GA-Serie "Rheinland für Entdecker": Auf dem Kreuzberg steht mitten in Bonn die Zeit still

GA-Serie "Rheinland für Entdecker" : Auf dem Kreuzberg steht mitten in Bonn die Zeit still

Die Kreuzbergkirche und ihre Heilige Stiege in Bonn strahlen in barocker Pracht. Um den besonderen Ort ranken sich viele Geschichten, zum Beispiel über Napoleons Pferd und die Mumien der Servitenmönche, die Grabräubern kein Glück bringen.

Auf dem Kreuzberg steht die Zeit still. Eine Scheinuhr der Kirche zeigt die Todesstunde Jesu an, eine andere unbewegliche Uhr die Stunde seiner Verurteilung durch Pilatus. Vögel zwitschern im großen Park, Autobahn und Innenstadt wirken sehr fern, obwohl der grüne Hügel mitten in Bonn liegt. Dieser besondere Ort hat schon im 15. Jahrhundert die Menschen angezogen, als der Kreuzberg zu einer Wallfahrtsstätte mit Tausenden Besuchern wurde.

An schlichte Klostermauern aus dem 17. Jahrhundert schließt sich eine prächtige Barockkirche an, in der die bayerischen Landesfarben an die Herrschaft der Wittelsbacher Kurfürsten erinnern. 1637 zog der Bettelorden der Serviten ein, es folgten Jesuiten, Franziskaner und bis heute die Schönstätter Marienbrüder, die gemeinsam mit den "Charity Sisters" für geistliches Leben sorgen.

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In der Kreuzbergkirche liegen schon seit Jahrhunderten Volksfrömmigkeit und Pracht nah beieinander. Die einen feiern hier im festlichen Rahmen Hochzeit - früher auch Prominenz der Bundeshauptstadt, die anderen zünden an der Marienfigur, die aus dem Holz einer wundertätigen Eiche geschnitzt wurde, ihre Kerzen an und verlängern so ihr Gebet.

Nach Kriegen und Vernachlässigung bekamen Kirche und Kloster unter Kurfürst Clemens August (1700-1761) ihr heutiges Gesicht. Er ließ den berühmten Barockbaumeister Balthasar Neumann eine Heilige Stiege nach dem Vorbild der römischen "Scala Sancta" anbauen. Sie erinnert an den Weg Jesu zum Palast des Pilatus und wurde 1751 eröffnet. An drei Fest- und Bußtagen im Jahr legen die Gläubigen die Stufen auf Knien zurück.

"Der beschwerliche Weg des Alltags führt zum Kreuz, aber dahinter blickt man auf die Auferstehung. Ich finde, es ist eine gelungene Theologie, die dahinter steckt", sagt Dietger M. Kuller, Direktor des Zentrums für Internationale Bildung und Kulturaustausch auf dem Kreuzberg. Die Marienbrüder unterhalten ein Studienhaus und ein Sprachinstitut, das den Kreuzberg weltweit bekannt macht. "Es gibt eine ganze Reihe Bischöfe in Afrika und Lateinamerika, die hier Deutsch gelernt haben", berichtet Kuller.

Die Kreuzbergkirche

Um den Kreuzberg ranken sich viele Geschichten. Wenn die Steine der Heiligen Stiege reden könnten, dann würden sie vielleicht bestätigen, dass die abgeplatzte Stelle auf einer Treppenstufe vom Pferd Napoleons stammt. Er wollte angeblich die Treppe hochreiten, doch das Pferd bäumte sich beim Anblick des Kreuzes plötzlich auf.

Vom Pferd des Kölner Kurfürsten Ferdinand, der 1627 den Grundstein für das Kloster legte, erzählt eine andere Legende. Es soll eine Grube an der Stelle gescharrt haben, an der der Hochaltar stehen sollte. Außerdem vergrößerten sich die ursprünglich als kleine Kapelle angelegten Pläne auf wundersame Weise.

Heil- und Wunderkraft wird auch dem Holz der Pietà, der Darstellung Marias als Schmerzensmutter mit dem Leichnam Jesu, zugesprochen, die Ferdinand der Kirche schenkte. Als die Eiche 1609 in Foy-Notre-Dame in der Diözese Lüttich gefällt wurde, entdeckte man nämlich ein zugewachsenes Muttergottesbild des 15. Jahrhunderts.

Als Folge der Französischen Revolution wurden die Mönche aus dem Kloster vertrieben und die Kirche säkularisiert. Daran erinnert auch die Platte im Mittelgang, die den Eingang zur Gruft verschließt: "Hier erwarten die Auferstehung die Patres und Brüder des Servitenordens, Hüter dieser Kirche von 1637 bis 1802. Sie mögen ruhen in Frieden." Ein steter Luftzug hat wohl dafür gesorgt, dass die Körper der Mönche gut erhalten blieben. Mit der Säkularisierung setzte ein regelrechter Mumientourismus ein. Der Konvent wurde zur Gaststätte, die Gäste stellten ihr Bier auf den Särgen ab. Die mumifizierten Mönche wurden unter Glasdeckeln ausgestellt.

Beliebtes Ausflugsziel für Engländer

Nach 1800 war Bonn ein beliebtes Ausflugsziel für Engländer. Ein Tourist soll einem Pater den Finger abgebrochen haben. "Danach hatte er sechs Wochen lang Pech und schickte den Finger wieder zurück nach Endenich", heißt es. Alte Fotos zeigen, wie der Finger in einer Dose neben den zum letzten Gebet gefalteten Händen des Serviten liegt. Seit der letzten Restaurierung in den 1990er Jahren war niemand mehr unten in der Gruft. Serviten aus Innsbruck reisten damals an, um die kreuz und quer stehenden Särge ihrer Mitbrüder würdevoll zu ordnen. "Wir haben den Servitenbrüdern versprochen, dass die Totenruhe nicht mehr gestört wird", sagt Kuller.

Einer, der jeden Winkel in der Kreuzbergkirche kennt, ist Markus Schuck. "Ich war hier als kleiner Messdiener beim ersten Fernsehgottesdienst dabei", erinnert er sich. Schon mit 14 Jahren verdiente er sich dann sein Taschengeld als Küster, um seine erste eigene Querflöte zu finanzieren. Heute veranstaltet er in der Kirche Konzerte des Schumannfestes.

Selbst für Menschen, die oft auf dem Kreuzberg sind, verändert sich die Stimmung immer wieder. Das liegt zum Beispiel am Licht, das durch die seitlichen Fenster auf die Heilige Stiege fällt und sie mal rosa, mal graugrün erscheinen lässt. Unter der Stiege verbirgt sich das Heilige Grab, das aus heutiger Sicht wie Jahrmarktkitsch wirkt. Die Wächter, die vor dem Leib Jesu stehen, sind besonders rustikal. In den barocken Glaskugeln schimmert elektrisches Licht statt Kerzen. "Was heute kitschig wirkt, war damals für das Empfinden der Menschen richtig", sagt Kuller.

"Architektur gewordenes Neues Testament"

Für Markus Schuck ist die ganze Kirche "Architektur gewordenes Neues Testament". Zum Durchatmen setzt er sich auf eine Bank im zugänglichen Teil des großen Parks und hört dem Gebet der Schwestern in der kleinen Bündniskapelle zu. Wer dem Weg weiter folgt, steht vor einem mächtigen Baum im Zentrum des modernen Kreuzwegs, den die Schönstätter angelegt haben. "Wenn ein Baum so wächst, heißt es auch, dass es ein gesunder Ort ist. Manche Menschen, die sehr sensibel sind, sagen: Der Ort stimmt", berichtet Kuller.

Auch weniger sensible Menschen werden dem Bonner Hofrat Caspar Oppenhoff dankbar sein, der nach 1809 den drohenden Abriss der Kreuzbergkirche verhinderte. Aufwendige Restaurierungsarbeiten lassen die Kirche heute als eins der bedeutendsten Barockbauwerke des Rheinlands erstrahlen. Nur für ein ganz irdisches Bedürfnis hat bisher niemand vorgesorgt: Es gibt keine Toiletten. Auch die Parkplätze werden knapp, wenn sich im Sommer die Brautpaare die Klinke in die Hand geben.

Der Kreuzberg ist kein Museum, sondern ein lebendiger Ort mitten in Bonn, mit Schwesterntrachten auf der Wäscheleine, Kindergruppen im Garten und ökumenischem Pfingstfeuer - auch wenn auf den Uhren die Zeit stillsteht.

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