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Ostern in Bonn: Von Poppelsdorfs Wallfahrtsweg himmelwärts

Ostern in Bonn : Von Poppelsdorfs Wallfahrtsweg himmelwärts

Hunderte Gläubige erklimmen am Karfreitag die Heilige Stiege auf dem Kreuzberg, die der Treppe im Palast von Pontius Pilatus nachempfunden ist.

Es ist einer der vielen scheinbaren Widersprüche in der christlichen Tradition und Überlieferung: Auf dem alten Wallfahrtsweg von Poppelsdorf hinauf zum Kreuzberg kommt man dem Himmel – manche spüren es womöglich in den Beinen – ein merkliches Stück näher. „Trotzdem führt der Kreuzweg hinab zu den tiefsten menschlichen Abgründen“, warnt der scheidende Bonner Stadtjugendpfleger Meik Schirpenbach am Karfreitag-Vormittag an der Abzweigung des Wallfahrtsweges.

Rund 50 Interessierte vom Säugling im Kinderwagen bis zu älteren Semestern folgen Schirpenbach trotzdem auf dem Weg hoch zur Kreuzbergkirche, die kurz zuvor wie jedes Jahr ihre Heilige Stiege für Gläubige geöffnet hatte. In kurzen gedanklichen Anregungen und Gebeten verbindet er die Geschichte des 500 Jahre alten Pilgerwegs mit der biblischen Passion und der heutigen Weltlage.

Beim zweiten Bildstock, der die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten zeigt, erinnert er etwa an die Angriffe auf koptische Christen am Palmsonntag in Nordägypten mit über 50 Toten. Außerdem bringt er die besondere Beziehung Bonner Katholiken zur koptischen Kirche zur Sprache. Schließlich stammen die Stadtpatrone Cassius und Florentius ebenfalls aus dem Land am Nil.

„Ich habe mich dem Kreuzweg mit Herrn Schirpenbach schon häufiger angeschlossen“, erzählt Ursula Stammer. Auch wenn die Bonnerin sich mit ihrem Asthma den Berg hinauf kämpfen musste, sei das für sie als gläubige Christin eine Selbstverständlichkeit. Auch für Mirko Steffen ist es wichtig, den Passionsweg physisch nachzugehen und zu erleben. „Ich muss am besten sogar etwas anfassen können“, sagt er. Für Anja Leiff wird in der Passion die Liebe Gottes zu den Menschen spürbar. Die Auferstehung am Ostersonntag ist für sie und ihr Leben existenziell wichtig. „Ohne Auferstehung würde der Tod gar keinen Sinn machen“, sagt die Godesbergerin.

Der Tod spielt auch auf dem Weg hinauf zum Kreuzberg eine zentrale Rolle. Zwischen jungen Blättern hindurch biegt die Gruppe in den Hohlweg ein, der sich „unterhalb der Gräber“ – wie Schirpenbach betont – durch den Poppelsdorfer Friedhof schlängelt. Im Rheinland seien Hohlwege früher häufig auch Hölle genannt worden, berichtet er. Der Wortstamm sei derselbe.

Der Tod sei bei aller Ablenkung der Zielpunkt jedes Lebens und als solcher unabänderlich, so der Seelsorger. Man begegnet ihm unterwegs verschiedentlich. So auch auf dem ältesten Stein des Weges, einem Gedenkkreuz, das 1594 für einen gewissen Petrus Fabri gesetzt wurde. Wie er ums Leben kam, ist nicht überliefert.

Aber dann ist da wenig später die unerschütterliche Liebe der Maria Magdalena, die Jesus auch bei der Kreuzigung und danach der biblischen Überlieferung nach nicht im Stich ließ. Als Statue steht sie ein paar Meter abseits des Wegs auf dem Friedhof. Vielleicht soll es aber auch die heilige Helena sein. Jedenfalls weist die Statue der Trauernden bereits den Weg nach oben, zur weiß getünchten Kreuzbergkirche, deren Heilige Stiege angeblich der nach Rom transportierten Treppe im Palast des Pilatus nachempfunden ist, an dessen Ende die Auferstehung wartet.

Vor dem Eingang entlässt Schirpenbach seine Zuhörer genau um 11.45 Uhr. Viele mischen sich unter die zahlreichen anderen Besucher und setzen ihre Gebete auf den 28 Stufen der Heiligen Stiege fort. Einige auf Knien, wie es die Tradition verlangt. 11.45 Uhr zeigt auch die Kirchenuhr - und zwar dauerhaft. Um diese Zeit soll Jesus am Kreuz gestorben sein.

„Ich wollte diesen Kreuzweg mit Herrn Schirpenbach unbedingt noch einmal erleben“, sagt Birgit Aldenhoff, die dem beliebten Stadtjugendpfarrer wegen seines geistigen Anspruchs und seiner modernen Interpretationen schon jetzt nachtrauert: „Das ist ein Verlust für Bonn.“ Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki schickt den 47-Jährigen zum 15. August als leitenden Pfarrer in die Gemeinden an Erft und Gilbach.

Die Heilige Stiege ist auch am Karsamstag noch von 9 bis 12 Uhr für jedermann geöffnet.