Neue Heimat Niederkassel: Frauen erzählen, warum sie geflüchtet sind

Neue Heimat Niederkassel : Frauen erzählen, warum sie geflüchtet sind

Die Syrerin Majida und die Irakerin Rahma kamen als Flüchtlinge nach Deutschland und haben in Niederkassel ein neue Heimat gefunden. Krieg in ihren Ländern war nicht der einzige Grund für ihre Flucht.

Majida wurde in Syrien geboren, Rahma im Irak. Beide Frauen sind 34 Jahre alt und haben vor fast vier Jahren einen Entschluss gefasst, der ihr Leben grundlegend veränderte. Sie sind 2015 aus ihren Heimatländern geflüchtet und nach Wochen der Angst und Ungewissheit schließlich in einer Sporthalle in Niederkassel gelandet.

Der Grund für diesen einschneidenden Schritt war der Krieg in ihrer Heimat – aber auch das immense Bedürfnis nach mehr Sicherheit und Selbstbestimmtheit für sie als Frauen. Die Sehnsucht nach einem freien Leben, das den Regeln des Gesetzes und nicht denen männlicher Willkür folgt.

Auch wenn die Motivationen der beiden Frauen sich gleichen – ihre Lebensumstände unterscheiden sich. Majida trägt ein Kopftuch und zeigt damit, welcher Religion sie angehört. Auch Rahma ist Muslimin, aber sie liebt Mode, ihre Selbstständigkeit und wünscht sich nichts mehr, als ein selbstbestimmtes Leben als Frau mit allen Freiheiten einer westlich geprägten Gesellschaft zu leben.

Ex-Mann arbeitete mit syrischen Rebellen

Es liegt eine gewisse Traurigkeit im Blick der dunklen Augen von Majida, wenn sie über ihr Leben und das ihrer inzwischen siebenjährigen Tochter berichtet. 2009 arbeitete sie als Krankenschwester in Syrien, heiratete 2010 und musste deshalb ihre Arbeit aufgeben. 2014 trennte sie sich von ihrem Mann und kehrte mit ihrer Tochter zurück zu ihrer Familie.

„Mein Ex-Mann hat zu der Zeit mit den syrischen Rebellen zusammengearbeitet und so wurde auch für mich das Leben immer gefährlicher“, berichtet die junge Frau. Sie beschloss, das Land zu verlassen. 15 Tage war sie mit ihrer Tochter alleine unterwegs, bis sie am 23. November 2015 Bremen erreichte.

„Das schlimmste auf der Flucht waren die vielen alleinreisenden Männer“, sagt die zierliche Frau. Immer wieder musste sie sich anzügliche Bemerkungen oder Übergriffigkeiten und Berührungen im Gedränge gefallen lassen. Und immer habe sie die Angst begleitet, dass es zu Schlimmerem kommen könnte, sagt Majida.

Über Bielefeld und Dortmund kamen Majida und ihre Tochter in die Turnhalle der Mondorfer Realschule. Auch hier blieb die Angst vor Übergriffen der Männer, die mit ihr in der Halle untergebracht waren. Nach sechs Monaten konnte die Syrerin mit einer Familie eine Wohnung in Niederkassel beziehen. Im August 2017 bekam sie eine kleine Zweizimmerwohnung in Rheidt.

Majida tut alles was möglich ist, um bleiben zu können. Integrationskurse, Orientierungskurse und ein Praktikum beim Roten Kreuz hat sie erfolgreich absolviert. Jetzt ist sie auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz als Arzthelferin oder in der mobilen Pflege. Dazu allerdings benötigt sie einen Führerschein, den sie gerade macht. „Ich wünsche mir für meine Tochter ein anderes Leben als meins“, sagt sie. Genau das ist auch der Grund, warum sie unbedingt in Deutschland bleiben möchte. Ihr Bleiberecht ist bis zum Jahr 2021 befristet.

Asylantrag von Rahma abgelehnt

Noch unsicherer ist der Aufenthaltsstatus von Rahma. Ihr Asylantrag wurde bereits abgelehnt, sie hat dagegen geklagt und hofft auf eine positive Entscheidung. „Ich kann im Irak nicht in Frieden Leben und habe dort keine Freiheit“, begründet sie ihren Entschluss, zu fliehen. Eine Frau im Irak sei rechtlos. Sie habe zu schweigen, ein Kopftuch zu tragen und zu Hause zu bleiben, so die landläufige Meinung in ihrem Heimatland. „Mein Ex-Mann sagte mir, dass ich zu Hause bleiben muss und wenn ich nach draußen gehe, maximal meine Hände und das Gesicht zeigen darf“, berichtet sie. „Ich wollte in ein Land ohne Willkür, sondern mit Gesetzen und Regeln.“ Da war Deutschland ganz weit oben auf ihrer Liste.

Sie flog in die Türkei, setzte in einem Schlauchbot nach Griechenland über und gelangte von dort aus zu Fuß oder mit dem Bus nach Österreich. Dann ging es mit dem Zug nach München. „Dort haben sich alle Leute gefreut als wir kamen“, erinnert sie sich an die Willkommenskultur in Deutschland. Für sie ging es weiter nach Essen und von dort über Dortmund nach Niederkassel in die Turnhalle in Lülsdorf.

Dort verbrachte Rahma zwei Monate. Auch sie berichtet von großer Angst vor Übergriffen der Männer. „Ich habe in der Zeit viel geweint und mit dem damaligen Sozialamtsleiter Wolfgang Buhrandt gesprochen.“ Der gab ihr eine Aufgabe als Dolmetscherin und nach zwei Monaten konnte sie in ein Zimmer mit vier anderen Frauen umziehen, wo sie acht Monate blieb.

Rahma arbeitete in einer Kita und besuchte ab 2017 ebenfalls Integrationskurse. Aktuell arbeitet die 34-Jährige als Minijobber in einem Café und wartet auf eine Arbeitserlaubnis. Als positiv wertet Rahma, dass ihr Zeugnis als Buchhalterin inzwischen anerkannt worden ist. Sie möchte jetzt zeitnah einen Termin mit dem Jobcenter machen.

Unerträglich wäre für sie die Rückführung in ihr Heimatland. „Ich habe Angst, das mich im Irak jemand auf offener Straße erschießt, und es würde einfach niemanden interessieren.“

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