden.

„Die Sägewerke wollen zum Teil das Holz gar nicht mehr haben“, erklärt Dietsche. Sie kämen mit der Verarbeitung nicht mehr hinterher, sodass viel Material bereits nach China exportiert werde. Hinzu kommt, dass die Qualität des Holzes leidet. Sekundärschäden, die die Statik zum Teil beeinflussen, treten an den trockenen Bäumen besonders häufig auf. In solchen Fällen kann das Holz meist nur noch gehackt werden. „Jetzt werden die Märkte überschwemmt, aber danach haben wir ein Problem“, sagt Dietsche. In einigen Jahren könnte die Situation genau umgekehrt sein: Deutschland muss Material importieren, weil kaum Bauholz mehr zur Verfügung steht. Denn die Fichte wurde in der Vergangenheit primär als solches verwendet. Nun werde geforscht, welche anderen Baumarten sich als Bauholz eignen.

Und so ändert sich das Bild des Waldes langsam. Einige Kahlflächen forsten die Waldbesitzer, Förster und Umweltämter wieder auf, andere werden sich selbst überlassen. „Die Baumschulen können gar nicht so viele Pflanzen produzieren. Es gibt einfach nicht genug für die Wiederaufforstung aller Flächen“, sagt Dietsche. Auf Mischkulturen werde großer Wert gelegt.

Im Süchterscheider Wald ist indes schon ein Funke Hoffnung in Sicht: Neben den rosa bemalten Fichten und der daran angrenzenden kahlen Fläche sprießen in einem umzäunten Bereich schon wieder junge Bäume in den Himmel, unter anderem Eichen, Hainbuchen und Esskastanien. Letztere seien wärmeliebende Bäume, erklärt Dietsche. Man pflanze mittlerweile mehr Bäume aus südlichen Regionen an. „Ich weiß nicht, ob es Erfolg haben wird“, so die Försterin. Das wird sich vermutlich erst in 20 bis 30 Jahren zeigen.