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Bonner Premiere: Rockoper "Jesus Christ Superstar" zeigt keine Alterserscheinungen

Bonner Premiere : Rockoper "Jesus Christ Superstar" zeigt keine Alterserscheinungen

Laut dröhnt die Ouvertüre der Rockoper "Jesus Christ Superstar" aus den Lautsprechern in der Bonner Oper. Die auf einem Zwischengeschoss im Bühnenhintergrund platzierte, großartige Band um Pianist Jürgen Grimm gibt alles; heftige Gitarrenriffs, treibende Schlagzeug-Rhythmen, Keyboards und Bläser intonieren dissonante Harmonien.

Und unten auf der Bühne schwingt jemand die Peitsche; so brutal, dass der Körper des am Boden liegenden Titelhelden unter den irrsinnigen Schmerzen sich krümmt und immer wieder heftig zusammenzuckt. Menschen, die dem Geschehen von zwei Zuschauertribünen aus beiwohnen, feuern den Mann, den man später als Pilatus identifizieren wird, mit heftigen, die Hiebe lustvoll nachahmenden Gesten an.

"Jesus Christ Superstar" ist gewiss kein Wohlfühl- und Gute-Laune-Musical, wie sie heute von "Mamma Mia" bis "We Will Rock You" die Bühnen der Welt erobert haben. Textdichter Tim Rice und Komponist Andrew Lloyd Webber muteten Anfang der 70er, als beide noch jung waren, dem Zuschauer Grausamkeiten zu, zeigten auf der Bühne Leid und Schmerz.

Sie erzählen die letzten sieben Tage aus dem Leben Jesu, wobei sie die Perspektive des Verräters Judas wählen, eine Figur, die in der Rockoper eine tragische Dimension annimmt. Er ist der einzige aus der Jüngerschar Jesu, der die bedingungslose Verehrung für den Gottessohn mit gemischten Gefühlen betrachtet. Judas will keinen "Superstar" und trauert dem Jesus nach, der einmal eine Mission für Liebe und Brüderlichkeit anführte.

David Jakobs singt den Judas mit einigem Ingrimm und druckvoller Stimme, seine Wut wirkt immer authentisch. Missfallen erregt in Judas auch die Liebe, die zwischen Jesus und der Prostituierten Maria Magdalena zu keimen beginnt und in dem von der wunderbaren Patricia Meeden mit ganz viel Gefühl gesungenen Lied "I Don't Know How To Love Him" ihren schönsten Ausdruck findet. Dass der Verrat, den Judas beschließt, keine Lösung der Probleme bringt, dämmert ihm freilich zu spät.

Man kann trotz alledem nicht sagen, dass Jesus im Musical als Blender und Demagoge dargestellt würde, seine Verfehlung ist die, ein Mensch zu sein, mit allen Gefühlen und Bedürfnissen. Mark Seibert in der Titelrolle spielt die ambivalente Seite der Jesus-Figur sehr eindringlich, wie er auch stimmlich einiges aufzubieten hat. Eine großartige Charakterstudie liefert auch der Schauspieler Mark Weigel, der als Pontius Pilatus mit überraschenden Sängerqualitäten aufwartet; er spielt seine Figur als gebrochenen Mann, der über Schuld und Sühne nachdenkt und kurz darauf zu rasenden Gewaltausbrüchen in der Lage ist.

In der Bonner Inszenierung von Gil Mehmert kommt einiges zusammen, was die über vierzig Jahre alte Rockoper aus der Blütezeit der Hippie-Bewegung kein bisschen angestaubt wirken lässt. Beeindruckend ist das düstere Bühnenbild von Beatrice von Bomhard, das auch die Maschinerie wirkungsvoll nutzt. Etwa wenn Kaiphas (Alexey Smirnov) in einer Gerüstgondel vom Schnürboden herabschwebt und mit dröhnendem Bass Jesu Tod fordert.

Blasphemisch wird das Stück, das kurz nach der 1971er Uraufführung sogar von Radio Vatikan ins Programm genommen wurde, heute niemand mehr finden. Auch nicht in der Bonner Inszenierung. Weder wegen der teils recht freizügigen Mode, noch wegen der Liebesgeschichte. Auch nicht wegen der Show-Elemente, die es eben auch gibt. Zum Beispiel in dem von Dirk Weiler herrlich ordinär gesungenen "Herodes' Song", der eine hübsche Reminiszenz an die Zeit des bunt-schillernden Cabarets ist (Choreografie Kati Farkas).

Gesungen wurde am Premierenabend nicht nur in den Hauptrollen auf durchgehend hohem Niveau (wobei man an der Textverständlichkeit noch arbeiten müsste). Tim Ludwig (Petrus) und Marc Lamberty (Simon Zelotes) sangen ebenso erstklassig wie die weiteren Solisten. Der von Volkmar Olbrich einstudierte Opernchor und der von Ekatarina Klewitz auf den Punkt vorbereitete Jugendchor fanden sich perfekt in die Musik hinein. Der begeisterte Beifall am Ende galt eindeutig allen Mitwirkenden.

Termine: 18., 19., 27. Oktober, 2., 9., 17., 23. und 24. November sowie 13 weitere Aufführungen bis Ende Februar 2014. Karten in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.