In der Liebesküche: Frauenmuseum in Bonn zeigt Ausstellung zu Beethoven

In der Liebesküche : Frauenmuseum in Bonn zeigt Ausstellung zu Beethoven

50 Künstlerinnen kreisen im Bonner Frauenmuseum unter dem Titel: „Beethoven und die Frage nach den Frauen“ um den Komponisten und dessen weibliche Entourage.

Hungrige Flüchtlingskinder aus Savoyen sollen einst mit ihren dressierten Murmeltieren über die Alpen gezogen sein, um auf Jahrmärkten etwas Geld dazuzuverdienen. Goethe hat diesen Stoff im Text „Avec que la marmotte“ verewigt und in seinem Stück „Jahrmarkt in Plundersweiler“ verwendet, der junge Beethoven vertonte das rührende Murmeltier-Lied. Die Bernerin Christine Fausten lässt uns nun mit ihrem beziehungsreichen Ensemble aus lebensgroßen Stoffpuppen in den Jahrmarktstrubel eintauchen, spielt dazu auf dem Akkordeon das Lied vom Murmeltier.

Das ist einer von rund 50 Beiträgen, die sich mehr oder weniger originell mit dem Jubilar befassen und das Frauenmuseum direkt zu Beethoven 2020 führen. „Beethoven und die Frage nach den Frauen“ ist das umfangreiche Programm betitelt, dessen Herzstück die von BTHVN 2020 geförderte Ausstellung ist. Die hat dem Ort geschuldet in erster Linie mit den Frauen im Leben des Tonsetzers zu tun – von der Mutter, die als junge Karnevalsprinzessin daherkommt, bis zu den Geliebten und Gönnerinnen. Der Start der Schau aber ist ein sehenswertes, von Eugen Schramm und Ludmilla Kosata gemaltes Panorama aus der Beethovenzeit vom imposanten Rheinufer bis zur Rheingasse, in der Beethovens Geburtshaus steht, und dem Rathausplatz: Eine begehbare Postkarte sozusagen, in die Bettina Bab einen sehr informativen historischen Abriss über die Situation der Frauen in der Beethovenzeit gestellt hat. Zwischen Beethovens Küche und dem Salon der Helene von Breuning (beide kann man besuchen) erfährt man viel von der weiblichen Entourage des Komponisten.

Installation mit verkohlten Geigen

Was Künstlerinnen unserer Tage zum Meister zu sagen oder nicht zu sagen haben, erfährt man im wuseligen, mit Klangfetzen durchzogenen Obergeschoss. Mit verkohlten Geigen verarbeitet etwa Heide Pawelzik frühkindliche negative Musikerfahrungen, während Ilse Wegmann durch abstrakte Zufallsstrukturen Partituren entstehen lässt. Hausherrin Marianne Pitzen erinnert derweil an die in Bonn noch immer nicht hoch genug geschätzten Johanna Kinkel und Clara Schumann. Mit Verkörperungen von Beethoven-Kompositionen von der Pastorale bis zur Fünften (gepaart mit Smetanas Moldau) versucht sich Madelaine Pons in rodinesker Skulptur (echte Bronze und Bronzeoptik), während Charlotte Esch den Frauen um Beethoven mit zeitgemäßeren Materialien – Maschendraht und Plastikfolie – Präsenz verleiht.

Um Bewegung und Stille, Musik und Tanz geht es in den Objektkästen von Rena Meyer Wiel. Gerda Nettesheim ist mit Bett, Schrank und Nachtkästchen vertreten, die durch Saiten zu Schlafzimmerharfen werden. Ähnlich bizarr Chris Bleichers Multimediaaltar, Irmtraud Büttner-Hachmeisters riesige Lindenholz-Ohren, die mit Mara Loytved-Hardeggs Fingeralphabet korrespondieren. Hier sind wir bereits im pathologischen Bereich, wo auch Dagmar von Beschwitz-Both ihre Erfahrungen mit Hörgeschädigten einbringt und in einer Reihe von Besorgnis erregenden Enkaustik-Bildern den Tinnitus, der einst den Meister quälte, nicht minder qualvoll verbildlicht. Als abstraktes, delikat strömendes Wandgemälde lässt Thesa Terheyden Beethovens Leben am Besucher vorbeirauschen, bevor dieser auf eine Wand mit Totenmasken trifft und somit vor vollendete Tatsachen gestellt wird.

Rührende „Herzmondsonate“

Quasi dokumentarisch geht Isa Hahn, deren Vater zum Team des Beethovenhallen-Architekten Siegfried Wolske gehörte, mit dem maroden, gerade aufwendig restaurierten Kulturtempel um: Sie bringt Ansichten von Mosaiken, die sich in der Beethovenhalle finden, collageartig mit Bildern vom vorbeifließenden Rhein in Verbindung. Der spielt auch in Chris Werners Multimediainstallation „Herzmondsonate“ eine Rolle, die den Besucher eine Dreiviertelstunde lang fesselt. Eine der herausragenden Arbeiten der Schau. Ein Smartphone-Bild mit dem Mond in Herzgestalt gab den Ausschlag: „Beethoven und die Liebe in einer von der Magie des Mondes aufgeladenen Liebesküche“, lautet das Thema. Die Realisierung: Frederik Schauhoff interpretiert und improvisiert über Beethovens „Briefe an die unsterbliche Geliebte“, Anastasia Grishutina steuert eine freie Interpretation der „Mondscheinsonate“ bei, dazu Bilder vom Mond und dessen tanzende Reflexe auf dem Rhein. Eine spannende Videoarbeit — als Livekonzert am Sonntag zur Eröffnung.