Sankt Augustin: Studie des Fraunhofer-Instituts zu digitalem Stress

Studie zu digitalem Stress : Wann wird die Digitalisierung stressig?

Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts arbeiten an einer Studie, die die Belastungsfaktoren durch E-Mails, Handy und Co untersucht. Erste Ergebnisse wurden nun veröffentlicht.

Ständig klingelt das Telefon, oder wahlweise das Handy. Und wenn das nicht der Fall ist, machen sich E-Mails und Text-Nachrichten akustisch und visuell bemerkbar. Wer kennt sie nicht – die ständige Präsenz digitaler Technologien bei der Arbeit oder auch im Privatleben? Klar ist mittlerweile, dass in der heutigen Gesellschaft kein Weg an der Digitalisierung vorbeiführt. Doch der vernünftige Mittelweg zwischen sinnvoller Nutzung und Abschalten ist nur schwer zu finden. Das Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik hat nun eine erste Studienphase des Forschungs- und Entwicklungsprojekts „PräDiTec – Prävention für sicheres und gesundes Arbeiten mit digitalen Technologien“ abgeschlossen und die Ergebnisse veröffentlicht. Im Zentrum dieses ersten Abschnitts standen die verschiedenen Belastungsfaktoren und in welchem Maße sie belasten. Befragt wurden hierzu 5 000 Erwerbstätige.

Die wichtigen Faktoren sind teilweise schon länger bekannt, andere davon sind bei früheren Untersuchungen noch nicht so auffällig zu Tage getreten: „Wir waren recht überrascht, dass bei unserer Studie der dominanteste Faktor das Gefühl der Leistungsüberwachung ist, die durch die Digitalisierung vereinfacht wird“, sagt Professor Nils Urbach von der Forschungsgruppe Wirtschaftsinformatik. „Danach kommen Faktoren wie die gläserne Person, also ganz generell die Transparenz, die sich nicht nur auf die Leistung beschränkt. Und dann folgen Unzuverlässigkeit der Technologien, Unterbrechungen, Überflutung, Nicht-Verfügbarkeit sowie Unsicherheit im Umgang mit den neuen Technologien.“ Das Ergebnis, dass der größte Stressfaktor im Umgang mit digitalen Technologien eine mögliche vereinfachte Leistungsüberwachung ist, ist laut Urbach eher eine latente Sorge und in den meisten Fällen unberechtigt. Auf der anderen Seite ist diese Erkenntnis recht hilfreich: „An diesem Problem kann man recht leicht etwas ändern, indem man feste Regeln beispielsweise für den Blick in digitale Kalender einführt.“

Empfinden hängt von sozialen Faktoren ab

Solche Verhaltensregeln können bei der Prävention von digitalem Stress noch eine größere Rolle spielen, denn das Empfinden desselben hängt auch von anderen, eher sozialen Faktoren ab. So empfinden Arbeitnehmer in Unternehmen mit bürokratischen Hierarchien eher weniger digitalen Stress. Gleiches gilt, wenn das Verhältnis zum Arbeitgeber gut ist und der Einzelne einen größeren Handlungsspielraum hat.

Manche Ergebnisse der Studie erscheinen verwunderlich – beispielsweise, wenn Befragte angeben, keinen starken digitalen Stress zu empfinden, einzelne Faktoren jedoch als sehr belastend wahrnehmen. „Grundsätzlich muss man digitalen Stress gar nicht so negativ sehen, denn er ist von anderen Faktoren nur schwer zu isolieren. Es spielen immer verschiedene Elemente und Rahmenbedingungen rein“, so Urbach.

Präventionsmaßnahmen

In der nächsten Projektphase wird sich die Wissenschaftsgruppe mit der Frage nach Präventionsmaßnahmen befassen. Bereits jetzt steht fest, dass diese sich nicht nur auf die Technik beziehen werden, sondern ebenso auf weitere Rahmenbedingungen der Arbeit. „Eine Mischung von beidem ist vermutlich ideal. Es gibt mittlerweile schon viele intelligente Systeme, die beispielsweise verhindern, dass dienstliche E-Mails zu bestimmten Uhrzeiten abgerufen werden können.

Doch der entscheidendere Punkt sind die Rahmenbedingungen. Das heißt: Die Führungskräfte müssen den guten Umgang mit digitalen Technologien auch vorleben“, sagt Urbach. Die „PräDiTec“-Studie wird mit ihrem zweiten Teil, den konkreten Maßnahmen zur Vermeidung von digitalem Stress, planmäßig Ende September 2020 fertiggestellt.

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