Die Situation am Bonner Hauptbahnhof: Weniger Straftaten, mehr Müll

Die Situation am Bonner Hauptbahnhof : Weniger Straftaten, mehr Müll

Am Zustand zwischen Kaiserplatz und Altem Friedhof scheiden sich die Geister. Die neue Südüberbauung soll's richten. Müll und Graffiti auf dem Busbahnhof.

Als ein 18-Jähriger vor einigen Tagen am Bonner Loch im Streit von drei Männern die Treppen hinuntergestoßen, ausgeraubt und schwer verletzt wurde, war das Entsetzen in der Stadt groß. Die Überraschung über die Tat am Bahnhof hielt sich hingegen in Grenzen. Zu desolat, so war etwa Diskussionsforen im Internet zu entnehmen, ist offenbar längst der Ruf, den das gesamte Bahnhofsumfeld in puncto Sicherheit und Sauberkeit „genießt“. Das Areal zwischen Kaiserplatz und Altem Friedhof ist ein Paradebeispiel dafür, wie unterschiedlich allgemeines Sicherheitsempfinden und Polizeistatistik ausfallen können.

Der Bonner Hauptbahnhof und seine Umgebung

Denn die blanken Zahlen der Polizei belegen eine Verschärfung der Lage nicht: „Die Zahl der Anzeigen ist von 2015 auf 2016 gesunken, und auch für das erste Quartal 2017 zeichnet sich ein weiterer Rückgang ab“, sagt Robert Scholten, Pressesprecher der Bonner Polizei. Naturgemäß sind damit ausschließlich jene Taten gemeint, von denen die Polizei auch Kenntnis erlangt. Konkret ging die Zahl der Anzeigen von 2200 um zehn Prozent auf rund 2000 zurück. Dabei machten Rauschgiftdelikte weniger als ein Fünftel aus und lagen 2016 bei elf Prozent. Insgesamt, so Scholten, sei zu beachten, dass an der Wache Gabi als bekannter Anlaufstelle beispielsweise auch Delikte aus anderen Teilen der Stadt gemeldet würden. Ebenso solche, die in einer Bahn passierten.

Auch die Bundespolizei bestätigt: Von 2015 auf 2016 seien die angezeigten Straftaten in jedem Vergleichsquartal zurückgegangen, teilweise um 20, manchmal auch um fast 50 Prozent, sagt deren Sprecher. Insgesamt habe die Bundespolizei 2016 rund 600 Straftaten aufgenommen. Das Spektrum der Delikte rund um den Bahnhof ist breit und reicht vom Taschendiebstahl bis zur Körperverletzung. Bekanntlich soll ein – in der Finanzierung noch auf verdächtig wackeligen Füßen stehendes – „Haus der Sicherheit“ zusätzliche Vorteile bringen.

Dritter Pfeiler des „Drei-Säulen-Modells“ neben Polizei und Ordnungsdienst der Stadt in der Wache Gabi sind das Sozialamt und die freien Träger wie der „Verein für Gefährdetenhilfe“ (VfG) und die Caritas. Neben deren Hilfsangeboten gehöre es ebenso zum Konzept, Ordnungswidrigkeiten und Straftaten konsequent zu ahnden, heißt es seitens der Stadtverwaltung. Den weit verbreiteten Vorwurf, durch das gute Angebot für Drogensüchtige in Bonn werde die Stadt zum Magneten der Szene aus dem weiteren Umland, bestätigt die Stadtverwaltung nicht: Vielmehr sei die Klientel bekannt und werde „regelmäßig beobachtet“.

In den vergangenen Jahren sei die Zahl der Szeneangehörigen im Wesentlichen gleich geblieben. Weiter gehen Caritas und VfG, die eine Reduzierung der Drogenszene um den Hauptbahnhof feststellen. Heute hielten sich im Verlaufe des Tages dort maximal 50 opiatabhängige – vor allem also heroinabhängige – Personen gleichzeitig auf. Unklar bleibt dabei, inwieweit sich Teile der Szene beispielsweise in Richtung Hofgarten oder Alter Zoll verlagert hat.

Derweil bestätigen Caritas und VfG, dass andere Drogen wie Amphetamine oder Cannabis an Bedeutung gewonnen haben. Probleme bereiteten Menschen, die nicht in „verbindliche Hilfsprogramme“ wie Methadonausgabe eingebunden sind, und in versteckten Ecken ihre Drogen konsumieren. Damit nämlich setzten sie sich tödlicher Gefahr aus. Dies zu verhindern, sei eine vorrangige Herausforderung für die an die Maximilianstraße umgezogene Wache Gabi und die Straßensozialarbeit.

Dass ein Bahnhofsviertel Anziehungskraft auf Alkoholiker und Drogenkonsumenten ausübt, sei kein Bonner Phänomen, heißt es beim Sozialamt. Vielmehr habe man mit Gründung der Wache Gabi und Verhängung des Alkoholverbots am Bahnhof 2008 wirksam darauf reagiert und eine Gesamtsituation hergestellt, „mit der soziale Konflikte reduziert und die Teilhabechancen verbessert werden“. Insgesamt würden die Angebote gut angenommen.

Inwieweit Passanten die Bewertung teilen, lässt sich schwer nachvollziehen. Offenkundig aber ist, dass Kriminalität und Drogenkonsum mitnichten die einzigen Pro-bleme sind, mit denen das Bahnhofsumfeld zu kämpfen hat. Vielmehr sind es „verwandte“ Themen wie das Erscheinungsbild aus Müll, Graffiti-„Kunst“ und Betrunkenen sowie deren ihren Hinterlassenschaften jeglicher Art, angesichts derer etwa die Unterführungen den Vergleich mit dem Flair namhafter Ruinenstädte dieser Welt nicht scheuen müssen. Manchem Erstbesucher sollen gar schon Zweifel gekommen sein, ob dies wirklich der Hauptbahnhof der Bundesstadt sei. Wer aus dem Flughafenbus steigt, kann bei der Ankunft wahlweise die Tauben füttern oder sich für eine Weile zu der dauerpräsenten Trinkercombo gesellen.

Oder er sieht – gerade abends – zu, dass er schnell weiterkommt. Angesichts der aktuellen Großbaustelle ruht die Hoffnung vieler Bürger und Händler nun auf der neuen Südüberbauung, der Umgestaltung des Nordfeldes und den Erneuerungen am Bahnhof selbst. Und langfristig auf einem neuen Busbahnhof. Einzelhändler im Umfeld halten sich bei dem Thema auffallend bedeckt: Solange mit der Baustelle „hoffentlich die Talsohle erreicht“ sei, wolle man „nicht noch zusätzlich draufhauen“. Eine Frage stellen aber auch sie in den Raum: Wer das „neue Bahnhofsumfeld“ eigentlich täglich und professionell pflegen werde. Denn darauf, so ihre Überzeugung, werde es am Ende ankommen.

Weitere Fotos gibt es unter www.ga-bonn.de/bonnerloch