Eine engagierte Macherin: Angela Fritzen schreibt seit 16 Jahren für "Ohrenkuss"

Eine engagierte Macherin : Angela Fritzen schreibt seit 16 Jahren für "Ohrenkuss"

Angela Fritzen ist eine Macherin. Leute, die sie als neue Mitarbeiter für ihr Zeitungsprojekt gewinnen will, spricht sie unumwunden an. Prominente Zeitgenossen überrascht sie mit freundlich-direkten Interviewanfragen:

"Bitte, mach mit! Wir wollen ganz viel von dir wissen!" Und wenn Fritzen im Supermarkt ein spannendes Thema in den Kopf kommt, notiert sie es umgehend - es könnte ja Futter für die nächste Redaktionskonferenz sein...

Dieses nimmermüde Engagement beschert der 40-Jährigen viele Erfolge - nicht etwa obwohl, sondern weil sie das Down-Syndrom hat. Als im Jahr 1998 die einzigartige Zeitschrift "Ohrenkuss" ins Leben gerufen wurde, deren Texte allesamt von Menschen mit Down-Syndrom verfasst werden, war sie Gründungsmitglied.

Inzwischen ist die Liste an Projekt- und Designpreisen für das halbjährlich erscheinende Heft lang und die Arbeit an neuen Themen ein wichtiger Teil von Fritzens Leben. "Ich bin ja schon ein alter Hase", lacht sie und formt wie zum Beweis Langohren aus ihren Händen. Gerade entsteht eine Ausgabe über China. Dazu hat die Niederholtorferin, die im Haus der Eltern lebt, Lexika gewälzt und das Internet durchforstet. Der Clou des Heftes ist eigentlich noch geheim: "Wir schreiben einen Brief an Ai Weiwei. Alles, was wir ihn fragen wollen. Und Henriette kann Chinesisch, die übersetzt das. Mal sehen, ob wir eine Antwort kriegen."

Viele Prominente haben der 20-köpfigen Bonner-Redaktion schon Interviews gewährt: Andreas Bourani ebenso wie Rudi Cerne und Jörg Pilawa - auch, weil ihre Fragen klischeefrei sind und ohne medientypische Schmeicheleien daherkommen. Doch über Erfolge spricht die Frau mit der modischen Brille nicht gerne. Wenn sie von der "Bild der Frau"-Preisverleihung in Berlin erzählt, zu der sie mit Ohrenkuss-Chefredakteurin Katja de Braganca in einer schicken Limousine aus dem Hotel abgeholt wurde, senkt sie den Kopf und zieht die Mundwinkel ein wenig abweisend nach unten.

Auch über das eigens angeschaffte Abendkleid ist ihr nichts weiter zu entlocken. Umso mehr aber über ihren Wunsch, von den Bonnern im Alltag ernst genommen zu werden. Es ärgert die einstige Absolventin des Robert-Wetzlar-Berufskollegs, wenn von ihrem Äußeren auf ihr vermeintliches Inneres geschlossen wird. Wenn Leute aus Voreingenommenheit oder Angst auf die kleinen zwischenmenschlichen Gesten und Gespräche verzichten, die den Alltag lebenswert machen.

Für eine Ohrenkuss-Ausgabe schrieb sie: "Wenn man mich anstarrt, sieht man nicht, dass ich kochen kann, dass ich Englisch lerne. Wenn man mich anstarrt, sieht man nicht, dass ich schon jahrelang Saxofon und Blockflöte spiele." Gelegenheit zum netten Austausch hätte Angela Fritzen viele. Schließlich ist sie jeden Tag mit dem Bus unterwegs zu ihrem Arbeitsplatz im Seniorenzentrum Theresienau in Oberkassel. "Meine Aufgabe da ist nicht so viel, aber sie macht Spaß: Frühstückswagen und Kaffeewagen beladen und hochbringen. Ich finde es gut, dass ich nicht in so einer Werkstatt arbeite, wo alle Down-Syndrom haben."

Auch weitere Strecken legt sie auf eigenen Faust zurück, regelmäßig besucht sie ihren Freund in Essen mit dem Zug. Die bisher abenteuerlichste Reise führte sie 2005 mit Ohrenkuss-Kollegen in die Mongolei - 16 Tage lang lernte sie Land und Leute kennen und übte sich im Bogenschießen und Reiten.

Auch neun Jahre später blitzen ihre Augen noch vergnügt, wenn sie daran zurückdenkt: "Einmal habe ich gleich drei Schüsselchen Stutenmilch getrunken, mit ein bisschen Schnaps drin. Das hat schon betrunken gemacht." Ihrem liebsten Zeitvertreib allerdings konnte sie in der mongolischen Steppe nicht frönen, dafür ist das heimatliche Bonn viel besser geeignet: ausgiebige Stadtbummel, die so manches Mal mit dem Kauf einer Handtasche enden. "Eigentlich hab' ich zu viele", schmunzelt sie, als sie beim Abschied das aktuelle Lieblingsstück vom Garderobenhaken nimmt, "ein paar mussten schon in den Keller."

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