"Wir können ja ein paar Seiten herausschneiden"

"Wir können ja ein paar Seiten herausschneiden"

Gabriele Koeplin betreibt seit 15 Jahren eine ziemlich kleine Buchhandlung in Endenich

Endenich. "Lesen gefährdet die Dummheit" steht gut lesbar auf der Tragetasche mit den knallroten Schlaufen.

Die Kundin trägt die beiden Bücher, die sie gerade bei der Endenicher Buchhändlerin Gabriele Koeplin erstanden hat, in dem Selbstbewusstsein aus der Tür, dass sie sich freiwillig und gerne in diese Gefahr begibt. Muss ja nicht jeder wissen, dass sich in der Tüte eine Bastelanleitung für Osterhasen befindet.

Ob die kleine Buchhandlung in der Endenicher Straße, gleich neben der Eisdiele, Bonns kleinste ist? Allzuviel Platz ist in der ehemaligen Milchabgabestelle, die auch schon einen Gemüsehandel beherbergte, jedenfalls nicht.

Das alte Haus am Rande der Endenicher Geschäftsmeile, auf halber Höhe zwischen Metzger und Bioladen, hatte Koeplins Ehemann, ein Bauingenieur, vor 18 Jahren gekauft. "Die Buchhandlung", erzählt Koeplin, "das war seine Idee." Für die gelernte Buchhändlerin und Mutter von zwei mittlerweile erwachsenen Kindern war es denn auch oft ganz schön stressig, Kinder und Kunden unter einen Hut zu bringen.

Es klappte, bis heute mit konventionellen Öffnungszeiten: zweistündiger Mittagspause und Ladenschluss um 18.30 Uhr. Seit 15 Jahren betreibt die 48-Jährige ihre Buchhandlung, in der nicht alles parat sein kann, was sich lesefreudige Endenicher und Nicht-Endenicher gerade wünschen. Aber spätestens am nächsten Tag ist das Buch zur Hand.

Manchmal sind es gut und gerne 60 Kilo bestellte Ware, die morgens gebündelt vor der Ladentür liegen und ausgepackt werden wollen. Ob sich diese Art von Bücher-Romantik im Zeitalter von Internet und Großbuchhandlungen überhaupt noch rechnet? Koeplin lacht.

Sie habe ja ihren Ernährer, sagt sie. Mit Baumwoll-Unterwäsche ließe sich mehr verdienen, war schon zwei jungen New Yorkerinnen, die 1916 eine kleine Buchhandlung in Manhattan eröffneten, aufgefallen. Aber auch, dass es die Bücher sind, die manchmal Flügel verleihen, wie es in "Sunwise Turn" so köstlich beschrieben ist.

Madge Jenisons "menschliche Komödie des Bücherverkaufens" - Gabriele Koeplin hat das schmale Buch zu Weihnachten geschenkt bekommen. Sie hat längst ihren festen Kundenkreis, Stammkundschaft wie etwa das Nachbarskind aus der Eisdiele, das hier seine ersten Pixi-Bücher kaufte, lesefreudige Jugendliche, bei denen das "Magische Baumhaus" gefragt ist, Hausfrauen, Rentnerinnen, emeritierte Professoren.

Dass ihre Kundschaft vor allem weiblich ist, hat ihr schon den Ruf eingebracht, eine reine Frauenbuchhandlung zu sein. Aber Frauen lesen einfach mehr, am liebsten Unterhaltungsliteratur. Gerade geht wieder ein dicker Schmöker über den Ladentisch.

Taschenbuch, irgendwas Historisches, mindestens 600 Seiten. "Damit ist das Wochenende ja gerettet", sagt Koeplin. "Meine Kundinnen beraten sich auch gern gegenseitig", erzählt sie, die jeden Kunden beim Namen nennt.

Das ist eiserne Geschäftsdisziplin, seit Koeplin ihre "hammerharte" Ausbildung bei der legendären Bonner Buchhändlerin Marianne Grewe am Bertha-von-Suttner-Platz gemacht hat. Danach hat sie Germanistik studiert. Sie mag ihre Kunden, die meisten wenigstens. Und umgekehrt.

Am Weltfrauentag hat eine Stammkundin ein Blümchen vorbeigebracht. Das rührt sie. Eine ältere Dame kommt herein, die unbedingt das Buch haben möchte, "das gestern im Fernsehen vorgestellt wurde". Leider weiß sie den Titel nicht mehr, und den Autor schon gar nicht. Aber dass es 47 Euro kostet.

Der Preis scheint den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen zu haben. Typischer Fall von bibliophiler Amnesie. Die Buchhändlerin ist ebenfalls ratlos, die Dame will wiederkommen, sollte ihr der Titel noch einfallen. Es gibt auch eine Endenicher Bestsellerliste. Sehr begehrt ist seit geraumer Zeit Wolfram Fleischhauers "Drei Minuten mit der Wirklichkeit".

Ansonsten wird gern nach Büchern gefragt, die Elke Heidenreich im ZDF oder Christine Westermann im WDR vorgestellt haben. Taschenbücher sind beliebt, weil sie billiger sind und leichter in der Hand liegen. "Wir können ja ein paar Seiten herausschneiden", bietet Koeplin einer Kundin an, der ein Buch zu teuer erscheint.

Dass die gebürtige Rheinländerin und praktizierende Karnevalistin mit den Endenichern umzugehen weiß, versteht sich von selbst. Reden kann sie gut, zuhören auch. Und lesen natürlich. Um die 150 Bücher im Jahr. Oder sie lässt lesen, Hörbücher werden immer beliebter. Ein Hund gehört auch zur Familie.

Was nicht unbedingt erwähnenswert wäre, handelte es sich dabei nicht um einen Bouvier (flandrischer Treibhund), was sie angesichts der Bonner Konkurrenz nicht unwitzig findet. Unter dem Pseudonym R.G.E. Koebinfeld schrieb Koeplin zusammen mit dem Neurologen Rolf Bineck und Edda Biesterfeld den historischen Endenicher Krimi "Mord auf der Stadtmauer".

Die Fortsetzung ist in Arbeit. Nach 15 Jahren Buchhandel weiß sie die Feinheiten Endenicher Kommunikation zu schätzen. Dass beispielsweise der nicht mehr ganz junge Mann, der eines Tages mit den Worten "Mama is tot" hereinkommt, damit eine Einladung zur Beerdigung ausgesprochen hat.

Bei der älteren Frau, die noch schnell ein Buch abholen will und den Laden mit den Worten "ich komm gerade von meinem Mann, ich hab noch ganz schmutzige Finger" betritt, hat Koeplin nur kurz überlegt, wie das denn gemeint sein könnte. Dann ist es ihr sonnenklar: Die alte Dame kommt gerade vom Friedhof.

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