Gespräch mit dem neuen IHK-Präsidenten: „Kirchturmdenken ist nicht erfolgreich“

Gespräch mit dem neuen IHK-Präsidenten : „Kirchturmdenken ist nicht erfolgreich“

Stefan Hagen, neuer Präsident der Industrie- und Handelskammer, fordert mehr Kooperation der Städte der Region.

Der frisch gewählte Präsident der Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg (IHK), Stefan Hagen, will die Kooperation der Kommunen in der Region vorantreiben. „Kirchturmdenken ist langfristig nicht erfolgreich“, sagte Hagen im Gespräch mit dem General-Anzeiger, in dem er die angestrebten Schwerpunkte seiner künftigen Arbeit erläuterte.

Der Siegburger Unternehmensberater denkt dabei beispielsweise an die Entwicklung von interkommunalen Gewerbegebieten: Die Kosten für die Erschließung verteilten sich dabei auf mehrere Schultern. Der teils ruinöse Wettbewerb unter den Kommunen um die Ansiedlung von Firmen könne vermieden werden. „Und hinterher können sie sich auch die Beute teilen, nämlich die Gewerbesteuer“, sagt Hagen augenzwinkernd.

Das funktioniere im Raum Stuttgart bereits gut, wo die Stadt mit mehreren Landkreisen zusammenarbeite. Gemeinden mit wenig Fläche wie Bonn können sich an Gewerbegebieten in Kommunen mit mehr Flächen beteiligen. Durch solche Kooperationen könne man Abwanderungen von Unternehmen vermeiden, wie es sie mit Haribo und die Zurich-Versicherung gebe, wo die Firmen mehr Platz benötigten und ihn in Bonn nicht fanden.

Erste Ansätze für gemeinsame Gewerbegebiete gebe es auch in der Region bereits, wie bei Altern und Bornheim oder zwischen Much und Neunkirchen-Seelscheid. Wie Städte besser auf solche Fragen reagieren können, erörtern derzeit auch Vertreter Bonns, des Rhein-Sieg-Kreises und von 13 Kreiskommunen zwischen Swisttal und Hennef sowie Niederkassel und Wachtberg. Gemeinsam haben sie sich erfolgreich am Landeswettbewerb „StadtUmland.NRW“ beteiligt. Das Motto heißt „BonnUmland – sharegion: Teilen und Tauschen als Handlungsprinzip“.

„Eine Zusammenarbeit kann nur funktionieren, wenn es klare Regeln gibt“, meint Hagen. Der Rhein-Sieg-Kreis und die Stadt Bonn hätten bereits an einem Strang gezogen, was beispielsweise das Festspielhaus und den Erhalt des Deutschen Museums Bonn betreffe. „Jetzt muss es die nächste Entwicklungsstufe geben: systematisieren und verbindlich machen“, fordert der 52-Jährige.

Nur durch mehr Zusammenarbeit könne man auch Verkehrsprobleme der Region besser in den Griff bekommen. Dabei denkt er an eine bessere Anbindung des Siegburger ICE-Bahnhofs aus Richtung Bonn, die für die regionale Wirtschaft sehr wichtig sei. Mit der Linie 66, wie sie derzeit fahre, dauere es einfach zu lange. Deshalb müssten sehr viele Parkplätze am Siegburger Bahnhof vorgehalten werden. Die gut gelegenen Gewerbeflächen würden für die Parkplätze verwendet. „In Limburg und Montabaur hat man auf solchen Flächen Unternehmenszentralen angesiedelt“, sagt Hagen. Er plädiert auch für eine gemeinsame Verkehrsgesellschaft Bonns und des Rhein-Sieg-Kreises.

Als vordringlichstes Thema, um den Verkehr in der Region reibungsloser zu gestalten, empfindet er immer noch den Bau der Südtangente. Nur so ließen sich viele Probleme des Umgehungsverkehrs vermeiden. „Selbst wenn man den Tausendfüßler sechsspurig ausbaut, wird die Nordbrücke ein echter Engpass bleiben“, sagt Hagen. Das bereite der Wirtschaft der Region durch Fahrtverzögerungen hohe Kosten.

Gut aufgestellt sieht er die Region beim Thema Ausbildung. Um Fachkräftemangel abzumildern, müsse es verstärkt darum gehen, auch Menschen in Arbeit zu bringen, bei denen es heute oft noch nicht gelinge, wie beispielsweise Behinderte. Auch gezielte Zuwanderung hält er für wichtig, um den Unternehmen genügend Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen.

Ein gutes Zeugnis stellt Hagen dem Digital Hub Bonn aus: „Hier haben alle Beteiligten wirklich gut und schnell zusammengearbeitet.“ Die Digital Hub ist ein teils privat, teils öffentlich finanziertes Projekt, das junge Unternehmen fördern will und gerade einen ersten Standort am Bonner Bogen aufbaut. Auch die IHK ist daran beteiligt.

Die neue Vollversammlung der Kammer hat die Erarbeitung einer Agenda beschlossen. Hagen hofft, dass sie Mitte des Jahres steht. Eine wichtige Rolle sollen dabei die Standortfaktoren Infrastruktur, Wissen und Fachkräfte spielen.