Silvester vor 70 Jahren: Flucht markierte den Jahreswechsel

Silvester vor 70 Jahren : Flucht markierte den Jahreswechsel

Nach Silvesterknallerei sehnte sich wohl keiner vor 70 Jahren. "Feuerwerk" hatten die Menschen in den Jahren des Zweiten Weltkriegs genug über sich ergehen lassen müssen - an Bomber und das Sirenenheulen erinnerten sie sich mit Schrecken.

Nach der ersten friedlichen Weihnacht wechselten die Menschen an einem eisigen Montag ins Jahr 1946. Die meisten Familien hatten Angehörige als Kriegsopfer zu beklagen oder warteten auf ein Lebenszeichen von Vermissten, deren Tod übrigens in den fünfziger und sechziger Jahren auf den 31. Dezember 1945 zurückdatiert wurde.

Nahrungsmittel waren an der Schwelle zum neuen Jahr knapp. Es gab kein Brennmaterial. Kohle war das schwarze Gold. Erst in seiner Silvesteransprache 1946 erteilte Kardinal Frings die "Absolution" für den Klüttenklau, der fortan als "Fringsen" bezeichnet wurde. Ausgangssperren erschwerten die Lust aufs Feiern ohnehin.

"An eine Silvesterfeier kann ich mich nicht erinnern", sagt Richard Kern, der damals elf Jahre alt war. Der letzte Schnellfotograf vom Drachenfels: "Die Leute hatten andere Sorgen und waren erst mal froh, dass der Krieg vorbei war. Der Weihnachtsbaum stand noch. Mein Bruder Walter und ich haben mit unserer alten Eisenbahn gespielt."

Joseph Kempf lehrte viele Jahre Deutsch und Latein am Petersberg-Gymnasium. Silvester 1945 war er zehn Jahre alt und lebte noch in Elbogen, in der Nähe von Karlsbad. Die Zukunft war ungewiss. "Es war die Rede davon, dass wir Elbogen verlassen müssen. Meine Eltern waren beunruhigt und blickten voller Sorge ins neue Jahr", erinnert sich der pensionierte Pädagoge. Bereits im Mai 1945 hatte der tschechische Staatspräsident Edvard Benes Dekrete erlassen, nach denen die sudetendeutsche Bevölkerung Böhmen und Mähren verlassen sollte. Mit dem Potsdamer Abkommen hatten auch die Siegermächte die Überführung "in humaner Weise" für rechtmäßig erklärt. Allerdings ging es vielerorts alles andere als human zu. Der Hass der Tschechen war nach den NS-Verbrechen groß. "Bei uns war alles ruhig, es gab keine Anfeindungen", berichtet Kempf.

Sein Vater arbeitete in der Burgbrauerei. Die Familie lebte in einer Dienstwohnung. "Silvester gab es sicher Biersuppe, also Bier auf alle Fälle. Wir hatten auch zu essen, denn zur Brauerei gehörte ein Gut." Im Frühjahr 1946 wurden die Befürchtungen wahr, Familie Kempf musste ihre Heimat verlassen. "Mit 30 Kilo Gepäck sind wir zum Bahnhof, mit ungewissem Ziel." Die Befürchtungen von Silvester bewahrheiteten sich.

Franz Limbach aus Bad Honnef war gerade zurück aus amerikanischer Gefangenschaft. An eine Silvesterfeier erinnert sich der Mitgründer der KG Löstige Geselle nicht. "Wir waren froh, dass der Krieg vorbei war. Wir trafen uns oft im Kolpinghaus, mussten Holz aus dem Bösch mitbringen. Aber im Keller gab es Wein."

Verboten hatte die Militärregierung den Verkauf von Selbstgebranntem. Anzunehmen ist, dass manche Siebengebirgler mit einem "Knolli-Brandy" aus Zuckerrüben auf 1946 angestoßen haben oder mit einem heimlich hergestellten Schnaps aus Fallobst, Kornschrot oder Rübenkraut. Zum Brennen wurden gern Einweckkessel umfunktioniert.

Bütten-As Willi Armbröster, damals zwölf, ist eine Silvesterfeier der Erwachsenen nicht in Erinnerung. "Wir hatten ja noch nicht mal Knallplättchen, den Ofen heizten wir mit geklauten Briketts." Karl Schönball aus Bad Honnef, Ehrenvorsitzender des Partnerschaftskomitees Bad Honnef-Berck-sur-Mer, war als Gefangener in Kalifornien gut versorgt.

Im Oktober/November 1945 kehrte er mit dem Schiff zurück. Vom Lager in Attichy bei Paris ging es im Güterzug nach Münster. "Silvester im Waggon. Wir waren still, wie benommen. Über den Jahreswechsel habe ich nicht nachgedacht." Seine Heimatstadt Paderborn lag in Trümmern. "Auch wir waren ausgebombt. Aber meine beiden Brüder waren schon zurück und meine Eltern lebten, auch wenn sie nur in einem Stall untergekommen waren. Wir hatten das alles überstanden - das allein zählte damals."

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