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Härtefallstiftung auf Bonner Hardthöhe: So werden Soldaten mit Trauma in Bonn unterstützt

Härtefallstiftung auf Bonner Hardthöhe : So werden Soldaten mit Trauma in Bonn unterstützt

Hoffnung nach dem Trauma: Die Härtefallstiftung unterstützt Soldaten, die im Dienst zu Schaden kamen und für die das Versorgungsrecht nicht greift. Ihren Sitz hat sie auf der Bonner Hardthöhe.

Es ist ein schmuckloses Büro in einem langgezogenen Zweckbau, wie es für die Hardthöhe typisch ist. Und doch wird an dem Tisch in der Mitte regelmäßig über Wendemarken im Leben von Menschen entschieden. Es ist das Büro der Deutschen Härtefallstiftung mit Sitz in Bonn. Sie hilft aktiven und ehemaligen Soldaten und ihren Angehörigen, die sich in persönlichen Notlagen befinden.

Den Gründungsimpuls gaben in den 1990er Jahren Klagen von ehemaligen Soldaten, die in den 60er bis 80er Jahren an Radargeräten in der Bundeswehr und in der Nationalen Volksarmee gearbeitet hatten. Die Röntgenstrahlen, denen sie dabei ausgesetzt waren, schlugen sich erst viele Jahre später in Krebserkrankungen nieder.

Posttraumatische Belastungsstörungen

Hunderte Soldaten kämpften jahrelang um Unterstützungsleistungen – und scheiterten in 80 Prozent der Fälle, weil sich der Kausalzusammenhang zwischen Krankheit und Wehrdienst nicht eindeutig beweisen ließ. Somit griff das Versorgungsrecht nicht. Die ehemaligen Soldaten organisierten sich in einer eigenen Interessengruppe mit der zentralen Forderung der Entschädigung. Nach langem Ringen einigten sich Verbände und Politik 2012 auf die Gründung einer Stiftung, die seit 2015 auf eigenen Füßen steht – mit Sitz auf der Bonner Hardthöhe.

„Erster Auftrag ist es, Fälle zu lösen, in denen Menschen glaubhaft darlegen, dass sie durch den Dienst geschädigt worden sind“, sagt Bernhard Gertz. Der Oberst a.D. ist der Öffentlichkeit durch sein langjähriges Amt als Vorsitzender des Deutschen Bundeswehrverbandes bekannt. Heute sitzt er der Härtefallstiftung vor, sein Stellvertreter ist der frühere Generalinspekteur Hans-Peter von Kirchbach. Im Gegensatz zur Verwaltung entscheide die Stiftung „im Zweifel für den Antragsteller“, sagt Gertz und ergänzt: „Wir sagen nur dann Nein, wenn für uns zweifelsfrei feststeht, dass es keine Kausalität geben kann.“ Etwa drei Viertel der Anträge werden bewilligt.

Inzwischen aber haben sich die Gewichte in der Klientel der Stiftung verschoben. Die radargeschädigten Soldaten sind mittlerweile hochbetagt und das Gesundheitsrisiko durch neue Technologie minimiert. Heute sind posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) das Thema Nummer eins der Stiftung.

Zahl neu erkrankter Soldaten ist erneut gestiegen

Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass die Zahl neu erkrankter Soldaten mit PTBS im vergangenen Jahr erneut gestiegen ist – von 279 auf 290 Fälle, die im Jahr 2019 neu registriert wurden. Fachleute rechnen mit einem weiteren Anstieg. „Viele Soldaten, die in Auslandseinsätze gehen, haben dort traumatische Erlebnisse, die sie später nicht loslassen“, erklärt Gertz. Oftmals führe die Flucht zu Alkohol, Drogen oder Spielsucht. Krankheit und Schulden, nicht selten in sechsstelliger Höhe, seien die Folgen. Wer sich auf die Hilfe von Ärzten, Sozialarbeitern oder Schuldnerberatern bereit erklärt, den Weg zurück zu finden, kann auf Hilfe der Stiftung hoffen – mit dem Ziel, dass der Betroffene am Ende schuldenfrei ist.

„Die Gruppe von Menschen, die aufgrund einer traumatischen Belastungsstörung am Leben scheitern, wird immer größer“, sagt Gertz. Unterstützt werde jeder, der im Zusammenhang mit dem Dienst in der Bundeswehr einen gesundheitlichen Schaden erlitten haben könnte. Im Blick sind dabei auch Familienangehörige und Hinterbliebene. In einem Fall trat die Stiftung mit 50 000 Euro für die Lebensgefährtin eines gefallenen Soldaten ein, der diese zwar in einem Testament bedacht hatte, dabei aber nicht die handschriftliche Form gewahrt hatte.

Einem anderen ehemaligen Soldaten bezahlte sie einen Gebrauchtwagen und finanzierte zu einem erheblichen Teil die Ausbildung der Witwe eines afghanischen Dolmetschers. In einem Fall war der Hauptverdiener einer kasachischen Spätaussiedlerfamilie als Oberstabsgefreiter mehrfach in den Auslandseinsatz gegangen und hatte auf diese Weise die Raten des von der Großfamilie genutzten Hauses abgetragen. Als der Soldat in Afghanistan fiel, waren noch 105 000 Euro der Schuld offen. „Dieser Familie haben wir die Grundschuld abgelöst“, erzählt Gertz.

Die Härtefallstiftung verfügt über ein vom Bund bereitgestelltes Grundstockvermögen von rund achteinhalb Millionen Euro und erhält jährlich für Unterstützungsleistungen eine Million Euro aus dem Bundeshaushalt. Bislang wurden 8,47 Millionen Euro aufgewendet. Vorstand und ein Vergabeausschuss aus neun Experten entscheiden über rund 80 Anträge im Jahr. 620 Betroffene haben schon Geld beantragt, mehr als 400 von ihnen erfolgreich.