Königswinter: Sterbenotgemeinschaft löst sich nach 96 Jahren auf

Königswinter : Sterbenotgemeinschaft löst sich nach 96 Jahren auf

Die Sterbenotgemeinschaft Oberdollendorf war die letzte ihrer Art in Königswinter. Nach 96 Jahren löst sich der Verein auf.

„Es passt nicht mehr in unsere heutige Zeit“, sagt Bruno Görg. Es klingt nicht bitter oder resigniert, sondern wie eine nüchterne Feststellung. 96 Jahre nach ihrer Gründung löst sich laut Beschluss der Mitgliederversammlung die Sterbenotgemeinschaft Oberdollendorf zum 31. Dezember dieses Jahres auf. Der Versicherungsverein gehörte zu den wenigen verbliebenen seiner Art im Rhein-Sieg-Kreis und war der letzte in Königswinter.

Sterbenotgemeinschaft? Was ist das eigentlich?

Es ist nicht das erste Mal, dass Görg diese Frage beantworten muss. „Und sie ist letzten Endes auch einer der Gründe, warum wir den Verein jetzt auflösen müssen“, erklärt der 46-Jährige. Viele dieser Gemeinschaften entstanden als Nachbarschaftsdienst zu Zeiten der Wirtschaftskrise in den 1920er Jahren – wie auch in Oberdollendorf, wo die Sterbenotgemeinschaft 1923 gegründet wurde. Im Todesfall war es damals üblich, die Hinterbliebenen zu unterstützen, etwa, den Verstorbenen im Haus aufzubahren, durch Glockengeläut die Gemeinde über den Todesfall zu informieren und als Träger den Toten zu den Exequien in die Kirche und auf den Friedhof zu geleiten. Die Sterbenotgemeinschaft unterstützte die Angehörigen aber vor allem auch finanziell, um ihnen die würdige Bestattung ihres Verstorbenen zu ermöglichen.

Teuer war der Tod auch damals schon, wie ein Blick in die Archive der Sterbenotgemeinschaft zeigt: Rund 50 Reichsmark waren für einen Sarg, zehn Reichsmark für den Totengräber fällig. Hinzu kamen Gebühren für den Gottesdienst und das Sechswochenamt.

Das Geld floss aus der Umlage vom Beitragsaufkommen der Sterbenotgemeinschaft. 1923 zahlten Mitglieder einen Jahresbeitrag in Höhe von 21 Pfennig, sieben Pfennige für Kinder. Im Jahr 1965 unterstützte die Sterbenotgemeinschaft die Kosten für den Sarg mit 65 D-Mark, das Grabmachen mit 20 D-Mark und gleichfalls 20 D-Mark gab es für den von Pferden gezogenen Leichenwagen.

Heute liegen die Jahresbeiträge bei fünf Euro für die Erwachsenen, 1,65 D-Mark für die Kinder. Im Todesfall unterstützt die Oberdollendorfer Gemeinschaft die Angehörigen mit 350 D-Mark – angesichts der hohen Kosten für eine Beerdigung lediglich ein kleiner Beitrag. „Doch um mehr auszahlen zu können, hätten wir die Jahresbeiträge drastisch erhöhen müssen“, sagt Görg.

Und das bei stetig sinkenden Mitgliederzahlen: 206 Mitglieder zählt die Sterbenotgemeinschaft Oberdollendorf heute noch, in den 1980er Jahren seien es noch mehr als 600 gewesen. „Der Altersdurchschnitt liegt bei weit über 60 Jahren“, so Görg. Es sei schwer, die Jüngeren für eine Mitarbeit zugewinnen, selbst Werbung in den örtlichen Schützen- und Junggesellenbruderschaften habe keinen Erfolg gehabt. „Viele sind im Beruf und mit der Familie eingespannt“, so Görg, der mit anderen Mitgliedern auch schon mal von Haustür zu Haustür ziehe, um die Jahresbeiträge einzusammeln.

Eine Umstellung etwa auf Lastschriftverfahren sei bei den zumeist älteren Mitgliedern nicht vermittelbar gewesen. „Das konnten wir auf Dauer nicht mehr leisten.“

Die Sterbenotgemeinschaften werden weniger

Bei der ordentlichen Mitgliederversammlung im September sei weit weniger als die Hälfte anwesend gewesen. Daraufhin habe der fünfköpfige Vorstand im Oktober zu einer außerordentlichen Versammlung eingeladen und die Auflösung zum Jahresende empfohlen, die die Bezirksregierung Köln als Aufsichtsbehörde genehmigt hat. Bis zum 31. Dezember 2020 bleibt nun etwaigen Gläubigern noch Zeit, ihre Ansprüche geltend zu machen.

Görg selbst ist der Schritt nicht leicht gefallen: „Mittlerweile gibt es nur noch wenige Sterbenotgemeinschaften im Umkreis“, sagt er. In Hennef etwa löste sich erst im vergangenen Jahr ein Verein auf, andere kämpften mit sinkenden Mitgliederzahlen. „In Königswinter waren wir die letzten.“

Für ihn selbst endet mit der Auflösung des Vereins auch ein Stück Familientradition: Der 46-Jährige hatte erst im Februar 2015 den Vorsitz von seinem Vater übernommen – kein anderer hatte damals die Vorstandsarbeit fortsetzen wollen. „Ich bin quasi mit diesem Verein aufgewachsen“, so Görg. „Denn vor meinem Vater war bereits mein Großvater als Vorsitzender aktiv. Es ist traurig, dass diese Geschichte jetzt endet.“

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