Lehrstellen-Check in Bonn: So sieht die Arbeit einer Logopädin aus

Lehrstellen-Check in Bonn : So sieht die Arbeit einer Logopädin aus

GA-Volontärin Nathalie Dreschke hat einen Tag lang Einblick in die Arbeit einer Logopädin bekommen. Dabei hat sie mehr über den Nachwuchsmangel in der Branche erfahren.

Sonnenstrahlen fallen in den Raum. An den Wänden hängen unzählige Bilder: Anatomische Darstellungen des Gehirns, Fotos ehemaliger Schüler und eine große Pinnwand voller Termine. Vor einem Klassenraum ist der Wartebereich eingerichtet. Dort sitzen Patienten und warten auf ihren Therapietermin. Ich befinde mich in der SRH Fachschule für Logopädie in Bonn. Für einen Tag zeigt mir die 21-jährige Janine Gabriel ihre Ausbildung.

Bei Logopädin Susanne Schneider in Sankt Augustin lernen Gabriel und ich den Praxisalltag kennen. Gemeinsam mit der Logopädin bereiten wir Therapiestunden vor, lernen den Aachener Aphasie-Test, ein speziell entwickeltes Verfahren zur Diagnose von Sprachstörungen, auszuwerten und bekommen verschiedene Anwendungsübungen demonstriert. Dabei wird vor allem das breite Spek-trum deutlich, das Logopäden behandeln beziehungsweise anbieten - von Fütterung- und Schluckstörungen bei Säuglingen über Unterstützungen während kieferorthopädischer Behandlungen bei Jugendlichen und Erwachsenen bis zu Hausbesuchen bei Wachkoma-Patienten.

Viele Praxen sind durch große Nachfrage an ihrem Limit angekommen. Umso wichtiger ist für die Zukunft der Logopäden der Zuschuss des Landes zur Ausbildung. Damit wird dem dringend benötigten Nachwuchs zumindest die finanzielle Hürde genommen.

Ausbildungsbedingungen haben sich geändert

Die Bedingungen der Ausbildung in Gesundheitsberufen - zu der Logopädie, Physiotherapie und Ergotherapie zählen - haben sich in den vergangenen Jahren geändert. Nachdem zunächst Baden-Württemberg die staatliche Förderung für Gesundheitsfachberufe verabschiedet hatte, zog auch Nordrhein-Westfalen nach. Das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales übernimmt seit vergangenem Jahr 70 Prozent des Schulgeldes von Auszubildenden des Gesundheitsbereichs. Dafür stellt NRW jährlich 25 Millionen Euro bereit.

Damit wird vielen jungen Menschen der Zugang zu den Berufen ermöglicht, dessen Bedarf in den vergangenen Jahren massiv gestiegen ist. "Bereits heute gibt es auf dem Arbeitsmarkt deutlich mehr Jobangebote als Bewerber", sagt Simon Ruf, Geschäftsführer der SRH Fachschulen GmbH. Die Bezuschussungen sollen dazu beitragen, dass in der alternden Gesellschaft auch genügend Nachwuchs vorhanden ist. Durch den Zuschuss beträgt das Schulgeld an der SRH Fachschule in Bonn statt zuvor 695 Euro nur noch 208,50 Euro.

"Als die Nachricht verkündet wurde, haben wir erst mal gefeiert", so Gabriel. Die 21-Jährige ist in den letzten Zügen ihrer Ausbildung. Wie die meisten der 75 Schüler an der SRH muss Gabriel neben der Vollzeitausbildung arbeiten, um das Schulgeld zu finanzieren. "Der Zuschuss ist eine Erleichterung. Daher habe ich mich entschlossen, ein Bachelorstudium an meine Ausbildung anzuknüpfen", sagt Gabriel. Nach sieben Semestern können die Schüler der SRH Fachschulen durch die Kooperation mit der SRH Hochschule für Gesundheit im ausbildungsintegrierenden Studium den akademischen Grad Bachelor of Science in Logopädie erlangen. "Nach drei Jahren Ausbildung erhalten die Schüler bereits die volle Berufszulassung", so Schulleiterin Maureen Kaiser.

Beruf ist in anderen Ländern ein Studiengang

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist die Ausbildung durch die Kombination von Theorie und Praxis zwar hochwertig, dennoch gibt es viele Länder, in denen der Beruf akademisiert ist. "Auch in Deutschland geht der Trend zur Akademisierung, parallel dazu herrscht jedoch großer Therapeutenmangel", so Kaiser. Als Grund dafür nennt die Schulleiterin unter anderem den steigenden Bedarf durch genauere Diagnostik. "Außerdem gehört die Logopädie noch zu den klassischen Frauenberufen. Dadurch sind viele Stellen in Teilzeit besetzt und einige Fachkräfte fallen während des Mutterschutzes aus", sagt Kaiser.

Jedes Ausbildungsjahr hat einen anderen Schwerpunkt. Im ersten Jahr steht die Kindersprache im Mittelpunkt. "Da schauen wir besonders auf das Lispeln, Stottern oder Sprachentwicklungsstörungen", so Kaiser. Das zweite Ausbildungsjahr beschäftigt sich mit der Behandlung und der Diagnose von Stimmstörungen. Im letzten Jahr der Ausbildung werden vor allem Sprach- und Sprechstörungen nach neurologischen Erkrankungen wie Parkinson oder nach einem Schlaganfall behandelt.

Zu jeder theoretischen Unterrichtseinheit gehören Praxiseinheiten. Neben externen Praktika kommen Patienten in die Schule und lassen sich dort behandeln. "Wir haben hier einen Spiegelraum, der ähnelt einem Raum für Polizeiverhöre. Dort können wir Patienten therapieren", sagt Gabriel. Hinter dem Spiegel sitzen die Dozenten der Berufsschule und beobachten, wie die Schüler die Therapiestunde leiten. Die einzelnen Übungen werden im Unterricht vorbereitet und das Ergebnis im Anschluss besprochen.

Patientin mit Sprachstörung nach Schlaganfall

Seit vier Jahren kommt die 70-jährige Helga Harmann in die Logopädie-Schule. Seit einem Schlaganfall hat sie eine Sprachstörung, eine sogenannte Aphasie. "Der Fokus ihrer Therapie liegt auf dem Abruf von Verben", so Gabriel. Die Auszubildende zeigt Harmann Bilder, auf denen Menschen abgebildet sind, die verschiedene Tätigkeiten ausüben. Gabriel mischt die Karten und legt sie verdeckt auf den Tisch. Nacheinander ziehen sie die Karten und beschreiben, was darauf zu sehen ist: Bier zapfen, Wäsche waschen, Essen bezahlen. Wenn Harmann das richtige Verb nicht einfällt, versucht Gabriel, der Patientin mit Gesten Hinweise zu geben. "Bei einem Schlaganfall kommt es zu einer Art Verstopfung im Gehirn. Das kann sehr frustrierend für die Betroffenen sein", so Gabriel. "Die Patienten kommen über Mundpropaganda zu uns", sagt Schulleiterin Kaiser. Sie können sich ohne Verordnung bei den SRH Fachschulen behandeln lassen.

So können die Schüler auf der einen Seite praktische Erfahrungen sammeln und die Patienten auf der anderen Seite zusätzliche Therapiestunden erhalten. "Das Tolle an dem Beruf ist, dass wir Menschen helfen, wieder am Leben teilzunehmen", so Gabriel. "Einige fühlen sich so unwohl und hilflos, dass sie ihr Haus nicht mehr verlassen wollen." Um die Situation der Betroffenen zu verstehen, müssen sich die Logopäden vollständig auf den Patienten einlassen. "Logopäden müssen vor allem empathisch und flexibel sein", sagt Kaiser. "Zudem brauchen sie eine Grundmusikalität, Reflexionsvermögen und eine Portion Neugier."

Zu der Ausbildung gehören neben Theoriestunden und den Therapiesitzungen in der Berufsschule auch externe Praktika in Kindergärten, logopädischen Praxen sowie die Arbeit mit neurologischen Patienten in Kliniken.

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