Ausstellung in Bonn: Arithmeum zeigt Retrospektive der Malerin Elena Lux-Marx

Ausstellung in Bonn : Arithmeum zeigt Retrospektive der Malerin Elena Lux-Marx

Das Arithmeum zeigt eine Retrospektive der Malerin Elena Lux-Marx. Helligkeit und Dunkelheit verwandeln das geometrische Muster in eine wogende Landschaft

Es empfiehlt sich, in diese Ausstellung stahlnüchtern und mit ausgeruhten Augen zu gehen. Und sich während des Rundgangs immer wieder auf eine weiße Wand im Arithmeum zu fixieren, um die Nachbilder im Kopf zu beruhigen. Elena Lux-Marx geht mit ihrer Malerei an die Schmerz- und Schwindelgrenzen der Sehnerven. Manches harmlos anmutende Streifenwerk entpuppt sich als Suchbild ohne Ausgang, als unlösbare Recherche nach der Bildlogik. Will man den Farbverläufen folgen und die innere Dramaturgie enträtseln, endet das Unterfangen nicht selten in heftigem Flimmern.

Seit den 1970er Jahren entwickelt Lux-Marx ihr System aus Streifen, ausgehend von konstruktivistischen und konzeptuellen Etüden. Im Jahr 2000 präsentierte sie das Arithmeum erstmals, zeigte damals aktuelle Arbeiten. Nun fand es Museumschefin Ina Prinz an der Zeit, die 1944 in Oberammergau geborene, in Berlin aufgewachsene und in Zürich lebende Malerin mit einer Retrospektive zu würdigen. Ein richtiger Schritt, wird so doch mit rund hundert Arbeiten das nahezu fünf Jahrzehnte umspannende Werk in seiner ganzen Breite und Komplexität fassbar.

Die Entdeckungsreise beginnt bereits damit, dass das, was wir als fein modulierte, farblich abgestufte Streifen sehen, im Grunde aneinandergereihte kleine Rechtecke sind – bis zu 10 000 pro Gemälde, das stets die Maße 142 mal 134 Zentimeter hat. Mit diesen Rechtecken geht es von Hell zu Dunkel, von Rosa bis Lindgrün, von Orange zu Taubengrau. Feine Abstufungen erzeugen die Suggestion, man habe Streifen vor sich. Immer wieder baut Lux-Marx Irritationen ein: Es entstehen Schatten, Simultankontraste lassen Farben flimmern, kaum ein „Streifen“ endet, wie er begann. Helligkeit und Dunkelheit verwandeln das geometrische Muster in eine wogende Landschaft. Extreme Helligkeit führt dazu, dass Bilder geradezu im puren Licht aufgehen. Dunkelheit verwischt alle Farbspuren. Und mitunter verunklären Nebelfelder das Bildgeschehen, das Werk droht zu kollabieren.

Effekte folgen einem Zweck

Doch wer genau hinsieht, was sich in der Ausstellung „Seh(n)sucht“ unbedingt empfiehlt, bemerkt, dass alle Effekte, die Lux-Marx einstreut, fern jeder Spielerei sind, sondern immer dem Zweck folgen, Farbverläufe und Farbbrüche erst zu ermöglichen.

Der Charme dieser Ausstellung besteht nicht nur darin, ein geradezu uferloses Streifenwerk zu sehen, man betritt quasi das Atelier der Malerin, erlebt die experimentellen, sehr analytischen Anfänge, die später nicht weiterverfolgten Versuche mit Diagonalen, mit erklärenden Texten im Bild, mit dem Farbkanon der Konstruktivisten. Den hat die Malerin schnell verworfen, wandte sich hellen Valeurs und Pastelltönen zu, erweiterte die Skala in alle Richtungen.

Anfänglich sind die Titel noch glasklare Beschreibungen wie „Horizontalstreifenbild“ und „Vertikalstreifenbild“, später wird die Künstlerin poetisch, gibt Hinweise, eröffnet neue Ebenen: „Damast“ etwa verweist auf eine dunkle Textur, „External Force“ lässt obskure Mächte vermuten, „Piazzolla“ ist rhythmisch aufregend und tänzerisch wie ein Stück des argentinischen Tango-Papstes, „Das Nordlicht“ kommt kühl und mystisch daher, „Strahlen bejubeln“ und „Keine so wie sie ist“ versuchen Ereignisse zu beschreiben, die auf der Leinwand passieren. Wie akribisch jedes Bild kalkuliert, vorbereitet und gemalt wird, verraten Farbkarten und Entwürfe.

Eine Bilderstrecke im Katalog dokumentiert die minutiöse Entstehung des Werks „Airobic 1“, einer auf einer Abfolge von violetten und hellblauen Streifen, einer mittleren Grünzone, verschiedenen Helligkeitsstufen basierenden Arbeit mit insgesamt 72 starken, roten Quadraten. Lux-Marx bringt das Gemälde am Samstag zur Eröffnung der Schau mit. Es gibt noch einen weißen Fleck auf der Wand, der gefüllt werden will.

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