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70 Jahre Kriegsende: Eine verlorene Jugend

70 Jahre Kriegsende : Eine verlorene Jugend

Ihre ganze Kindheit war davon bestimmt, "körperlich, geistig und sittlich im Geiste des Nationalsozialismus zum Dienst am Volk und zur Volksgemeinschaft" erzogen zu werden. Für die jugendlichen Flakhelfer brach 1945 ein Weltbild zusammen.

Sechzehn Jahre. Was für ein Alter. Eine Phase, die fürs Leben prägt. Die Partys, die Schwärmereien, das Bauchkribbeln, die Musik, die Unsicherheit, das Aufbegehren gegen die Eltern.

Auf Youtube die neuesten Videoclips ansehen, wie Bastian Schweinsteiger sein wollen oder sich sehnsüchtig durch das Werk von Hermann Hesse lesen. Oder womöglich der Spielekonsole frönen, abhängen und Chips futtern.

Wer vor siebzig Jahren sechzehn war, der hatte, zumindest als Junge, etwas anderes zu tun: Seine Aufgabe bestand darin, alliierte Bomber mitsamt ihrer tödlichen Fracht vom Himmel zu schießen. Flakhelfergeneration, so wird man sie später nennen.

Anfang 1945 erreicht der Bombenkrieg seinen Höhepunkt, eine Stadt nach der anderen versinkt in Schutt und Asche. Vom Boden feuern deutsche Flugabwehrkanonen, kurz Flak, auf die feindlichen Bombengeschwader.

Hinter den Rohren hocken Jugendliche. Unter ihnen sind viele, die Jahrzehnte später in unterschiedlichsten Lebensbereichen Bekanntheit erlangen sollen. Genscher, Lambsdorff, Vogel, Lenz, Eppler, Siedler, Walser, Grass – um nur einige zu nennen.

Von einer „verdächtigen Altersgruppe“ spricht der Kölner Verleger Alfred Neven DuMont im Vorwort zu seinem Erinnerungsband „Jahrgang 1926/27“ und verweist darauf, dass diese Jahrgänge noch zu jenen gehören, die als Deutsche bei der Einreise nach Israel eines besonderen Visums bedürfen.

Wie „verdächtig“ macht sich jemand, der mit sechzehn Jahren von der Schulbank an die Flak beordert oder dem im festen Glauben an den sicheren Endsieg eine Panzerfaust in die Hand gedrückt wird? Wie prägend war der allgegenwärtige Nationalsozialismus, den diese Jahrgänge seit frühester Kindheit – beinahe mit der Muttermilch – aufgesogen hatten?

Und wie brutal war es, das gewohnte Weltbild mit der eigenen Umgebung einstürzen zu sehen? Immerhin ist von vielen Jungen überliefert, dass sie ihre Einsätze zunächst keineswegs als Katastrophe, sondern als ein großes Abenteuer erlebten.

Friedrich Nowottny, der spätere Journalist und langjährige WDR-Intendant, erlebt das Kriegsende nahe dem Geburtsort Adolf Hitlers. Anfang Mai 1945 läuft er in der Nähe von Braunau am Inn den Amerikanern in die Arme.

„Das war mein Ende als großdeutscher Soldat“, erinnert sich der 85-Jährige heute und antwortet auf die Frage nach seinen damaligen Gefühlen ohne Zögern: „Es war für mich kein Tag der Befreiung, im Gegenteil. Ich hatte das Gefühl der totalen Niederlage.“. Um ihn herum, so erzählt er, hissten die Österreicher schon wieder haushoch die rot-weiß-roten Fahnen: „Die waren plötzlich befreit worden“.

Zu Hause, im oberschlesischen Hindenburg, sei er ein „begeisterter Pimpf“ der Hitlerjugend gewesen. „Ich fand das alles großartig – sehr zum Leidwesen meiner Eltern“, erinnert er sich. Als 1944 die ersten Jungen in der Mittelschule von der SS gemustert und gemessen werden, stellt sich der 15-jährige Friedrich auf die Zehenspitzen, um auch dabei zu sein – er fliegt aber mit seiner Schummelei auf.

Anfang 1945 wird er schließlich in einer Volkssturmeinheit im Kreis Rybnik als Meldegänger eingesetzt, während die Evakuierung von Frauen und Kindern beginnt. „Der Endsieg ist nahe“ verkündet der Bataillonskommandeur angesichts des bevorstehenden Fronteinsatzes.

„Aber ohne meinen Sohn“, sagt Nowottnys Vater, welcher derselben Einheit angehört. Denn Friedrich hat einen Marschbefehl für Offiziersbewerber in der Tasche. Es wird ein Abschied für immer: Während der Vater in Richtung Front verladen wird, bricht der Sohn in die andere Richtung auf, um sich durch Böhmen in Richtung Niederbayern durchzuschlagen.

„Es war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe“. Erst 1946, nach einer „äußerst komfortablen Gefangenschaft“ bei den Amerikanern in Braunau und einer Odyssee mit Mutter und Schwester nach Bielefeld erfährt die Familie, dass der Vater am 15. April 1945 gefallen ist.

Für den Jungen ein herber Einschnitt: „Ich war überzeugt: Wenn er wiederkommt, wird alles wieder gut.“ Hatte der 16-Jährige Gelegenheit zur Reflexion? „Natürlich nicht. Das war eine raue Zeit, es hieß: friss oder stirb! Wir hatten zwei Dinge, das waren Hunger und Durst. Und es war niemand da, der sagte: Der Junge ist traumatisiert, der muss zum Psychiater“.

Heinz Schwarz kann noch heute die Einweisungssprüche auswendig wie zackig hersagen, die in der Endphase des Krieges einem jeden eingeimpft wurden, der zur Bedienung der Flak eingeteilt war. Bei der Musterung hat er sich freiwillig als Offiziersanwärter der Panzertruppe gemeldet.

„Damit ich nicht zur Waffen-SS muss“, erzählt der heute 86-Jährige, der in den siebziger Jahren rheinland-pfälzischer Innenminister war.

Als Luftwaffenhelfer erlebt er Anfang März auf der Erpeler Seite das Drama um die Ludendorffbrücke und legt angesichts der zurückströmenden deutschen Einheiten alle Illusionen ab: „Als ich die verlorenen Haufen sah, war mir klar: Die können den Krieg nicht gewinnen“. Für ihn ist „der Fall erledigt“.

Doch noch fühlt er sich in Erpel sicher, denn zur Sprengung der Brücke von Remagen ist ja alles vorbereitet. Die aber scheitert bekanntlich. Der 16-jährige Heinz sieht dabei zu, wie der erste amerikanische Soldat in Remagen mit Gewehr im Anschlag auf die Brücke zugeht.

„Jetzt wusste ich: Nun kommt der Krieg zu dir.“ Kurz darauf sind die ersten „Amis“ auf der Brücke. Heinz Schwarz gibt Fersengeld, läuft über Orsberg, vorbei an der Steffens-Brauerei und über die Linzer Höhen ins heimatliche Leubsdorf. „Damit war ich fahnenflüchtig, was mir erst später bewusst wurde“, so Schwarz.

Konsequenzen hat es für ihn nicht. Als, wie immer am ersten Maisonntag in Leubsdorf, die Kirmes ansteht, gilt der letzte Segen von Pastor Josef Lellmann den deutschen Gefangenen im Lager auf der anderen Rheinseite.

Manfred Kersten aus Köln-Riehl ist 15 Jahre alt, als er sich am 7. Februar 1945 im schwäbischen Binswangen zur Erfüllung seiner „Jugenddienstpflicht“ meldet. „Wir gehen einer immer schrecklicheren Zeit entgegen“, schreibt er am 12. Februar in einem Brief an die Eltern.

„Der Feind dringt immer weiter vor, und wenn die Engländer bis Lindau vordringen, dann wird sicher der Volkssturm von Oberstdorf und Umgebung aufgerufen. Dann müssen wir alle an die Front.“

Fest verankert in seinem bürgerlichen Elternhaus – der Vater war Anhänger der katholischen Zentrumspartei – habe er gelernt, den Indoktrinierungsmaßnahmen der Nazis zu widerstehen, erzählt der 85-Jährige heute.

Dreimal tritt er im Ausbildungslager auf die Frage „Wer meldet sich nicht freiwillig an die Front?“ nach vorn, beim dritten Mal wird er so zusammengetreten, dass er wimmernd am Boden liegt. Den Krieg überlebte der heute in Mehlem lebende Kersten, die Jahre unter der Knute des Nationalsozialismus nennt er „eine verlorene Jugend“.

Drei Erfahrungsberichte, die sich im damals Erlebten und Empfundenen durchaus unterscheiden. Sinnlos erscheinen da kollektive Geschichtsbilder, in denen nach den Kategorien von „Tätern“ oder „Opfern“ sortiert wird.

Dazu Alfred Neven DuMont: „Die inneren und äußeren Anforderungen, die Zwänge und Gefahren, denen diese Generation in ihrer Jugend ausgesetzt war, sind sehr wahrscheinlich für Heutige, die im Genuss einer friedlichen Demokratie und im Wohlstand aufgewachsen sind, kaum vorstellbar.“

Den Fanatisierungs- und Verzweiflungsgrad verdeutlicht Autor Florian Huber in seinem aktuellen Buch „Kind, versprich mir, dass du dich erschießt“. Während sich Adolf Hitler in seinem Bunker eine Kugel in den Kopf schießt, strömen im pommerschen Städtchen Demmin beim Einmarsch der Roten Armee Hunderte Menschen in Flüsse und Wälder, um sich dort umzubringen.

Demmin ist nur ein – wenn auch extremes – Beispiel: Eine Suizid-Epidemie ergreift Tausende Menschen im Land, ganze Familien werden ausgelöscht, Eltern töten ihre Kinder, zum Einsatz kommen Zyankali, Stricke, Rasierklingen, Pistolen, Jagdgewehre oder die bloße Hand. Die Zahl jener Toten wird nie geklärt, ein Rezensent beschrieb den vernichtenden Rausch als „Triumph des Todes“ – ähnlich den Bildern eines Hieronymus Bosch.

Wie sehr die Erlebnisse der Flakhelfer noch Jahrzehnte später nachgewirkt haben, zeigt ein Beispiel aus jüngerer Zeit. So nutzte der Mathematiklehrer des Autors dieser Zeilen, ein liebenswerter Herr vom „alten Schlage“ und brillanter Pädagoge, bis zum Ruhestand praktische Erfahrungen seiner Jugendzeit, um mathematische Fragestellungen zu veranschaulichen.

Und so kam es, dass sich der Mathe-Leistungskurs an einem Bonner Gymnasium noch in den neunziger Jahren der Berechnung der Streuwirkung der Flak widmete.

Auch der Lehrer war Luftwaffenhelfer gewesen und erzählte oft vom improvisierten „Unterricht“ in den Stellungen, bis dem schwer getroffenen Essener Norden der nächste Angriff bevorstand. Der 16-Jährige überlebte das Inferno im Ruhrgebiet. Viele andere nicht.