Logistik: Neues von der letzten Meile

Logistik : Neues von der letzten Meile

Der Bonner Postkonzern und der Autobauer Smart testen die Kofferraumzustellung in Köln und Bonn. Die Konzerne sehen darin auch große Chancen für lokale Händler.

Klick. Offen. Wie von Geisterhand klappt der Kofferraumdeckel des kleinen Smarts mitten in der Kölner Innenstadt nach oben. Davor stehen zwei erwachsene Menschen, und dieses „Klick“ versetzt sie augenblicklich in übergroßes Entzücken. Annette Winkler, Chefin der Daimler-Tochter Smart, und Jürgen Gerdes, im Konzernvorstand der Post für den Paketbereich zuständig, stellen eine Technik vor, die aus Sicht des Logistikers die Paketzustellung an Privatkunden revolutionieren könnte und von der sich Autobauer ein zusätzliches Kaufargument für die eigenen Autos erhoffen. Sie nennt sich Kofferraumzustellung. Ein Pilotprojekt der beiden Unternehmen läuft seit einigen Monaten im Raum Stuttgart und wird in diesen Tagen auf die Region Köln/Bonn und Berlin ausgeweitet.

Den Kofferraum dieses Smarts im Schatten des Kölner Doms hat nicht sein Besitzer, sondern der Paketfahrer geöffnet – per Smartphone-App. Das Prinzip ist einfach gedacht, technisch aber dennoch eine Herausforderung. Die Post liefert die Pakete nicht wie bisher an die Haustür oder die Packstation, sondern nutzt das Auto des Empfängers. Der Kofferraum wird zum Paketfach. Auch Retouren nimmt der DHL-Bote von hier mit.

Die Nutzer geben bei der Onlinebestellung ihr Auto als Zustellort an. Der Zusteller erhält den Abstellort des Autos und eine jeweils einmalige, schlüssellose Zugangsberechtigung zum Kofferraum. Eine von Smart entwickelte App ermöglicht ihm, auch die Warnblinkanlage des Fahrzeugs einzuschalten, um es in der Stadt leichter aufzufinden.

Zugang zum Kofferraum erhält der Fahrer erst, wenn er vor dem gesuchten Fahrzeug steht und das Kennzeichen vervollständigt hat. Zwei Sekunden nach dem Knopfdruck auf dem Handy macht es „Klick“ – der Kofferraum ist offen. Vorausgesetzt, das Auto ist umgekehrt mit der entsprechenden Technik (bei Smart die „Connectivity-Box“) und einem Internetanschluss ausgerüstet.

Die Testphase in Stuttgart ist aus Sicht von Smart bisher erfolgreich gelaufen. „Eine Fehlerkultur war nicht nur erlaubt, sondern auch erwünscht. Natürlich ist da mal der Kofferraum nicht aufgegangen oder das Fahrzeug wurde nicht auf Anhieb gefunden. Aber wir lernen ja in diesem Prozess des Beta-Launchs mit unseren Kunden und perfektionieren unsere Services gemeinsam mit ihnen“, sagt Smart-Chefin Winkler. Mit Köln, Bonn und Berlin wird nun der nächste Schritt gemacht. Das Angebot richtet sich vor allem an Menschen in urbanen Lebensräumen, mit wenig Zeit und wenig Raum.

Winkler hält es für geboten, mit derartigen Projekten attraktiver zu werden. „Ich bin davon überzeugt, dass Autobauer einen Mehrwert für ihr Produkt schaffen müssen – über das Autofahren hinaus. Die letzten fünf PS sind für die Käufer nicht mehr das Kriterium“, sagt sie im Gespräch mit dieser Zeitung. Derzeit kommen nur Smart-Fahrer im größeren Stil in den Genuss dieses Services. Die Post testet die Kofferraumzustellung parallel gemeinsam mit Amazon und Audi im Großraum München. Doch Gerdes ist optimistisch, dass der Service in Zukunft breiter angeboten werden kann. „Es wird viele Autohersteller geben, die sich dem Thema irgendwann öffnen werden. Und wir stehen Gewehr bei Fuß, um es umzusetzen“, sagt Gerdes, der sein Team bei dieser Gelegenheit auf das Thema 24-Stunden-Zustellung vorbereitet. Die Testbelieferung der Smarts finden überwiegend nachts statt. „Die Nacht zu nutzen, ist in jedem Fall eine interessante Option.“

Abends bestellt, am nächsten Morgen im Kofferraum – was will der Onlineshopper mehr. Auch Lebensmittel will Gerdes in die Fahrzeuge liefern. Elektroautos mit Stromanschluss könnten so über Nacht zum Kühlschrank werden.

Autobauer steigern die Attraktivität ihrer Fahrzeuge, Logistiker die Erreichbarkeit ihrer Kunden und die Organisation auf der letzten Meile – eine Win-win-Situation. Gerdes: „Was uns eint, ist mehr, als nur eine neue Technik anzubieten. Wir beide wollen unseren Kunden ihr Leben erleichtern.“ Der Post-Manager sieht einen dritten Gewinner im Bunde: den Handel. Und damit meint Gerdes nicht nur Onlineriesen wie Amazon, sondern lokale Händler aus den Stadtvierteln selbst. „Die Idee, als lokaler Händler meine lokalen Kunden erreichen zu können, weil sie mit einem Auto eine immer erreichbare Adresse haben, die hat echtes Potenzial. Lokale Händler haben aus meiner Sicht überhaupt keinen Grund, sich vor den großen wie Amazon zu verstecken.“

Lauter Gewinner – und keine Verlierer? Auch wenn alle Sicherheitsaspekte zwischen Zusteller und Fahrzeug bedacht scheinen, es bleiben Risiken durch kriminelle Einflüsse. Das neue Silberbesteck würde deshalb auch Gerdes nicht in sein Auto liefern lassen. Und es ist auch nicht gerade typisch deutsch, fremde Menschen gerne an das gehegte und gepflegte Auto zu lassen. Gerdes: „Diese Hemmschwelle gibt es natürlich bei vielen, aber mit Nachdenken überwindet man sie. Heute bieten Menschen ja auch ihre Wohnung für Ferienaufenthalte an.“