Vor 30 Jahren starb die Buchela: Die Pythia vom Rhein

Vor 30 Jahren starb die Buchela : Die Pythia vom Rhein

Madame Buchela war Liebling der Remagener Bürger und Beraterin der Großen – sagt man. Vor 30 Jahren starb die Pythia vom Rhein. Wird ihr Grab nun zum Ehrengrab erklärt?

Von einer Baracke in Stotzheim wechselte sie 1961 in ihr eigenes festes Haus Viktoriabergweg 5, das dankbare Kundinnen ihr vererbt hatten. Die kleine, dunkelhaarige Madame Buchela, bürgerlich Margareta Gaussanthier, war damals bereits als „Pythia vom Rhein“ bekannt. Vor 30 Jahren, am 8. November 1986, starb die Seherin 87-jährig nach einer Milzoperation im Bonner Malteserkrankenhaus. Beerdigt wurde sie mit einer Riesentrauergemeinde auf dem Remagener Friedhof.

„Nach so langer ‚Liegezeit‘ wird ein Grab üblicherweise eingeebnet, wenn sich niemand in der Verwandtschaft findet, der eine Verlängerung beantragt. Außenstehende können nicht tätig werden, wohl aber die Stadt Remagen. Sie könnte dieses Grab zum Ehrengrab erklären.“ Diese Anregung gibt Monika Littau, Schriftstellerin aus Unkelbach, die einen Roman über die Buchela geschrieben hat. „An ein Ehrengrab denken wir nicht“, stellt hingegen Bürgermeister Herbert Georgi klar. „Zuerst wird die Familie gefragt, ob sie die Grabstelle verlängern möchte. Ist dies nicht der Fall, werden wir die Familie fragen, ob sie den Grabstein zur Verfügung stellt.“ Georgi hat auch schon eine Verwendungsidee: „Er könnte auf dem alten Friedhof, den der Verschönerungsverein Remagen zum Stadtpark gestaltet hat, zur Aufstellung kommen.“ Der Park mit Barfußpfad, Bänken am Rundweg, Kräutergarten und Boccia-Bahn stellt ein freundliches Umfeld zum Erinnern dar. Das Gedenken hat hier bereits einen Platz, wie rund 25 schöne alte Grabsteine aufzeigen, die Pastören gelten und Remagener Persönlichkeiten, wie dem Weinhändler Otto Carracciola, Vater des Rennfahrers Rudolf Carracciola oder dem Verkehrsvereinsvorsitzender Karl Kollbach.

Littau geht von einer Ehrengrab-Entscheidung der Stadt aus, „die sie so gut wie nichts kosten würde, stattdessen großen Gewinn brächte: Sie hätte einen lebendigen Erinnerungsort erhalten.“ Die Kosten sind indes unüberschaubar, die Verantwortung reicht praktisch bis in die Ewigkeit. „Das machen heute kaum noch Kommunen, da es mit Verpflichtungen über Hunderte Jahre verbunden ist. Sie können dann nicht mehr über das Grab verfügen, nicht mehr über den Friedhof verfügen, sollte der irgendwann einmal aufgegeben werden“, gibt Stadtchef Georgi zu bedenken.

Auch Adenauer war bei Madame Buchela

Ehemals strömten die Menschen auf den Viktoriaberg zu Buchela. Zuvor mussten sie auf Abruf beim Hotel zum Kapellchen warten. Prominente, Politiker und Schauspieler, man sagt, Adenauer sei öfter bei ihr gewesen, auch Ludwig Erhard, Helmut Kohl und Diplomaten nahmen sie in Anspruch. „Normale“ Leute kamen in Liebes- und Geldfragen, wegen Krankheit oder um vermisste Kinder wiederzufinden. Die Regenbogenpresse berichtete viel über „die Buchela“, auch das Fernsehen. Vor dem WM-Finale 1966 zwischen Deutschland und England sagte sie in der Sportschau das Torverhältnis voraus. Sie war zu Gast in Robert Lemkes Sendung „Was bin ich?“. Und die DDR-Filmer Heynowski und Scheumann drehten einen Film über sie, der behauptete, „die Bonner Politik werde von einer alten Zigeunerin gemacht“.

So berühmt sie ist, so wenig wissen die meisten über sie als Person. Sie war eine Sintezza aus der ursprünglich aus Südfrankreich stammenden Meerstein-Sippe. 1899 wurde sie im Saarland geboren, unter einer Buche, heißt es, deswegen der Rufname „Buchela“. Ihre Kindheit verbrachte sie teils im Waisenhaus St. Wendel. Früh ging sie hausieren, auch nach der Heirat mit dem Sinto Adam Goussanthier. Viele Jahre verkaufte sie Spitzendeckchen in Köln, Bonn, auch an der Ahr. Einigen ihrer Kunden sagte sie die Zukunft voraus. Als die Nazis an die Macht kamen, ahnte sie die kommenden Schrecken. Ein Teil ihrer Familie wurde in Ausschwitz ermordet.

Eine „herzensgute Frau“

Nachdem in Stotzheim bei Euskirchen, wo sie schon lange vor dem Krieg lebte, ihr Ruhm begann, als sie Adenauer 1953 den großen Wahlsieg prophezeit hatte, lebte sie von 1958 bis 1961 in Bad Bodendorf. Sie hatte sich in der Pension „Ahrperle“ eingemietet, wo die tägliche Belagerung Ratsuchender, die selbst nachts mit dem Taxi kamen, Aufsehen erregte. In Remagen war sie als „wunderbare besonders hilfsbereite Person“ (Exbürgermeister Hans Peter Kürten) und „herzensgute Frau“ (Nachbarin Liane Kollgen) bekannt. „So was Liebes, wie die Margarete war, habe ich nicht mehr kennengelernt“, urteilte auch Albert Schreier, verstorbener Vorsitzende des Tierschutzvereins. Intensiveren Kontakt hatte sie zu kaum einem der Einwohner. Doch viele haben von ihr profitiert, da sie freigiebig jedem Notklagenden, den Vereinen, so dem Tierschutzverein, den Stadtsoldaten und auch den eigenen Leuten gab.

Sie liebte die Tiere, die Natur, mochte es tanzen zu gehen und war jeck auf Karneval. Schließlich alt und gebrechlich, ließ Buchela nur noch wenige Besucher vor. Nach der Ermordung des bei ihr wohnenden Neffen Wolfgang Meerstein 1976, der wie sie zahlreiche Remagener Vereine unterstützt hatte, „war auch die glanzvolle Ära Buchelas zu Ende“, erinnert sich Nachbar Erich Schmitz. Im August 1986 zog sie zu ihrer Freundin Carla Wiedeking nach Oberwinter. Die Verwandtschaft versuchte dagegen vorzugehen, weshalb Wiedeking Sicherheitskräfte engagierte. So blieb es ein aufregendes Leben, bis zuletzt.