Alle Brüder werden Schwestern

"Die Räuber" mit vertauschten Geschlechterrollen

Der Wald steht schwarz und schweiget: Szene mit Graf Moor (Bruno Cathomas) und Franz (Sophia Burtscher). FOTO: BIRGIT HUPFELD

Der Wald steht schwarz und schweiget: Szene mit Graf Moor (Bruno Cathomas) und Franz (Sophia Burtscher). FOTO: BIRGIT HUPFELD

Köln. Ersan Mondtag zeigt Schillers berühmtes Drama in einer ungewöhnlichen Inszenierung: Fürs Ensemble gab es Beifall, Buhs für die Regie.

Robin Hood bekommt ungeahnte Konkurrenz. Denn das zurückschlagende Gender-Pendel trifft Friedrich Schillers „Die Räuber“ da, wo's weh tut: unter der Gürtellinie. Alle Brüder werden Schwestern, könnte das Motto von Ersan Mondtags Inszenierung am Kölner Schauspiel sein: Sophia Burtscher spielt den bösen Franz Moor, der seinen Bruder Karl (Lola Klamroth) aus der väterlichen Gunst herausintrigiert und ins Räuberleben zwingt, während er den alten Grafen Moor mit erfundenen Hiobsbotschaften zerrüttet.

Burtscher macht das fabelhaft: Diese gertenschlanke Blondine im eleganten Kleid ist fechtend, giftend, lockend, fluchend und wütend stets ein Mistkerl der Sonderklasse. Lola Klamroth schlägt sich im Wams des Räuberhauptmanns Karl wacker, aber nicht derart bravourös. Wenn dann beide um Amalia buhlen und die vom strammen Jonas Grundner-Culemann als Heulsuse verkörpert wird, schleicht sich mehr als ein Hauch von „Charleys Tante“ ins Depot 1.

Ebenso dunkel wie der Sinn des Geschlechtertauschs (mit dabei: Kate Strong als Roller, Ines Marie Westernströer als Hermann), bleibt der angepappte Schluss: Carolin Emckes „Monolog über die Freiheit“ wird von Thelma Buabeng als Humanitätshochamt bei Kerzenschein zelebriert, mit Kernsätzen wie „Rassismus ist grundlos“ oder „Nichts ist unfreier als andere zu hassen“. Vielleicht waren auch die Buhrufer am Schluss der Ansicht, dass dieser Text eher ins Programmheft gehört hätte.

Ein Bühnenbild wie von Caspar David Friedrich

Während am Konzept so einiges knirscht, brilliert Mondtag als sein eigener Bühnenbildner: Im Mondlicht umzingeln die Fichten düster die Spielfläche, rechts liegt ein Wasserbecken, über dem sich per Video zuerst nur der Caspar-David-Friedrich-Horizont verändert, links steht das drehbare Hexenhaus, in dem Franz herrscht.

Damit aber nicht alle bei Käuzchengekreisch und wallenden Nebeln ganz schauerromantisch gucken, erhebt sich in der Mitte ein monströs-pathetischer Fremdkörper: das stalinistische Herrscherdenkmal des alten Moor. Den jedoch rückt Bruno Cathomas als verlotterten Tattergreis hart an die Grenze zur Karikatur.

Unterdessen stellt die Regie Szenen wie aus niederländischen Genregemälden und lässt vier altmodisch behütete Damen in leicht dissonantem Schöngesang schwelgen. Man würde sich nicht wundern, wenn dazu Edgar Allan Poes „Rabe“ einfliegen würde. In dieser fast meditativ (und zeitraubend) ausgepinselten Kulisse hat es Schillers Sturm und Drang indessen schwer. Die wohltemperierte Gruselatmosphäre schlägt eigentlich nur einmal in blanken Horror um, die Erotik verpufft ohnehin im Geschlechterkuddelmuddel.

Überaschenderweise wirken auch die Dialoge oft eher textfromm aufgesagt als mimisch durchpulst. Beinahe zwangsläufig übernimmt nach der Pause das Kino das Kommando: In Videosequenzen sieht man die Räuber um Karl und Schweizer (Simon Kirsch) durch den Herbstwald streifen, blutig ramponiert, arg zerstritten.

Mehr als ein Quentchen Tarantino ist der Film kaum, stiehlt aber der Aktion auf der Bühne die Schau. Erst spät dürfen sich dort die Ereignisse überschlagen, wenn Franz von den eigenen Dämonen in den Tod getrieben wird, Amalia für Karl frei wäre, der sie aber der Räuberehre wegen tötet. Bevor er auch ohne Carolin Emckes Nachhilfe begreift, wie absurd es ist, „die Welt durch Gräuel zu verschönern“.

Wohin Ersan Mondtag mit seiner Schiller-Lesart letztlich will, bleibt an diesem überlangen Abend schleierhaft – aber man kann im mythendunklen deutschen Wald eben auch auf den Holzweg geraten. Beifall und Bravi für das Ensemble, gemischte Reaktionen mit markanten Buhs fürs Regieteam.

Knapp drei Stunden 45 Minuten. Wieder am 24., 27.3.; 5., 13., 18., 26. und 30.4.. Karten in den Bonnticket-Shops des General-Anzeigers sowie auf www.ga-bonn.de/tickets.