Gehörlosen-Nationalmannschaft überzeugt durch Technik und Kampfgeist

Gehörlosen-Nationalmannschaft überzeugt durch Technik und Kampfgeist

Frauenmannschaft gewinnt letztes Testspiel vor WM in Griechenland gegen Plittersdorf mit 4:1

Hennef. Vor dem Anpfiff waren die jungen Fußballerinnen des SSV Plittersdorf noch in Ehrfurcht erstarrt. "Gegen eine richtige Nationalmannschaft? Das ist das Größte", war von den Kreisliga-Spielerinnen um Mannschaftsführerin Patricia Ohm zu hören.

Zum Freundschaftsspiel gegen das Auswahlteam des Deutschen Gehörlosen-Sportverbands (DGS) waren sie aufs Gelände der Sportschule Hennef gekommen. Und dann konnte beim ersten echten SSV-Angriff ausgerechnet Sturmspitze Ohm der überrumpelten gegnerischen Verteidigung den Ball zum 1:0 unhaltbar ins Netz setzen.

"Unglaublich", stöhnte am Spielfeldrand SSV-Trainer Markus Thüren, der seine Spielerinnen in der Liga gerade zu einem Mittelfeldplatz geführt hatte. Doch dann kurbelte Kapitän Fatma Alkan das Spiel des Nationalteams merklich an. Mit intensiven Blick- und Gebärdenkontakten wies auch Abwehrchefin Natascha Laier den Weg.

Und die gehörlosen Frauen, die ansonsten in hörenden Teams von der Regional- bis zur Bezirksliga spielen, zeigten über 90 Minuten ihre Klasse. "Die Mannschaft macht eine gesunde Mischung aus guter Technik und kämpferischen Elementen aus", kommentierten das die Trainer Rolf Lischer und Wilfried Tönneßen, die im gesamten Spielverlauf in Bewegung waren und gestenreiche Anweisungen aufs Feld sandten.

Der Ausgleich zum 1:1 war nur eine Frage der Zeit. Anja Schorer traf aus 16 Metern. Und schoss wenig später sogar das 2:1. Die SSV-Truppe konnte sich bei ihrer überragenden Torhüterin Isabelle Gebhardt bedanken, dass sie von den Angriffswellen nicht überrollt wurde.

In den zweiten 45 Minuten ließ es das Nationalteam dann verhaltener angehen und eröffnete den quirligen SSV-Damen Isabella Schmitz und Vanessa Meuthen einige Konterchancen. Bis schließlich die gehörlose Sarah Bednarek nach zwei flüssigen Angriffen zum 3:1 und 4:1 einschoss.

"Ich bin sehr zufrieden mit unserer Leistung und musste natürlich mit einem höheren Rückstand rechnen", meinte SSV-Coach Thüren glücklich, als Schiedsrichter Torsten Haas die Partie mit Pfeife und Fahnenzeichen beendete. Auf DGS-Seite nahmen die Frauenbeauftragte Marina Kleefuß und Physiotherapeutin Vanessa Riegel die Spielerinnen in den Arm.

"Fußball ist eben nicht mehr nur Männerdomäne. Wir gehen jetzt als Mitfavoriten zur WM nach Griechenland", meinte Kleefuß. Am Mittwoch wird die Auswahl dort gegen Russland ihr erstes Spiel bestreiten. "Sie sind sehr ambitioniert", betonte Wilfried Tönneßen.

Der Mann, der erst in der WM-Vorbereitungsphase zum Team stieß und ansonsten in Essen eine hörende Mannschaft trainiert, hat sich inzwischen Geste für Geste eingearbeitet. "Denn Brüllen bringt hier gar nichts." Nach den Statuten des Deutschen Gehörlosen-Sportverbands (DGS) muss der Hörverlust der Spielerinnen mindestens 55 Dezibel betragen.

Hörgeräte sind auf dem Platz verboten. Als Mittel der Verständigung dient die Gebärdensprache. Der Schiedsrichter macht sich mit Pfeife und einer neonfarbenen Fahne verständlich. 2007 wurde die deutsche Gehörlosen-Nationalmannschaft der Frauen Weltmeister in der Halle. In dieser Woche tritt sie bei der WM in Griechenland erstmals auf dem Großfeld an.

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