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Norddeutsche Tradition: Marinekameradschaft in Duisdorf boßelt durch den Kottenforst

Norddeutsche Tradition : Marinekameradschaft in Duisdorf boßelt durch den Kottenforst

Die Marinekameradschaft Eisbrecher Stettin zieht boßelnd durch den Kottenforst. Viele Mitglieder sind älter als 70 Jahre alt.

Ältere Herrschaften, die lachend und bisweilen ein Schnäpschen trinkend durch den Wald ziehen? Da kann man schnell einiges ausschließen: Spaziergang, Naturexkursion und Sport im Freien. Wenn sie dann noch Kugeln den Weg entlang rollen und fröhlich hinterher gehen, um sie wieder aufzuheben und erneut zu rollen, fühlt man sich an ein Kinderspiel erinnert – aber dann wird auch klar: Hier ist eine Boßeltruppe unterwegs.

In dieser norddeutschen Tradition, die immerhin sportlichen Wettkampf, frische Luft und ein wenig Kindsein miteinander verbindet, waren am Samstag 22 Mitglieder der Marinekameradschaft Eisbrecher Stettin im Kottenforst unterwegs. Der Bollerwagen war gut gefüllt mit Bier, Schnaps und Kaffee, und so ging es vom wieder errichteten Vereinsheim – man erinnert sich, dass es 2018 aufgrund eines Defekts in der Technik abgebrannt und wieder aufgebaut worden war – kreuz und quer durch den Wald.

Klaus Deckert von den Waldfreunden voran, der die Gruppe am Grillplatz vorbei Richtung Witterschlick und zurück führte. Zuvor war die Teamzugehörigkeit ausgelost worden. Rot gegen Gelb, immer reihum wurde die Kugel geschoben, wer gewann, war zweitrangig. Das Grünkohlessen im Vereinsheim hatten sie sich nachher alle verdient.

Werner Schiebert hat dieses Boßeln schon in Emden kennengelernt, der Geburtsstadt von Otto Waalkes. „Das und den Teebeutel-Weitwurf.“ 37 Jahre lang war er bei der Marine, wie alle anderen auch, die die Kameradschaft 1983 gegründet haben. Der Grund damals: „Hier gab es keine Kaserne mit einer Messe, in der man sich hätte treffen können.“

Das sei heute anders, aber damals wurde eben kurzerhand in der Gaststätte Clemens August in der alten Bahnhofstraße die Kameradschaft gegründet. Heute hat sie rund 70 Mitglieder, zu denen auch die Frauen der alten Seebären gleichberechtigt gehören.

Schiebert bringt vierteljährlich das „Eisbär-Journal“ heraus, das vereinseigene Infoblatt mit einer Auflage von 170 Stück. Weitaus höher ist die Auflage für die Verbandszeitschrift „Leinen los!“, die er seit 2006 ebenfalls als Chefredakteur betreut. Die wird deutschlandweit gelesen. „Ich habe bei der Bundeswehr die Marinezeitschrift gemacht“, erklärte er. Beim Deutschen Marinebund habe man dann gesagt: „Den können wir brauchen.“ Artikel übers Boßeln wird er darin aber wohl nicht veröffentlichen.

Vielleicht eher einen zum Thema Überalterung, denn die lastet schwer auf den deutschen Marinekameradschaften, sagt er selbst – inzwischen habe man einen Altersschnitt von mehr als 70 Jahren erreicht. Auch bei der Kameradschaft vom Wesseheideweg, die eine Patenschaft für den Dampf-Eisbrecher Stettin übernommen hat. Dieser liegt als Museumsschiff in Hamburg.

Vor mehr als 80 Jahren wurde er in Betrieb genommen, damit ist er ungefähr so alt wie Gerhard Steinmann, der dieses Jahr seinen 85. Geburtstag im Vereinsheim feiert. Er gehört, was man bei seinem Alter meinen könnte, nicht zu den Vereinsgründern, sondern kam 1992 dazu. Und er ist auch nie zur See gefahren, geschweige denn gedient. „Ich war mal auf dem Schiff Bonn, für vier Tage als Gast.“ Das war sein engster Kontakt mit der Marine. Trotzdem ist er Ehrenmitglied.

Mit seiner Frau habe er jahrelang das Außengelände am Vereinsheim gepflegt. Zum Verein kam er über den Bonner Shanty-Chor, bei dem er 30 Jahre lang mitgesungen hat, parallel zum Endenicher Männergesangverein, bei dem er seit 59 Jahren Mitglied ist. Was trieb ihn zur Marinekameradschaft? „Das Wort sagt es: Es ist ein Zusammengehörigkeitsgefühl“, erklärte der gebürtige Westfale bei der Boßeltour. Dann musste er nach vorne, die Kugel durch den Wald rollen.