Helga Flatland liest in Bonn aus ihrem Buch „Eine moderne Familie“

Roman „Eine moderne Familie“ : Norwegische Autorin Helga Flatland liest in Bonn

Beziehungen auf dem Seziertisch: Die junge norwegische Autorin Helga Flatland entfaltet in ihrem Roman „Eine moderne Familie“ ein atemberaubendes Drama. Am Montag, 21. Oktober, liest sie in einer Bonner Buchhandlung.

Für Italien seien sie viel zu groß, bemerkt Liv: „Hochgewachsen, hellhäutig und blond. Im Restaurant passen wir kaum um den Tisch.“ Das Mobiliar sei für „putzige kleine Italiener gemacht“, nicht für baumlange Skandinavier. Liv ist eine gute Beobachterin. Irgendetwas passt hier nicht – abgesehen von den überdimensionierten Norwegern.

Die Stimmung ist gleichwohl ausgelassen, in der Großfamilie gibt es etwas zu feiern: Familienoberhaupt Sverre hat sie alle nach Rom eingeladen, um dort seinen Siebzigsten zu feiern, seine Frau Torill, die Töchter Liv und Ellen, den Sohn Håkon, Lebenspartner und Enkel. Die Familie wartet auf eine Rede des Jubilars, seine Frau drängt ihn. Und dann lässt Sverre die Bombe platzen: „Wir haben beschlossen, uns scheiden zu lassen.“

Die Reaktionen reichen von Fassungslosigkeit bis zum hilflosen Versuch, die Situation rational zu retten. Man habe sich auseinandergelebt, die Trennung sei wohlüberlegt, „wir haben beide ein Gefühl der Leere, dass wir aus einander und aus unserer Ehe alles herausgeholt haben, was möglich war“, sagt Sverre. Es wirkt wie einstudiert, tausendfach memoriert, eine nüchterne Bekanntmachung. Und es erschüttert umso mehr.

Für die drei Kinder wird nichts mehr sein, wie es war. Was nicht heißen soll, vorher sei alles heile Welt gewesen. Im Familien-Kokon wurde doch vieles unter den Tisch gekehrt, in einer allgemeinen Harmoniesauce ertränkt. Nun ist der Schutzmantel geplatzt, und plötzlich brechen alte Wunden auf, ist die Statik der gesamten Familie gestört und empfindlich bis in die Grundfesten erschüttert. „Auseinandergelebt? Zukunft? Mal im Ernst, ihr seid siebzig!“ Ellen ist entrüstet.

„Eine moderne Familie“ geht es um Beziehungen und Machtstrukturen

Die junge norwegische Autorin Helga Flatland (35) lässt in ihrem Roman „Eine moderne Familie“ auf ihre bühnen- oder filmreife Exposition in Rom ein atemberaubendes Drama folgen, dass niemanden ungeschoren lässt. Kindheitsmuster werden analysiert, jede einzelne Beziehung kommt auf den Seziertisch: Es geht zu wie bei einer psychologischen Familienaufstellung, in der Rollen und Verhaltensweisen durchgespielt, Machtstrukturen offengelegt werden.

Es ist unglaublich, was unter der familiären Decke von Sverre und Torill los war. Flatland lässt ihre Protagonisten, die Kinder, erzählen: Die mit Olaf verheiratete Liv (40), die mit Simen liierte Ellen (38) und der Single Håkon berichten aus ihre Perspektive mit eigener Diktion. Wunderbar einfühlsam von Flatland geschrieben.

Die sehr unterschiedliche Reaktion auf die Trennung der Eltern und die dadurch veränderte Interaktion zwischen den Kindern ist nur ein Aspekt dieser spannend zu lesenden Bekenntnisse. Jeder hat darüber hinaus Probleme, die mitunter in der Kindheit und dem Verhältnis zu den Eltern wurzeln. Aber auch sehr aktuelle Nöte, die vor dem Hintergrund der elterlichen Trennung neu, mit erhöhter Dynamik und großer Brisanz formuliert werden.

Da sind Ellen und Simen, die sich seit Jahren um Nachwuchs bemühen, fixiert und zugleich blockiert sind, sie fühlt sich als „Mängelexemplar“, spürt den vermeintlichen Druck der Familie, ist dünnhäutig. Er hingegen sieht sich immer mehr zum Samenspender reduziert, der in einem bestimmten Zeitfenster zu funktionieren hat. Was einst das Paar in Leidenschaft verband, ist zur entwürdigenden Routine geworden. Der selbstauferlegte Zwang zur Reproduktion höhlt die Beziehung aus.

Liv fühlt sich für ihre Geschwister verantwortlich

Liv, die Älteste, trifft die Trennung der Eltern besonders hart: „Ich habe Veränderungen schon immer gehasst, das Unübersichtliche an ihnen. Bin ein Kontrollfreak, wie Olaf sagt. Ich muss vorhersehen können und dementsprechend planen, und schon die kleinste Abweichung bringt mich aus dem Gleichgewicht.“ Und so spürt Liv jede Veränderung in der Wohnung der Mutter, das Verschwinden der väterlichen Spuren. Sie fühlt sich verantwortlich dafür, wie sie auch ungefragt Verantwortung für die Schicksale ihrer Geschwister übernimmt – es seit der Kindheit immer getan hat (und es als Helikoptermami für die eigenen Kinder Agnar und Hedda selbstredend tut).

Liv ist ein klassisches ältestes Kind. Bei einem Treffen der drei Geschwister rastet sie aus: „Ihr verschwindet einfach und erwartet, dass ich die Dinge in Ordnung bringe, ohne dass ihr mit Mama und Papa umgehen müsst oder mit dem Chaos, das sie anrichten, dass sie alles, was wir sind und waren, zerstören und einfach weitertrampeln, ohne zurückzuschauen. Und keiner will zugeben oder sich eingestehen, dass wir eine Lüge gelebt haben.“

Selbstredend lesen sich die Berichte von Håkon und Ellen über diese Zusammenkunft ganz anders. Das macht Flatlands Familiendrama ungemein spannend. Ihre Figur Liv ist die bei weitem interessanteste des Romans; unglaublich, welche inneren Zerwürfnisse, aber auch welche Kräfte in ihr schlummern. Sie nimmt das ganze Leid der Familie auf sich, wird dadurch aber zusehends zur Regisseurin, zum Kraftfeld in dieser sich auflösenden kleinen Gesellschaft. Sie ist der neue Mittelpunkt dieses Systems, die Eltern, die es mal waren, sind nur noch Trabanten.

Håkon werden in „Eine moderne Familie“ nur wenige Worte gewidmet

So ausführlich sich Flatland ihrer Liv widmet, so knapp kommt Bruder Håkon im Roman weg, was wirklich schade ist. Zwar ist sein Profil als bekennender Single – die Eltern halten ihn phasenweise für schwul – beziehungstechnisch recht dünn. Und doch vereinigt er in sich Gedanken (etwa an freie Liebe ohne Besitzanspruch), die auch die anderen Familienmitglieder mal beschlichen haben. Er ist radikal – oder realistisch? Wenn Liv die mangelnde Nähe zwischen ihren Eltern konstatiert, sagt er: „Sie lassen sich scheiden, weil es das einzig Natürliche ist, was man tun kann.“ Seine Analyse: „Weil es absoluter Irrsinn ist, so viele Jahre mit demselben Menschen zusammenzuleben, und jetzt, wo sie keine Kinder mehr haben, auf die sie Rücksicht nehmen müssen, haben sie die Absurdität eingesehen.“

Das Schöne an diesem Buch: Auch der Fundi Håkon wird vom Familientornado erfasst und verändert – und tappt bald selbst in die Beziehungsfalle. Was in Rom explodierte und die Familie von Sverre und Torill  zutiefst erschütterte, entpuppt sich letztlich als emotionaler Kitt für eine durchgerüttelte und neu sortierte Gemeinschaft.

Eine moderne Familie ist hier in Flatlands Roman keine blumige Illusion oder ein modisches Patchwork-Arrangement, sondern gelebte Empathie in aller Ehrlichkeit. Klug analysiert, wunderbar klar und lesbar geschrieben, mit herrlichen Beobachtungen und Details, die wahrscheinlich so oder so in jeder Familie zu finden sind.

Helga Flatland: Eine moderne Familie. Weidle-Verlag, 307 S., 25 Euro –
Autorinnenlesung: Helga Flatland liest am kommenden Montag, 21. Oktober, in der Bonner Buchhandlung Böttger, Thomas-Mann-Straße 41
(Tel.: 0228 / 350 27 19). Katharina Waldau liest die Übersetzung, Barbara Weidle moderiert. Beginn: 20 Uhr

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