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Erfahrungsbericht eines Neulings: Zum ersten Mal beim Rosenmontagszug in Bonn

Erfahrungsbericht eines Neulings : Zum ersten Mal beim Rosenmontagszug in Bonn

Ein Neuling im Karneval hat den Zug in der Fußgruppe der Vereinigung Bonner Karnevalisten erlebt. Wie ist es, zum ersten Mal beim Rosenmontagszug mitzulaufen? Ein Erfahrungsbericht von GA-Redakteur Rajkumar Mukherjee.

Meine Hemmungen werfe ich um 15.10 Uhr im Rosenmontagszug über Bord. Ich stecke einem Mädel eine Tüte Gummibärchen zu. Die Belohnung für die Kamelle folgt prompt. Ich darf sie innig umarmen und ziehe als Karnevalsneuling weiter.

Seit drei Wochen bin ich Redakteur beim GA, und es ist mein erstes Mal: Karneval mitten im Zug. Auf Einladung von Willi Baukhage (63), Urgestein des Bonner Karnevals, darf ich in der Fußgruppe der Vereinigung Bonner Karnevalisten (VBK) mitgehen. Als eher introvertierter Bielefelder eine echte Herausforderung. Mehrere Zehntausend Zugbesucher werden meine Premiere begleiten – ohne mich zu kennen.

So schön waren die Rosenmontagszüge 2020 in Bonn und Siegburg

Dabei stehen die Vorbereitungen am Montagvormittag unter einem ungünstigen Stern. Ich möchte mir mein Gesicht passend zum Clownskostüm schminken. Ich habe bloß keinen Ahnung wie. Bei Google suche ich mir schnell noch Vorlagen heraus. Aber die Zeit drängt. Bis 12 Uhr will ich am Treffpunkt sein. Blau, Weiß, Rot pinsele ich mir ins Gesicht. Mit rosafarbener Perücke warte ich später an der Thomasstraße am Aufstellpunkt auf Willi Baukhage und seine Truppe. Einen weiteren Fauxpas leiste ich mir hier. Die kleine rote Clownsnase vergesse ich in der Aufregung in der Tasche.

Willi Baukhage stört das nicht. „Mensch, Du siehst ja klasse aus“, ruft er und bietet mir das Du an. Und nicht nur das: „Da fehlt was am Hals. Ich verleihe Dir heute den Orden der Großen Dransdorfer Karnevalsgesellschaft“, fügt er hinzu. Damit habe ich nicht gerechnet und fühle mich geehrt.

Überhaupt werde ich von den 20 Teilnehmern der Fußgruppe in die Mitte genommen. Einen Schnaps zum Aufwärmen bekomme ich, später einen Kaffee, eine Frikadelle, ein Salamibrötchen und jede Menge Partywürstchen. Ein bisschen ist das wie picknicken am Bordstein. Und wir feiern den elften Geburtstag von Corinna Bunk, die schon das siebte Mal beim Rosenmontagszug dabei ist. Später schließt sich noch Hans Mayer, Präsident der Rheinischen Karnevals-Korporationen, der Fußgruppe an. „Wir vertreten 1600 Vereine und 1,5 Millionen Mitglieder“, sagt er.

Von der Dimension des Rosenmontagszugs in Bonn habe ich noch keine Vorstellung. „Mit knapp 6000 Teilnehmern haben wir 2020 wieder einen Rekord“, sagt Willi Baukhage. Er ist ein echter Bönnsche Jeck. „Ich bin zum 47. Mal im Fastelovend aktiv“, erzählt er. Und tief verwurzelt im Bonner Karneval: beispielsweise seit 1985 als Vorsitzender der VBK oder seit 2013 als Präsident der Großen Dransdorfer Karnevalsgesellschaft. Bekannt ist er für seinen Handkarren, auf dem er jedes Jahr eine neue handgefertigte Figur plaziert. In diesem Jahr ist es natürlich Beethoven, der mit einer Größe von 2,10 Metern kleinere Figuren wie Robert Schumann, Franz Liszt und Helmut Schmidt überragt.

Beim Rosenmontagszug sind auch Willi Baukhages Ehefrau Gisela und Sohn Thomas (23) dabei. „Ich bin im Beueler Karneval groß geworden. Und wenn mein Mann das nicht selbst leben würde, hätte das mit uns nie geklappt“, sagt Gisela Baukhauge mit Augenzwinkern.

In der Thomasstraße stellen wir uns ab 12 Uhr auf. Es dauert aber bis 14.15 Uhr, als wir in der Thomas-Mann-Straße in die Menschenmenge eintauchen. Sofort sind Willi Baukhage, die VBK-Mitglieder und Freunde der Familie im Karnevalsfieber. Sie johlen, rufen Alaaf und werfen Kamelle. Mich kostet es Überwindung. Entlang der 3,8 Kilometer langen Strecke sehe ich links und rechts Menschen. Überall Kinder und Erwachsene. Aber ich merke schnell: Die Besucher sind in Feierlaune – und das spiegeln sie mir zurück. Zaghaft hebe ich den rechten Arm und rufe wie die anderen „Alaaf!“. Wieder und wieder.

Meine ostwestfälische Zurückhaltung verfliegt auf dem Rathausplatz. Keck zwinkert mir eine Mittzwanzigerin im Biene-Maja-Kostüm zu. Ich werfe ihr einen angedeuteten Handkuss zu. Jetzt genieße ich es, mitten im Rosenmontagszug zu sein.