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Premiere im Schauspielhaus Bonn: Schillers „Räuber“ in 100 Minuten

Premiere im Schauspielhaus Bonn : Schillers „Räuber“ in 100 Minuten

Simon Solberg inszeniert Schillers Drama „Die Räuber“ im Schauspielhaus in Bonn – in 100 spannenden Minuten. Musik von Billie Eilish und Breakdance-Einlagen bringen das Stück nah an die Gegenwart heran.

Schon die englische Band The Kinks wusste: „Girls will be boys, and boys will be girls“ („Lola“, 1970).  In Simon Solbergs Inszenierung von Friedrich Schillers Drama „Die Räuber“ im Schauspielhaus entfaltet sich der Konflikt zwischen den Brüdern Karl und Franz Moor nicht in der Konstellation von 1782. Franz hat das Geschlecht gewechselt; man könnte ihn Franzi nennen. Der berühmte Satz „Franz heißt die Kanaille?“ fällt logischerweise nicht.

Der rund hundertminütige, pausenlose Theaterabend verfährt souverän mit Schillers wortreichem Stück. Solberg (Regie und Bühne) hat eine eigene Textfassung erarbeitet, viel gestrichen, Passagen umgebaut und auf mehrere Sprecher verteilt. Dabei ist es ihm gelungen, Schiller durchaus treu zu bleiben. Statt in mehr als drei stößt er in weniger als zwei Stunden zum Kern des Dramas vor, in dem sich in den Worten des Bonner Germanisten und Schiller-Spezialisten Norbert Oellers jede Zeit wiederzufinden vermag. Unsere Zeit erscheint in Solbergs Sicht finster. Zu Beginn erheben sich acht Schauspieler – Annika Schilling, Daniel Stock, Annina Euling, Gustav Schmidt, Christian Czeremnych, Timo Kählert sowie die Kolleginnen von der Alanus-Hochschule Magali Vogel und Larissa Ruppert –, um kollektiv Franz Moors die Handlung motivierenden Fragen zu stellen: „Warum bin ich nicht der erste aus Mutterleib gekrochen? Warum nicht der einzige? Warum musste sie mir diese Bürde von Hässlichkeit aufladen?“ Der versierte Intrigant Franz wird sich wie Shakespeares Richard III. rauben, was ihm das Leben vorenthält. Er wird seinen Bruder gegenüber dem Vater wortreich verteufeln. Der diskreditierte Karl macht dann als Räuberhauptmann eine kriminelle, Robin-Hood-hafte Karriere, bevor er am Ende „wieder in das Geleise der Gesetze“ tritt, wie Schiller feststellte. Franz steht für einen gottlosen, selbstherrlichen Intellekt, Karl für eine anarchische Kraft, die glaubt, die Welt durch Gräuel zu verschönern und „die Gesetze durch Gesetzlosigkeit aufrechtzuerhalten“.

Eigene Akzente

Die Bonner Inszenierung setzt eigene Akzente. Auf der von einigen Neonröhren spärlich erleuchteten und mit Kästen möblierten Bühne brennt am Anfang die Fackel der Erkenntnis und Aufklärung. Franz und Karl sind politisch ganz auf einer Linie, vereint gegen Tyrannen: „Wozu diese ewige Knechtschaft?“ Doch dann ertönt ein Gongschlag, und sie erscheinen unfrei, wie Marionetten an unsichtbaren Fäden. Es sei alles so finster, bemerkt Karl einmal und klagt über das „schale Marionettenspiel“, in dem einer wie er mitwirken muss. Einer der variablen Kästen droht ihn wie ein mächtiges Felsstück zu erdrücken. Die Inszenierung baut lange am Gebäude eines nihilistischen Endspiels. Der Weg zur Befreiung aus diesem Haus ist weit: ein Zukunftsprojekt. Im letzten Bild des Abends halten sich Annina Eulings widerständige Amalia (sie lebt!) und Karl an den Händen. Sie verabschieden sich mit den visionären Worten: „und schenken unseren Kindern Freiheit“.

Solberg bringt Schiller ganz nah an die Gegenwart: mit ausdrucksvollen Choreografien von Takao Baba und Solomon Quainoo zu Musik von Billie Eilish („You Should See Me In A Crown“), zu Rap und rammsteinhaften Ausbrüchen. Dabei zeigt sich: Gustav Schmidt (Spiegelberg) ist ein virtuoser Breakdancer. Immer wieder treten die Darsteller aus ihren Rollen heraus, entwickeln eine komischen Effekten untergeordnete Distanz. Auch Zappeln und Rolle vorwärts gehören zum stilistischen Repertoire dieser sehr physischen „Räuber“. Timo Kählert (Hermann/Roller) geht öfter und schneller zu Boden als ein chancenloser Boxer.

Innere Zustände

All das erscheint selten als szenischer Selbstzweck und spiegelt meistens innere Zustände. Es gibt aber auch zurückgenommene, von Schauspielkunst erfüllte Momente, in denen zum Beispiel der alte, anfangs machtkalte Moor (Wilhelm Eilers) mit fahlem Antlitz  die Trümmer seiner Existenz betrachtet. Annika Schilling beglaubigt intensiv das Unglück der zu kurz gekommenen Tochter. Gespenstisch, wie sie schaudernd lustvoll den Tod des Vaters herbeifantasiert. Daniel Stock durchlebt als Karl alle Aggregatzustände seiner Figur, er ist ein Bündel von Widersprüchen, eine explosive Mischung aus Aggression, revolutionärem Furor, zarter Empfindung und Verletzlichkeit. Und wie alle anderen ein toller Tänzer.

Das Premierenpublikum belohnte die starke Leistung mit viel Beifall.

Die nächsten Aufführungen: 6., 12., 14. und 29. Februar. Karten bei ga.de/tickets.