GA-Serie "Rheinland für Entdecker": LVR-Freilichtmuseum Lindlar dokumentiert bäuerliches Leben

GA-Serie "Rheinland für Entdecker" : LVR-Freilichtmuseum Lindlar dokumentiert bäuerliches Leben

Historische Hofgebäude und eine Kapelle schmiegen sich in die Bergische Hügellandschaft. Die Gartenarche bietet vergessenen Pflanzen eine Heimat. Das und mehr bietet das LVR-Freilichtmuseum in Lindlar.

Marianne Frielingsdorf pflückt eine leuchtend orange Blüte ab und reicht sie der Besucherin: "Probieren Sie mal!" Und fügt angesichts der skeptischen Reaktion hinzu: "Keine Sorge, Taglilien schmecken wie Zuckererbsen. Nur zu." Im Mund knackt es leicht, dann breitet sich ein wohliges, leicht herbes Aroma aus. Her mit weiteren Kostproben! "Aber den Stempel sollten Sie nicht essen..." Da gehorcht man wohl besser. Marianne Frielingsdorf ist Kräuterfrau, sie und ihre Kolleginnen hüten die Beete der "Bergische Gartenarche", sie liegen gleich am Eingang des LVR-Freilichtmuseums in Lindlar, das sich dem bäuerlichen Leben in der Region widmet.

An die sanfte bergische Hügellandschaft schmiegen sich neben vielen anderen historischen Gebäuden der "Hof zum Eigen" mit Backhaus, Zehntscheune und Wohnhaus an, eine alte Schmiede, ein Bandweberhaus, der Müllerhammer und seit Neuestem das Forthaus Broichen (aus Bergisch Gladbach) und die Barbara-Kapelle aus Hellenthal. Das Museum dokumentiert bäuerliches Leben aus früheren Jahrhunderten, alle Gebäude sind Originale und wurden dort wiederaufgebaut.

Handwerker zeigen längst vergessenes Können und machen in der Schmiede, am Backofen (aus dem nach dreistündigem Vorheizen duftendes Brot und Kuchen angeboten werden), aber auch auf den Äckern (mit alten Werkzeugen) auf beeindruckende Art und Weise klar, wie kräftezehrend die Arbeit in der Landwirtschaft früher war. Und wie laut: Wenn der Webstuhl rattert, auf dem Bänder gewirkt werden, halten sich die Gäste spontan die Ohren zu. Marianne Frielingsdorf hofft, dass Kinder, die sehen, wie viel Arbeit früher in die Stoffherstellung investiert werden musste, ein etwas anderes Verhältnis zu der Hose, dem Pullover bekommen, den sie tragen. "Früher wurde Bekleidung von Generation zu Generation weitergegeben." Heute landen T-Shirts nach einer Saison im Altkleidersack. In Lindlar kann man den Weg der Wolle vom Schaf über die Schur bis zur Verarbeitung (Stricken) verfolgen.

Das Freilichtmuseum

Wenn man so will, dann sind die Gärten von Marianne Frielingsdorf (ihr privater wie der im Museum) auch eine Art Museum, ein Archiv für Pflanzen, für Gemüsesorten und Blumen, wie es sie nirgendwo mehr zu kaufen gibt. Frielingsdorf ist Mitbegründerin der "Bergischen Gartenarche", sie hat das Ziel, Gartenpflanzen, deren Geschichte mindestens 50 Jahre im Bergischen Land zurückverfolgt werden kann, aufzuspüren, zu erhalten und zu vermehren. Die alten Sorten sollen wieder in den Gärten der Region etabliert werden, nur so bleibt die traditionelle genetische Vielfalt erhalten. Bei Gemüsesorten ist es wichtig, dass sie vor 1950 angebaut wurden, denn nur so kann gewährleistet werden, dass es sich um alte Landsorten und nicht um Neuzüchtungen handelt.

Das Samenarchiv wird in Gläsern jeder Größe gelagert, ein ganzer Schrank voll lädt zum Stöbern und Staunen ein. Was für Namen: Schabziger Klee, Nesselblättrige Glockenblume, Pastinaken, Schlachtschwarz, Engkohl, Roter Fuchsschwanz, Färberwaid... Kleine helle Körnchen, ovale Bohnen, unscheinbare gräuliche Krümel ... alles Schätze aus der Region. Jetzt nur nicht den Anfängerfehler begehen und möglichst viele Samen auf engstem Raum in die Erde bringen.

Marianne Frielingsdorf hat die Spendernummer 32; jede Art, die sie dem Archiv hinzufügt, erhält hinter der Stammnummer einen Buchstaben des Alphabets; die Kräuterfrau "ist schon zweieinhalb mal durchs ABC", sie allein hat mehr als 70 Samensorten beigetragen. "Das hört sich viel an", sagt sie, "aber wir haben viel zu spät angefangen, die Samen zu sammeln..." Wir, das sind Gartenfreunde, die sich Anfang der 90er Jahre in der Biologischen Station des Naturschutzbundes zusammengefunden haben. Wenn Frielingsdorf durch die grüne Seite des Museums mit vielen großen Bäumen führt, hat sie immer den dicken Ordner mit Fotos und Beschreibungen all ihrer Schätze unterm Arm. Im Vorbeigehen grüßen wir den Gärtner, der Salate und Kohl, Möhren und Kartoffelpflanzen im Färbergarten pflegt - mit einem altertümlichen Ritzhok, einem Furchzieher.

NOCH MEHR TIPPS

Die Frau mit der Silberbrille, den kinnlangen grauen Haaren, dem schwarzen T-Shirt und der geblümten Gartenschürze konnte sogar Samen aus dem Garten ihrer Großmutter beitragen. Die Liebe zur Natur hat sie von ihren Eltern übernommen, das Leben auf dem Land ebenso: "Ich kann noch Kühe melken." Und sie weiß, zu welchem Kraut sie greift, wenn sie Magengrimmen hat: Scharfgarbe: "Und dann ist bald alles wieder gut." Die langen Tee-Regale mit Glücks-, Harmonie oder Energie-Tees in Beutel findet sie eher belustigend. Man müsse nur, findet sie, in den Garten gehen. Gegen alles sei irgendein Kraut gewachsen.

Aber warum sind die alten Sorten verdrängt worden? "Sehen Sie, diese Erbsen hier, die kann man nicht an einem Tag abernten, und dann ist alles gut. Da pflückt man jeden Tag ein paar - und das drei Wochen lang." Für die Großproduktion sind solche Arten nicht geeignet - da muss binnen weniger Tage alles erledigt sein. Dafür, sagt sie, schmecken ihre Erbsen aber einfach besser.

Nebenan reckt sich Baumspinat in die Höhe, bis zu drei Meter hoch kann er werden. Und daneben, sehr viel kleiner und unscheinbarer, "ewiger Kohl" - eine Sorte, die von Frühling bis in den Herbst wächst und wächst und wächst und jede Gemüsesuppe mit einigen Blättchen adelt durch einen würzigen Geschmack.

Nachmittagskurse zum Kochen mit Wildkräutern

Frielingsdorf bietet im Museum Führungen durch die Gärten an, aber auch Nachmittagskurse zum Kochen mit Wildkräutern wie Gundermann(kraut) oder Knoblauchrauke oder für Salate mit Blüten. "So viele Mineralstoffe und Vitamine kriegen Sie sonst nie auf einmal zusammen. Dazu eine leichte Vinaigrette mit etwas Honig. Fertig." Und dann sind da noch die kleinen weißen Nelken. Die kann man nicht essen, aber sie duften betörend - die Lieblinge der Kräuterfrau, ebenfalls gerettet aus Großmutters Garten. Sie haben nur einen Nachteil: Beim ersten Regen sind sie ruiniert, machen schlapp und faulen. Marianne Frielingsdorf hat sie gerettet.

Womit wird eigentlich gedüngt im Museumsgärtchen? Natürlich mit Mist aus dem Museum. Hühner, Schafe, Kühe und Schweine (natürlich auch alte Rassen) gehören fest zum Personal in Lindlar - und Pferde grasen auf der Wiese, so malerisch, dass einem ganz wehmütig wird, wenn man wieder zurück muss in die Großstadt. Und Kater Sammy auch. Der frisst im Museumsgarten die Wühlmäuse.

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