In Berlin neu inszeniert: Werke von Benjamin Britten und Jaromír Weinberger : Plüschhase und Holzkubus

Zwei selten gehörte Musik-Erlebnisse in Berlin: Benjamin Brittens „A Midsummer Night’s Dream“ an der Deutschen Oper, Jaromír Weinbergers „Frühlingsstürme“ an der Komischen Oper

„Die Jahreszeiten wandeln sich: Frühling, Sommer, der fruchttragende Herbst, der zornige Winter tauschen das gewohnte Kleid, und die verwirrte Welt, je mehr dies fortschreitet, kann sie nicht mehr unterscheiden.“ Was sich anhört wie ein Kommentar zum aktuellen Klimawandel, ist ein Zitat aus Benjamin Brittens Oper „A Midsummer Night‘s Dream“, die auf Shakespeares gleichnamigem Drama basiert. Mit diesem 1960 für das Aldeburgh Festival geschriebenen Werk, das jetzt endlich an der Deutschen Oper Berlin Premiere hatte, wurde der Britten-Zyklus dort fortgesetzt.

In dieser Oper treffen zwei Liebespaare in einem Zauberwald auf Elfen und deren König Oberon, werden von dessen dienstbarem Geist Puck immer wieder in die Irre geführt und erleben in dieser Mittsommernacht allerlei höchst wunderliche Dinge. Dasselbe gilt auch für die fünf tapsigen Handwerker, die ein Schauspiel im Wald proben wollen.

Sie alle werden auf magische Weise von amourösem Verlangen mal geplagt und mal beglückt, je nach Situation. In der undomestizierten Welt des Waldes wird die Macht der Liebe von ihnen in allen Aspekten erfahren: Da gibt es abgründige erotische Möglichkeiten und Grenzüberschreitungen des Bewusstseins und Deformationen der Moral. Tabus werden hinweggefegt, wenn Partnertausch und animalische Sinnlichkeit um sich greifen.

Der New Yorker Regisseur Ted Huffman hat jedoch eine eher romantische, harmlosere Sicht von Brittens Oper auf die Bühne der Deutschen Oper gebracht. Er lässt die Elfen schwarzweiß gekleidet auftreten, da sie, wie er es begründet, unsichtbare Schattenwesen sind. Der indische Knabe, um den der Streit zwischen Oberon und Tytania entfesselt wird, ist hier ein kleiner, ganz in blau gekleideter Junge mit einem Plüschhäschen, also keineswegs ein von Oberon sexuell begehrter junger Mann, wie das in der Bremer Oper zu sehen war. Und wenn sich Tytania in den als Esel verzauberten Bottom verliebt, dann streichelt sie ihm die Ohren als Zeichen ihrer Zuneigung.

Noch nicht einmal andeutungsweise geht es in dieser prüden Inszenierung erotisch zu. Da denkt man gerne an den Sommernachtstraum in Hannover zurück, wo es Szenen mit einer angetörnten Feenkönigin gab, die sich lasziv mit dem Phallus des Esels vergnügte. Für Ted Huffman indes sind Oberon und Tytania ohnehin keinem Geschlecht zuzuordnen, weswegen die Feenkönigin auch einen Oberlippenbart trägt und der Countertenor des Oberon allemal androgyn wirkt.

Die Bühnenbildnerin Marsha Ginsberg hat den weiträumigen Bühnenboden während der ersten beiden Akte einfach nur grau gelassen; eine Mondsichel und ein wolkenähnliches Gebilde sind die einzigen Requisiten – ein bemerkenswert trostloser Anblick! Im letzten Akt ist dann das Einheitsgrau gegen Rot ausgetauscht. Einige Stühle für die Zuschauer der burlesken „tragischen Komödie“ lockern das Bild auf. Das Drama um Pyramus und Thisbe mit drolligen und riesengroßen Puppen ist dann aber von unwiderstehlicher Komik. Freilich ist Brittens geniale Musik, diese witzige Klangrevue verschiedener Epochen, stets ein Garant für Extraapplaus.

Von den insgesamt guten Sängern verdienen der wohlklingende Countertenor James Hall als Oberon und die in den Höhen sichere Siobhan Stagg als Tytania ein besonderes Lob. Der Puck des schottischen Schauspielers Jami Reid-Quarrell, der schon in Hannover in dieser Rolle begeistern konnte, ist dank seiner Akrobatik in luftiger Höhe und seiner sprachlichen Geschliffenheit eine besondere Attraktion in dieser Inszenierung.

Donald Runnicles ist ein ausgewiesener Britten-Verehrer, der sich mit dem Orchester der Deutschen Oper der Konzeption des Regisseurs anpasst und über so manche Schärfen in der Partitur hinweggeht. Dem Publikum hat diese harmlose, teils drollige, teils romantisierte Deutung durch Huffman und Runnicles gut gefallen.

Für Barrie Kosky sind Weinbergers „Frühlingsstürme“ der „Klang von Berlin“

Für ein weiteres interessantes Berliner Musik-Erlebnis sorgte die Komische Oper mit einem Werk von Jaromír Weinberger. Der dürfte bislang nur wenigen Opernfreunden bekannt sein. Gewiss, er hat in den späten 1920er Jahren mit „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“ einen Hit geschrieben, der um die Welt ging, dann aber fast vollkommen vergessen wurde, weil sein Autor Jude war und Deutschland verlassen musste. Über Weinbergers Operette „Frühlingsstürme“ sagt Barrie Kosky: „Diese Musik ist der Klang von Berlin.“

Sie hatte am 20. Januar 1933 im Berliner Admiralspalast Premiere und war für den Komponisten ein triumphaler Erfolg. Der große Richard Tauber und die gleichermaßen beliebte Jarmila Novotná waren das lyrisch-romantische Liebespaar Ito und Lydia. Kein Wunder, dass „Frühlingsstürme“ schon unmittelbar nach der Uraufführung erfolgreich vermarktet wurde: Die Schellackplatten mit Tauber und Novotná fanden zahlreiche Käufer.

Anhand des erhalten gebliebenen Textbuches, des Klavierauszuges und der Schallplatten hat Norbert Biermann die „Frühlingsstürme“ nun rekonstruiert und neu arrangiert, denn die vollständige Partitur mit der Instrumentierung war unauffindbar. Gleichwohl ist eine Fassung entstanden, die sich hören und sehen lassen kann. Sie bietet nicht nur eine wunderschöne Orchestrierung, sondern auch einige neu komponierte Tanzeinlagen und ein Solistenquartett – wie Kosky resümiert, ergibt das immer noch „85 Prozent original Weinberger“.

Die Operette spielt erst in der Mandschurei (im Hauptquartier der russischen Armee während des Russisch-Japanischen Krieges von 1904/05), dann, im letzten Akt, im italienischen San Remo. Der Bühnenbildner Klaus Grünberg hat einen großen Kubus aus Holz auf die Bühne gestellt, der sich im Laufe der Aufführung vielseitig verwenden lässt: aufklapp- und vergrößerbar, verschwindet er auch mal hinter farbenfrohen Kulissen, die für willkommene Abwechslung sorgen. Dem Regie führenden Kosky sind viele, vielleicht sogar zu viele Gags eingefallen. Man denke nur an das Tohuwabohu in der Hotelhalle im letzten Akt. Die Choreographie von Otto Pichler aber ist gleichermaßen einfallsreich und pfiffig, hat Schwung und Charme.

Mit dem Tenor Tansel Akzeybek ist die Rolle des japanischen Generalstabsoffiziers Ito attraktiv besetzt. Seine Arie „Du wärst für mich die Frau gewesen“ singt er innig und hinreißend schön – ein echter Ohrwurm! Vera-Lotte Boecker macht aus ihrer Partie der von allen Männern begehrten Russin ein Feuerwerk an intriganten Verführungskünsten, ist ungemein charmant und weiß ihren schönen Sopran ins rechte Licht zu rücken. Sie sehnt sich nach dem Frühling und sagt dem ältlichen, um sie werbenden Katschalow: „Das einzig Schöne, das uns im Leben später einmal bleibt, sind die Erinnerungen an die Frühlingsstürme.“

Stefan Kurt macht aus der Partie des liebeskranken Russen ein Kabinettstück köstlichen Humors. Sein Werben um Lydia ist an Komik nicht zu überbieten: Wie er jeden Schritt, jede Geste, jedes Wort auf groteske Weise einübt, bevor er sie zum „tea for two“ erwartet, wie er ihren ganzen Körper abküsst und auf dem Boden liegend aus „Eugen Onegin“ zitiert und selbst beim Wasserlassen noch damit fortfährt, das ist so urkomisch, dass es den Bühnenapplaus geradezu herausfordert.

Das Orchester der Komischen Oper Berlin findet unter der Leitung von Jordan de Souza den leichten Operettenton, musiziert aber auch in den ernsten Momenten mit Einfühlungsvermögen. So erblühen immer wieder zarteste Melodien, die an Lehár oder auch an Puccini denken lassen. Das Premierenpublikum war begeistert und spendete reichlichen Applaus für alle.