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Beuel: Obdachloser Werner W. darf zurück in sein Quartier

Stadt übt Selbstkritik : Obdachloser Werner W. darf zurück in sein Quartier

Der Obdachlose Werner W. war nach einem Einsatz des Ordnungsdienstes vom Platz unter der Südbrücke verschwunden. Bürger machten sich Sorgen. Die Stadt Bonn gesteht nun ein, dass der Umgang mit ihm überzogen war.

Ob Werner W. eigentlich weiß, wie viele Sympathisanten er in Bonn hat? Der GA-Artikel über den Obdachlosen, der vergangene Woche nach einem in Art und Weise umstrittenen Besuch des Ordnungsamtes frustriert sein Quartier unter der Südbrücke verlassen hat, hat viele Menschen bewegt. Mehr als 50 Anrufe und weit mehr E-Mails haben die Redaktion erreicht. Alle Reaktionen einte Wut, Trauer und Bestürzung über das Vorgehen der Stadt Bonn.

Was war geschehen? Neun Mitarbeiter der Stadt und von Bonnorange haben vor den Augen vieler vorbeifahrender oder – gehender Passanten Werner W. nachdrücklich aufgefordert, sein Quartier aufzuräumen und zu verkleinern. Nach Meinung vieler Beobachter sind die Vertreter der Stadt zu nachdrücklich vorgegangen.

Das Ergebnis des städtischen Besuchs: Bis einschließlich Mittwoch ist Werner W. an seinen Stammplatz, den er fast zehn Jahre bei Wind und Wetter bewohnt hat, nicht zurückgekehrt. Und was mindestens genauso schwer wiegt: Die Nachricht von der augenscheinlichen Zwangsräumung verbreitete sich rasch, wurde zum Stadtgespräch und entfachte einen Shitstorm in den sozialen Medien. Wen wundert’s, die Stadt Bonn kam dabei katastrophal schlecht weg.

Ordnungsdienst übt Selbstkritik

Auch die Redaktion konnte und kann sich die Vorgehensweise der Stadt nicht erklären und meldete Gesprächsbedarf bei der Stadtverwaltung an. Carsten Sperling, Abteilungsleiter des Stadtordnungsdienstes, stand Rede und Antwort und machte auch keinen Hehl daraus, dass der Auftritt der Stadt unglücklich verlaufen ist. „In der Sache liegen wir im Recht, weil die Bonner Straßenordnung eindeutig vorgibt, dass Lagern und Campieren im öffentlichen Raum verboten sind.

Aber Form und Ansprache können auf Außenstehende sicherlich martialisch gewirkt haben. In einer solchen Situation kann erst einmal versucht werden, mit geringerer Intensität vorzugehen. Dass Augenzeugen der Meinung sind, neun gegen einen sei unfair, kann ich nachvollziehen. Das Aufgebot war dem Umstand geschuldet, dass Herr W. auf die Bitte, Gegenstände wegzuräumen, anfangs sehr ablehnend, wütend und aggressiv reagiert hat.“

60 Obdachlose leben im Bonner Stadtgebiet

Bei dieser selbstkritischen Einschätzung will es Sperling nicht belassen. Bei der nächsten Dienstbesprechung will er offen mit seinen Kollegen reden, wie in einem solchen Fall maßvoller vorgegangen werden kann. „Schließlich müssen wir immer kritisch hinterfragen, welches richtige Augenmaß in Situationen anzulegen ist, in denen es zu Konflikten kommt. Hier hätten wir auch anders reagieren können“, so Sperling.

Diese Einsicht ist wichtig, denn: Rund 60 Obdachlose leben derzeit im Bonner Stadtgebiet unter freiem Himmel. Die Stadt pflegt unregelmäßigen Kontakt zu ihnen. „Wir versuchen, alle im Blick zu haben. Wir kümmern uns um sie, aber müssen auch einschreiten, wenn gewisse Situationen ausufern. Das gehört zu den ordnungsbehördlichen Aufgaben einer Kommune und ist wichtig für den Sozialfrieden innerhalb einer Stadt“, sagte Sperling.

Sperling weist Vorwurf der Zwangsräumung zurück

Der Abteilungsleiter wies aber deutlich den Vorwurf einer Zwangsräumung zurück: „Wir haben ihn aufgefordert, sein Lager aufzuräumen und zu verkleinern. Dagegen hat er sich erstmals verbal zur Wehr gesetzt. In der Vergangenheit ist Werner W. immer unseren Anordnungen nachgekommen.“ Schließlich habe er mürrisch aufgeräumt, und die Mitarbeiter der Stadt wären wieder abgezogen. „Wir haben keine Gegenstände mitgenommen und schon gar nichts zur Müllverbrennungsanlage gefahren. Als wir den Ort auf der Beueler Seite der Südbrücke verlassen haben, war der Obdachlose noch dort“, betonte Sperling.

Die Stadt Bonn sagte am Mittwoch auch zu, sich weiterhin um Werner W. zu kümmern. Man habe ihn am Mittwochmorgen im Beueler Süden gesehen. „Es geht ihm gut. Wir werden ihm nochmals mitteilen, dass er sein Quartier unter der Südbrücke wieder beziehen kann, wenn er sich an die Spielregeln hält“, erklärte Sperling.

„Es war ein Routinebesuch“

Gegen eine Schlafstätte, einen Koffer, zwei Taschen und Geschirr habe die Stadt nichts einzuwenden, „aber wenn es so aussieht, als ob jemand sich ein Wohnzimmer unter der Südbrücke eingerichtet hat, müssen wir aktiv werden“. Sperling dementierte, dass der Stadt Beschwerden gegen Werner W. vorliegen. Die Stadt sei auch nicht – wie vorgeworfen – von einem Politiker aufgefordert worden, gegen Werner W. vorzugehen. „Es war ein Routinebesuch, mehr nicht“, sagte er. Sperling bestätigte, dass auch die Stadt viele Rückmeldungen bezüglich des Einsatzes unter der Südbrücke erhalten hat. „Dieser Vorfall ist für uns eine Erfahrung, aus der wir lernen werden.“

Von den vielen Reaktionen, die die GA-Redaktion erhalten hat, war eine besonders bewegend. Eine Frau, die viele Jahre bei der Stadt Bonn beschäftigt war und heute im Ruhestand ist, sagte am Telefon: „Ich sah den Einsatz, als ich mit dem Fahrrad direkt an Werner W. vorbeigefahren bin. Ich war auf dem Weg zum Arzt nach Beuel. Als ich dann im GA über den Vorfall gelesen habe, habe ich mich dafür geschämt, dass ich nicht angehalten und dem Obdachlosen geholfen habe. In Zeiten, in denen das menschliche Miteinander besonders wichtig ist, so vorzugehen, lässt Anstand und Fürsorge vermissen.“