Hochkonjunktur im Handwerk: In Köln und Bonn fehlen die Handwerker

Hochkonjunktur im Handwerk : In Köln und Bonn fehlen die Handwerker

Betriebe in Köln und Bonn arbeiten unter Volllast. Dazu kommt ein verstärkter Fachkräftemangel. Für den Kunden wird es deshalb häufiger teuer.

Das Wort Handwerkermangel nimmt Ortwin Weltrich nicht in den Mund. Aber alle Rahmendaten, die der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer zu Köln aufzählt, sprechen für sich. Hervorragende Auftragslage, Betriebe an der Kapazitätsgrenze, zunehmender Fachkräftemangel und steigende Preise. Das merken seit einiger Zeit auch die Kunden. Wer einen Handwerker beauftragen will, braucht Geduld: Mindestens acht bis zehn Wochen Wartezeit, sagt die Kammer. In vielen Fällen dürften die Werte aber noch deutlich darüber liegen. Wenn denn überhaupt ein bezahlbares Angebot im Briefkasten landet.

Kammer sieht keinen drastischen Preisanstieg

Weltrich sieht dennoch keinen drastischen Preisanstieg bei Handwerksleistungen. Er stützt sich auf die aktuelle Frühjahrsumfrage in der Region Köln/Bonn. 900 Handwerksbetriebe haben sich an der jährlichen Umfrage beteiligt. 38 Prozent geben an, die Preise seien gestiegen. Im Baugewerbe sind es 42 Prozent, im Ausbaugewerbe 39,6 Prozent. Haus- und Wohnungsbesitzer, die neu bauen oder ihren Besitz renovieren wollen, müssen also mit hoher Wahrscheinlichkeit tiefer in die Tasche greifen. Weltrich macht dafür jedoch auch andere Faktoren verantwortlich: „Wenn es heute teurer wird, liegt das im wesentlichen nicht an der Rechnung der Handwerksunternehmen, sondern zum Beispiel an gestiegenen Grundstücks- oder Nebenkosten“, sagt er bei der Vorstellung des Frühjahrsgutachten gestern in Köln.

"Handwerk ist die Konjunkturlokomotive"

Das Gutachten glänzt durch Rekorde: 95 Prozent der Unternehmen in der Region stufen die aktuelle Wirtschaftslage als gut oder befriedigend ein. „Das Handwerk ist mittlerweile die Konjunkturlokomotive der Wirtschaft“, meint Weltrich. Die Umfrage spiegele das beste Ergebnis seitdem die Kammer Konjunkturaufzeichnungen mache. Die Kammer geht davon aus, dass die Betriebe ihren Umsatz in diesem Jahr um rund drei Prozent steigen werden. Das liegt über den Werten für die Gesamtwirtschaft, die derzeit bei etwa 2,2 Prozent liegen.

711 offene Stellen für Fachkräfte

Doch vieles deutet darauf hin, dass das Handwerk die von der Niedrigzinspolitik angetriebenen, goldenen Zeiten nicht voll auskosten kann. Grund ist ein immer deutlicher zu Tage tretender Fachkräftemangel. Genau 711 offene Stellen für Fachkräfte zählt die Handwerkskammer derzeit, dazu kommen 337 unbesetzte Ausbildungsstellen. Für die Betriebe wird das Problem von Jahr zu Jahr drängender. „Wir hoffen, dass Fachkräfte aus der Industrie den Weg zurück ins Handwerk finden“, sagt Weltrich – und nennt mögliche Übernahmen und Arbeitsplatzabbau bei Unitymedia, RWE und Eon als Beispiel. Das Handwerk habe beim Verdienst in den letzten Jahren aufgeholt, meint Weltrich. Daran solle es nicht scheitern.

Fahrverbote "das größte Risiko"

Eine viel größere Bedrohung sieht die Kammer aber offensichtlich in den drohenden Fahrverboten für Dieselfahrzeuge in den Städten Köln und. Trotz der guten konjunkturellen Entwicklung könne das Handwerk deshalb nicht sorgenlos in die Zukunft schauen. „Das ist das derzeit größte Risiko“, sagt Weltrich. Scharf kritisierte der Hauptgeschäftsführer in diesem Zusammenhang einen Beschluss des Kölner Stadtrates, der die Einführung einer blauen Plakette fordert. „Das ist eine sehr ungeschickte Politik“, meint Weltrich, bei diesem Thema sichtlich aufgebracht. Bonn sei da deutlich besser unterwegs. Er lobte den Bonner Oberbürgermeister Ashok Shridaran, der Fahrverbote nur dann durchsetzen wolle, wenn sie angeordnet würden.

80000 Dieselfahrzeuge im Handwerk Köln/Bonn

Handwerker in Köln und Bonn sind mit rund 80 000 Dieselfahrzeugen unterwegs. Davon nur ein geringer Teil mit Euro6-Norm. Weltrich forderte erneut Nachrüstprogramme für diese Dieselfahrzeuge. So könnten die Abgaswerte deutlich gesenkt werden. Eine klare Absage dagegen an Fahrverbote. Weltrich: „Hier geht es ums wirtschaftliche Überleben.“

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