Welttag des Stotterns am 22. Oktober: Betroffene werben für Verständnis

Welttag am 22. Oktober : Betroffene wollen dem Stottern die Macht nehmen

Eine Sprechstörung begleitet Martina Wiesmann von Kindesbeinen an. Heute hilft die Logopädin, die in Bad Honnef tätig ist, anderen Betroffenen. Zum Welttag des Stotterns am 22. Oktober werden betroffene Menschen für Verständnis und Akzeptanz.

Ob sie als Kind gehänselt worden sei? Klar, sagt Martina Wiesmann. "Allerdings nicht wegen des Stotterns, sondern weil ich so groß bin. Was das Stottern angeht, war ich eine große Vermeiderin", fügt die 49-Jährige an. Die Sprechstörung spielt im Leben von Martina Wiesmann denn auch eine größere Rolle als die Tatsache, dass sie mit ihren 1,90 Meter auch heute manche Zeitgenossen um Haupteslänge überragen dürfte - als Betroffene, als Logopädin, als langjährige ehrenamtliche Vize-Vorsitzende sowie aktuell als Fachberaterin der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe (BVSS). Zum Welttag des Stotterns am 22. Oktober werben betroffene Menschen mit der BVSS-Kampagne "Ich sag's auf meine Weise" für Verständnis und Akzeptanz.

Das Stottern begann für Wiesmann, die seit 2001 in Bad Honnef in der Logopädischen Praxis Kaspari-Krath arbeitet, wie für die allermeisten Betroffenen: als Kind. "Mit drei Jahren habe ich meinen Eltern zufolge das erste Mal gestottert, dann wieder mit fünf. Und dann wurde es irgendwann chronisch", erzählt sie. Ein recht typischer Verlauf. Laut BVSS tritt die Sprechstörung bei mindestens fünf Prozent aller Kinder auf, häufiger bei Jungen als bei Mädchen. Bei 75 bis 80 Prozent der betroffenen Kinder verliert sie sich wieder - vorhersagen lässt sich das nicht, was frühzeitigen Expertenrat und gegebenenfalls eine Therapie umso wichtiger macht.

Rund ein Prozent der Erwachsenen stottert

Im Erwachsenenalter stottert rund ein Prozent der Menschen noch, das entspricht in Deutschland etwa 800 000 Personen. Wer auch nach der Pubertät noch stottert, bei dem ist Remission, also Heilung, umso schwieriger. Aus eigener Betroffenheit und als Logopädin weiß Wiesmann aber auch: "Ganz viele Betroffene haben sich irgendwann arrangiert, lassen Worte aus oder vermeiden eben auch Situationen, in denen das Stottern auffällt. Aber es ist wirklich nie zu spät, etwas zu tun."

Diesem Grundsatz folgte Wiesmann selbst. Zwar nutzten schon die Eltern Therapieangebote, als sie noch ein Kind war; allerdings seien weder die Kenntnisse über das Stottern noch die Therapien von damals vergleichbar mit dem Wissen von heute. Und das Stottern blieb. Wiesmann durchlief die Schule, dann eine Ausbildung zur Bauzeichnerin - und entsprach quasi auch damit dem Muster des Vermeidens. "Mit 16 hatte ich riesengroße Sprechängste, habe ganz viel vermieden." Nicht nur das Interesse für Architektur nährte ihren Berufswunsch: "Ich habe mir einen Beruf ausgesucht, in dem man nicht viel sprechen muss."

Mit 19 Jahren suchte sie sich Hilfe, begann eine neue Stottertherapie. Wichtige Unterstützung fand sie in der BVSS. Wiesmann besuchte Seminare, bildete sich fort, wurde schließlich ehrenamtlich tätig. Von 2011 bis 2019 war sie Vize-Bundesvorsitzende der BVSS, für die sie jetzt weiterhin als Fachberaterin Betroffenen zweimal wöchentlich zur Seite steht.

Viele Mythen rund um das Stottern

Über das Stottern sind laut BVSS nach wie vor Mythen unterwegs. So liegen die Ursachen des Stotterns keineswegs in der Psyche, wie viele denken. Sie sind körperlicher Natur: eine Fehlfunktion in der Zusammenarbeit von linker und rechter Gehirnhälfte. Stotternde Menschen sind weder gehemmter noch ängstlicher als ihre Mitmenschen. Im Umkehrschluss aber kann sich Stottern, das anders als bei Wiesmann auch mit Symptomen wie Verkrampfungen der Gesichtsmuskulatur oder anderen Begleiterscheidungen einhergehen kann, auf die Psyche auswirken. Wer ausgelacht wird, wird verständlicherweise zurückhaltender.

Auch die landläufige Meinung, Stottern könne alleine mit Atemtechniken überwunden werden, sei falsch, so die BVSS. Therapieansätze seien vielmehr die Veränderung der Sprechweise und ein sogenannter "Nicht-Vermeidungs-Ansatz". Denn: Es geht auch darum, Betroffene zu stärken, selbstbewusst mit ihrer Sprechstörung umzugehen, anstatt Gesprächssituationen zu vermeiden. Wiesmann: "Man muss dem Stottern die Macht nehmen."

Ein Schlüsselerlebnis hatte Wiesmann in der Berufsschule. Die Schüler sollten der Reihe nach Textpassagen vorlesen. Sie habe eine typische Strategie gesucht: "Man zählt durch, schaut, bei welcher Passage man dran ist, und versucht, sich die so gut wie möglich einzuprägen. Ich war nur noch damit beschäftigt zu denken: Wie kriege ich das jetzt über die Lippen." Als sie an der Reihe war, passierte, was ihr in der Schule schon früher passiert war: Der Lehrer "schonte" sie, gab direkt an ihren Banknachbarn weiter. Wiesmann: "Zuerst war ich erleichtert. Aber in meiner Therapie ging es gerade darum, sich solchen Situationen zu stellen." Also habe sie sich gemeldet, eine Passage vorgelesen. "Und natürlich habe ich geschwitzt, hatte einen roten Kopf, habe gestottert. Aber wenn man sich dem stellt, dann wird die Angst kleiner. Und je öfter man sich stellt, desto mehr verschwindet sie."

Eine möglichst positive Einstellung könne den Umgang und das Leben mit der Sprechstörung günstig beeinflussen, informiert die BVSS - ein Ansatz, den Wiesmann nicht nur privat umsetzt, sondern aus beruflicher Perspektive weitergibt.

Sie sattelte um, absolvierte ab 1993 die Ausbildung zur Logopädin. Das war damals ein Novum für eine Betroffene. Als Fachfrau ist sie aktuell an einer Studie in Zusammenarbeit mit der Universität Münster beteiligt, in der eine Therapie für stotternde Kinder evaluiert wird. Noch werden Probanden im Alter von sieben bis elf Jahren dafür gesucht. Eltern von stotternden Kindern rät sie in jedem Fall, sich fachlichen Rat zu holen. "Oft hilft schon ein einziges Beratungsgespräch, um zu schauen, ob und in welcher Form eine Therapie nötig ist. Kinder haben eine sehr große Chance, das Stottern wieder zu verlieren." Und für die Umwelt gilt: Im Gespräch mit einem stotternden Menschen gelten die gleichen Verhaltensregeln wie für jedes höfliche Gespräch. Und dabei lässt man das Gegenüber schließlich auch in Ruhe ausreden.

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