Opulentes Musiktheater mit Katharina Thalbach in Köln

Opulentes Musiktheater mit Katharina Thalbach in Köln

Was den Umgang mit Bertolt Brecht angeht, ist Katharina Thalbach perfekt sozialisiert. Sie wuchs in den 60er Jahren in dem Berliner Theatermilieu auf, wo seine Jünger kurz nach dem Tod des Dramatikers dessen Theatermission fortsetzten.

Köln. Was den Umgang mit Bertolt Brecht angeht, ist Katharina Thalbach perfekt sozialisiert. Sie wuchs in den 60er Jahren in dem Berliner Theatermilieu auf, wo seine Jünger kurz nach dem Tod des Dramatikers dessen Theatermission fortsetzten.

In Köln hat sie sich nun einen Herzenswunsch erfüllt: Brechts Oper "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" mit der Musik von Kurt Weill auf die Bühne zu bringen. Das tut sie im Grunde mit rückwärtsgewandtem Blick. Die berühmte Brecht'sche Gardine ist da so ein Requisit aus der Mottenkiste des epischen Theaters, das Thalbach dafür hervorkramt.

Mit dieser halbhoch aufgespannten Gardine wollte Brecht einst die Theater-Illusion brechen: Kein Umbau, nichts durfte mehr hinterm blickdichten Vorhang geschehen. Das so allwissend gemachte Publikum sollte mitdenken, nicht mitfühlen.

Doch bei Thalbach darf man trotz Gardine gern mitfühlen. Denn die Regisseurin inszeniert im Grunde Theater der Zeit vor Brecht und Weill, macht aus "Mahagonny" das, was Brecht als "kulinarisches Theater" diskreditierte. Sie wird sogar sentimental, wenn am Szenenrand ein Baby das Licht der Welt erblickt; sie schwelgt in opulenten Bildern, lässt Ganoven und Huren in oskarreifen Ganoven- und Huren-Kostümen (Angelika Rieck) auftreten.

Fatty (Martin Koch) und Dreieinigkeitsmoses (Dennis Wilgenhof) fliehen in einem stilechten schwarzen Gangster-Oldtimer vor der Polizei. Leokadja Begbick (Dalia Schaechter) sitzt in einer Art Wohnwagen, dessen Fahrgastzelle sich mehrere Meter in die Höhe schieben lässt - da weiß man, wer Chef ist.

Mitten in der Wüste - laut Programmheft der Grund des ausgetrockneten Aralsees - hisst das Trio die Flagge der Stadt Mahagonny: Ein großer Dollarschein, die vielsagend an einer Angelrute flattert. "Ihr bekommt das Gold leichter von Männern als von Flüssen", erläutert die Begbick die Gründung der "Netzestadt".

Die Brecht'sche Gardine hält Thalbach nicht davon ab, den Zuschauer überwältigen zu wollen. Nach der Pause im zweiten Teil sieht man sich gänzlich unvorbereitet einem riesigen Schiffswrack gegenüber, das den gesamten von Momme Röhrbein sehr detailverliebt ausgestatteten Bühnenraum einnimmt.

Hier gilt die Maxime "Du darfst", es wird gefressen, geliebt (etwas verschämt hinter einer kleineren Brecht-Gardine), geboxt und gesoffen. Natürlich haben Brecht und Weill damit eine saftige Kapitalismus-Kritik formuliert, die auf der Bühne jedoch nicht so recht verfangen will. Dazu kommt das alles zu hübsch und revuehaft daher.

Die Gesellschaftskritik wird an zwei Leinwände übertragen, die etwa das Fressen mit blutigen Bildern aus einer Schlachterei illustrieren. Auch ein Tsunami und ein Taifun werden gezeigt, um die Aktualität des Stoffes zu unterstreichen. Getragen wird der Abend vor allem von dem hervorragenden Ensemble.

Regina Richter besticht als liebende, aber, wenn's um's Geld geht, nicht sehr mitfühlende Jenny, Matthias Klink singt den Holzfäller Jim Mahoney mit schönem Tenor. Beide sind auch als Darsteller Idealbesetzungen. Ebenso Dalia Schaechter als resolute Begbick, die selbst die Begegnung mit dem Herrgott nicht fürchtet.

John Heuzenroeder (Jack), Miljenko Turk (Bill), Wolf Matthias Friedrich (Joe) und Alxander Fedin (Tobby) ergänzen das Ensemble mit großartiger Spiellaune. Andrew Ollivants Chor erfüllt seine Aufgabe ebenso souverän wie das Bühnenorchester. Im Graben sorgt Dirigent Lothar Koenigs für eine überzeugende Balance aus großer Oper und frechem Songspiel. Am Sonntag geht's in Köln übrigens weiter mit dem Duo Brecht/Weill: Dann hat im benachbarten Schauspielhaus die "Dreigroschenoper" Premiere.

Weitere Termine: 27., 29. und 31. März, 1., 3., 6. und 8. April. Karten in den GA-Ticketshops