Michael Ende: Fantasy-Autor wäre am 12. November 90 Jahre alt geworden

Der Schöpfer Phantásiens : Michael Ende blieb die Anerkennung lange verwehrt

Er schrieb Welterfolge wie „Die unendliche Geschichte“, „Jim Knopf“ und „Momo“. Er prägte die deutsche Literatur mit, und ihr war es egal: Am 12. November wäre Michael Ende 90 Jahre alt geworden.

Es war Anfang der 1970er Jahre, als Michael Ende genug hatte von Deutschland. „Mir bleibt hier die Luft zum kreativen Arbeiten weg“, soll der Autor damals gesagt haben – er zog nach Italien. Literaturkritiker hatten Ende als „Schreiberling für Kinder“ diskreditiert, sie hatten ihm „Eskapismus“ und „Fluchtliteratur“ vorgeworfen, wie sich sein langjähriger Wegbegleiter und Lektor Roman Hocke erinnert. Seine Erzählungen würden die Kinder nicht auf das richtige Leben vorbereiten, kritisierten selbst Freunde. Unweit von Rom ließ Ende sich nieder und schrieb seinen Bestseller „Momo“. Am 12. November wäre der Erfolgsautor 90 Jahre alt geworden.

Michael Ende wurde 1929 in Garmisch-Partenkirchen geboren, zog kurze Zeit später mit seinen Eltern nach München. Dort erlebte er als Sohn des surrealistischen Malers Edgar Ende die Künstlerszene – und den langen Arm des NS-Regimes, das die Werke seines Vaters als „entartet“ diffamierte. Nach dem Krieg machte er Abitur an der Stuttgarter Waldorfschule, studierte an der Schauspielschule Otto Falckenberg in München. Später war er Filmkritiker für den Bayerischen Rundfunk.

In dieser Zeit schrieb er auch das Manuskript für „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“. Das Buch erschien 1960, wurde zum wirtschaftlichen Erfolg und mit dem Kinderbuchpreis ausgezeichnet. Die Anerkennung des Feuilletons aber blieb Ende lange verwehrt. So geht es etlichen Kinder- und Jugendbuchautoren, sagt der Frankfurter Literaturwissenschaftler Hans-Heino Ewers: „Bis auf wenige Ausnahmen ignoriert sie die Kritik.“ In den Redaktionen lande sie oft nicht bei den Kritikern, sondern auf dem Geschenkestapel.

Großer Erfolg bei den jungen Lesern

Dem entgegen steht der große Erfolg Endes bei den jungen Lesern: Seine Bücher wurden in mehr als 50 Sprachen übersetzt, manche seiner Werke hielten sich mehr als ein Jahr lang auf den Bestsellerlisten. Dazu gehören „Die unendliche Geschichte“, sein fantastisches Meisterwerk, das vom jungen Bastian Balthasar Bux und der zauberhaften Parallelwelt „Phantásien“ handelt. Oder auch „Momo“, die Geschichte von dem kleinen wundersamen Mädchen, das gegen die „Zeitdiebe“ kämpft, eine wunderbare Metapher auf Kapitalismus, Leistungsdruck und Konsumwahn – es wurde mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, millionenfach verkauft und mehrfach verfilmt.

„Sowohl in der Literaturwissenschaft als auch in der Literaturkritik gibt es in Deutschland eine Hilflosigkeit bei Phantastik und Fantasy“, glaubt Ewers. Erst die Filme etwa zu Tolkiens „Der Herr der Ringe“ hätten diese Genres den Deutschen nähergebracht. Während Fantasy in englischsprachigen Ländern längst ein anerkanntes Genre sei, habe der deutsche Sprachraum in diesem Punkt Nachholbedarf. „Peinlicherweise betrifft das auch mich. Erst auf Drängen meiner Studierenden hin habe ich mich mit Fantasy beschäftigt“, sagt der emeritierte Literatur-Professor der Uni Frankfurt.

„Er wollte nur gute Geschichten schreiben“

Der Ende-Kenner ist sich sicher, dass der Autor unter der Nichtwürdigung seines Werks zeitlebens gelitten hat. Daran sei vor allem ein Missverständnis schuld: „Ende hat sich nie als literarischer Pädagoge verstanden, er wollte nur gute Geschichten schreiben“, sagt Hocke, der heute als Literaturagent arbeitet und eine Michael-Ende-Internetseite betreibt: „Er hat auch nie dezidiert für Kinder geschrieben, sondern für das Kind im Menschen.“

„Es ist Zeit, die Erwachsenendimension seines Werkes entdecken“, sagt auch Ewers. Ende sei ein politischer Autor gewesen, seine Texte voller Bedeutungsebenen. „Jim Knopf“ sei ein aufklärerischer Text mit einem modernen Helden, „Momo“ ein offen politischer Roman und „Die unendliche Geschichte“ gesellschaftskritisch durch und durch – und obendrein „wohl eines der schwersten, komplexesten Werke der deutschen Gegenwartsliteratur“. Und was den gern vorgebrachten Vorwurf des „Eskapismus“ angeht, hätte Ewers auch einen Ausspruch des Fantasy-Großmeisters J.R.R. Tolkien anführen können: „Die einzigen, die etwas gegen Eskapismus haben, sind die Gefängniswärter.“ Der Literaturkritiker Denis Scheck fügt hinzu: „In Deutschland wimmelt es von solch literarischen Gefängniswärtern, getarnt als Lehrer, Professoren, Kritiker.“

Kritik an der modernen Gesellschaft

Hocke ergänzt: „Die philosophisch-politische Dimension und die vielen Bedeutungsebenen erschließen sich einem als Kind natürlich nicht – trotzdem ist es ein faszinierendes Kinderbuch, genau das macht die Qualität aus.“ Er wünsche sich, „dass man diese »Innenwelten« in Endes Literatur erkennt, nicht nur das Offensichtliche“.

Eine dieser Innenwelten ist das „Nichts“ in der „Unendlichen Geschichte“, das schleichend die Fantasiewelt Phantásien auffrisst. Für die kindlichen Leser sei es einfach etwas Bedrohliches, Ungreifbares, sagt Hocke. Doch es stehe für eine Kritik an der heutigen modernen Gesellschaft mit all ihren Banalitäten und Bedeutungslosigkeiten. Mit der Verfilmung der „Unendlichen Geschichte“ nach Hollywood’scher Blockbuster-Manier Ende 1984 war Ende dann auch nicht zufrieden. Auch darunter litt der Erfolgsautor in den letzten Jahren seines Lebens. Am 28. August 1995 starb er in Filderstadt bei Stuttgart an den Folgen von Magenkrebs.

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