GA-Serie "Rheinland für Entdecker": Das Dorf Wollseifen ist ein stiller Ort im Nationalpark Eifel

GA-Serie "Rheinland für Entdecker" : Das Dorf Wollseifen ist ein stiller Ort im Nationalpark Eifel

Das Dorf Wollseifen musste vor mehr als 70 Jahren einem Truppenübungsplatz weichen. Aber die Einwohner hielten ihrer Heimat die Treue und gründeten einen Förder- und Traditionsverein, den es bis heute gibt.

In der Ruine einer alten Kirche sitzt munter plaudernd eine Gruppe Senioren auf Bierzeltbänken vor einem behelfsmäßigen Altar. Der Klapptisch ist mit Blumen und einer Kerze geschmückt. Durch die verstaubten Fenster fällt helles Licht auf das unverputzte Mauerwerk und die von einem halben Meter hoch liegenden Schutt befreiten Fliesen des Kirchenbodens.

Zwei Dutzend Mitglieder des Förder- und Traditionsvereins Wollseifen haben sich in der alten Pfarrkirche St. Rochus zum Seniorentag getroffen. Sie warten auf den Pastor, der eine Andacht mit ihnen feiern will. Immer wieder lugen Wanderer neugierig durchs Portal und wundern sich. Doch der Pfarrer kommt nicht. Daher werden die Klappbänke wieder in den kleinen Transporter vor der Kirche verstaut. In einer Nische mit der Figur und einem Bild des Heiligen Rochus, Schutzpatron der Kirche und des einstigen Dorfes Wollseifen, werden noch Teelichter angezündet. Dann geht's über die frühere Dorfstraße, heute ein von alten Obstbäumen, Ginster und Weißdornhecken gesäumter Wanderweg, die zwei Kilometer zurück zum Wanderparkplatz Walberhof am Eingang der früheren belgischen Kaserne Vogelsang.

Auf der kargen Ginsterheide grast eine Schafherde. Immer wieder wandert der Blick zum Berghang gegenüber. Vor allem der düstere Bergfried der einstigen NS-Ordensburg Vogelsang, in der die NSDAP ihren Führungsnachwuchs ausgebildet hat, ist weithin zu sehen. Als 1500 Arbeiter 1934 damit begannen, auf der 100 Hektar großen Fläche die vom Kölner Architekten Clemens Klotz entworfenen Monumentalbauten aus dem Boden zu stampfen, begann das Unheil, das zwölf Jahre später die Wollseifener zu Vertriebenen machte.

Anstelle der Andacht gibt es ein gemütliches Beisammensein in einem Café im benachbarten Herhahn. Es folgt das Erinnern an Familienangehörige, Freunde und Nachbarn. Und an den schicksalhaften 1. September 1946, als nach dem drei Wochen zuvor erlassenen Räumungsbefehl der britischen Militärregierung die Geschichte eines alten Bauerndorfs endete, das schon im 12. Jahrhundert geschichtlich erwähnt wurde. 120 Familien, 550 Männer, Frauen und Kinder gingen mit ihrer transportablen Habe, dem Vieh und der gerade eingebrachten Ernte auf Herbergssuche. Ihr Dorf, ihre Äcker und Wiesen wurden ebenso wie Vogelsang zum Truppenübungsplatz.

Heute, mehr als 70 Jahre nach den traumatischen Erlebnissen, leben die meisten der Zeitzeugen, die die Geschichten ihrer Vertreibung immer und immer wieder erzählt haben, nicht mehr. Etwa der langjährige Vereinsvorsitzende Fritz Sistig, dessen Familie im Ort einen Kaufladen betrieb. Dessen Vater den Schwestern den Auftrag gab, das gerade erst von den Kriegsschäden reparierte Haus vor dem Verlassen gründlich zu putzen und den Schlüssel von außen auf die Tür zu stecken. Weil man ja ganz sicher bald zurückkehren werde.

Dokumentation in Ruinen

Zurückgekehrt sind die Wollseifener nie. Der Ort über der Urfttalsperre am Rande der Nordwesteifel wurde zum "toten Dorf". In den Landkarten war es nur noch als "Wüstung" verzeichnet, die Wege dorthin waren versperrt. Die Häuser wurden nach und nach dem Erdboden gleichgemacht. Nur vier Relikte sind übrig: das von den früheren Bewohnern liebevoll instandgesetzte Wegekapellchen am Ortseingang, eine alte Trafostation, das Erdgeschoss der Dorfschule, das eine interessante Dokumentation der Geschichte Wollseifens beherbergt, und die wetterfest gemachte Kirchenruine. Deren weithin sichtbarer Turm lockt heute viele Wanderer und Radfahrer im Nationalpark Eifel an. Als die Kirche am Fronleichnamstag 1947 bei Schießübungen des britischen Militärs in Brand gesetzt wurde, war auch dem letzten Wollseifener klar geworden, dass es kein Zurück gibt. Einer von denen, die mitgeholfen haben, die Erinnerung an Wollseifen wachzuhalten, ist der Stolberger Hans-Georg Stump.

Als am 1. Januar 2006 nach 60 Jahren der Truppenübungsplatz Vogelsang, auf dem unter belgischer Verwaltung Nato-Truppen übten, einer zivilen Nutzung übergeben wurde, sei er in einem Fernsehbericht auf Wollseifen aufmerksam geworden. Der Anblick der Kirchenruine habe ihn regelrecht elektrisiert. Er machte sich auf die Suche nach ihr und stieß auf den Traditionsverein Wollseifen. 1962 hatten sich die früheren Bewohner in diesem Verein zusammengeschlossen, um für eine gerechte Entschädigung zu streiten. Jahrzehntelang bestand die frühere Dorfgemeinschaft in diesem Verein weiter, obwohl die Wollseifener weit verstreut worden waren.

Bis heute treffen sie sich im August zum Patronatsfest im Nachbarort Herhahn. Auf dem dortigen Friedhof ruhen auch die Toten von Wollseifen, die 1955 umgebettet wurden. Manchmal durften die Wollseifener mit Genehmigung der belgischen Kommandantur ihr früheres Heimatdorf besuchen. Dem belgischen Militär ist es zu verdanken, dass die ausgebrannte Kirchenruine wieder ein provisorisches Dach erhielt. So überstand sie die Jahrzehnte im rauen Eifelwetter, bis sie ab 2008 mit finanzieller Unterstützung durch die NRW-Stiftung von den Ehrenamtlern des Förder- und Traditionsvereins in mühevoller Arbeit als Ruine restauriert wurde.

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Zu den unermüdlichen Helfern gehörte Stump, der heute die Geschäfte des Vereins führt. "Vor allem den Zusammenhalt und die Heimatverbundenheit der Wollseifener bewundere ich", sagt er. Mit dem Sistiger Kunstschmied Stefan Pütz, der den in einer Scheune im Nachbarort versteckt gehaltenen Wetterhahn des Kirchturms aufarbeitete, betrachtet er vor der Kirche das Relief, das die früheren Häuser des Ortes zeigt. Die Grundmauern sind verschwunden, doch Straßenschilder geben eine gewisse Vorstellung vom Ort. Mit der Restaurierung der Wegekapelle und der einst zweigeschossigen Volksschule sowie der Einrichtung einer Dokumentation in zwei Klassenräumen sind die Projekte des Traditions- und Fördervereins abgeschlossen. "Das ist gut so", sagt dessen Vorsitzender Wilfried Ronig: "Denn heute sind es nur noch rund 100 Mitglieder im Verein. Und der Altersdurchschnitt geht an die 80."

Ein Wunsch der ehemaligen Wollseifener hat sich aber erfüllt. Ihr klares Ja zur Gründung des Nationalparks Eifel nach der Aufgabe des Truppenübungsplatzes 2006 verbanden sie mit dem Wunsch, dass ihr altes Dorf ein stiller Ort zum Nachdenken werden sollte. Das Ensemble ist zum Mahnmal, geworden, sich den Anfängen von Gewaltherrschaft und Krieg rechtzeitig zu widersetzen. Wie aktuell die Botschaft ist, zeigt die Flüchtlingsunterkunft gegenüber dem Areal von Vogelsang.

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