Lesungen gegen das Vergessen: Judith und der Junge von Schindlers Liste

Lesungen gegen das Vergessen : Judith und der Junge von Schindlers Liste

Rheinbacher Violinistin Judith Stapf plant Lesungen, um Jugendliche für das Thema Holocaust zu sensibilisieren. Als Junges Mädchen schloss sie Freundschaft mit dem ehemaligen KZ-Häftling Jerzy Gross, der der Dank Schindler überlebte und 2014 in Köln starb.

Bundespräsident Roman Herzog war es, der 1996 den 27. Januar zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus erklärte. Seit 2005 wird dieser Tag, an dem 1945 das Konzentrationslager Ausschwitz befreit worden ist, auf Beschluss der Vereinten Nationen weltweit als Gedenktag des Holocausts begangen. Bei der Gedenkveranstaltung im Bundestag im Januar 2018 beeindruckte die in Merzbach aufgewachsene Geigerin Judith Stapf mit ihrer Darbietung der Komposition „Nigun“ von Ernest Bloch. Jetzt organisiert sie eine Lesereihe aus dem Buch „Spiel mir das Lied vom Leben – Judith und der Junge von Schindlers Liste“ von Angelika Krumpen in Rheinbacher Schulen.

Die Beschäftigung mit dem Holocaust zieht sich wie ein roter Faden durch die Biografie der 21-Jährigen, die sich bereits in der Kindheit mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzte. Durch die Titelmusik des Spielfilms „Schindlers Liste“, die ihrem Idol, dem israelischen Geiger Itzhak Perlman, gewidmet ist und auch von diesem gespielt wurde, wurde sie als Elfjährige auf dieses Kapitel der deutschen Geschichte aufmerksam.

Sie lernte den Holocaust-Überlebenden Jerzy Gross kennen. Der 2014 verstorbene, studierte Musiker Gross war der letzte in Deutschland lebende sogenannte Schindlerjude. Dies prägte Stapfs weiteres Leben – auch als Geigerin. Im Sommer 2018 schloss sie ihr Studium an der Barenboim-Said-Akademie in Berlin ab und plant jetzt, junge Menschen für das Thema Holocaust zu sensibilisieren – gemeinsam mit Christoph Ahrweiler von der Rheinbacher Buchhandlung Kayser.

„Ich wollte es verstehen“, erklärt Judith Stapf ihr Interesse an der Geschichte des Holocausts, das sie schon außergewöhnlich früh zeigte. Den Stein ins Rollen brachte ihre Begeisterung für den Geiger Itzhak Perlman, der als bedeutendster Violinist der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt. „Er war mein Klangidol“, erinnert sich die 21-Jährige, die bereits mit drei Jahren Geigenunterricht erhielt und als Elfjährige ein Musikstudium am Pre-College Cologne aufnahm. „Weil ich alles von Perlman gehört habe, bin ich irgendwann über ein Youtube-Video auf die Titelmusik von „Schindlers Liste“ gestoßen – dann habe ich viele Fragen gestellt.“ Über eine Freundin ihrer Mutter entstand der Kontakt zu Jerzy Gross, der häufig auch das Pseudonym Michael Emge benutzte. „Angela Krumpen hatte als Radiojournalistin eine Sendung mit ihm und ein Treffen organisiert.“

Zwischen dem alten Mann und dem jungen Mädchen entwickelte sich ein langjähriger Kontakt, dessen Bedeutung vor allem in der Brücke lag, die zwischen den Generationen geschlagen wurde: Hier wurde erlebte Geschichte über Generation weitergegeben. Die Gespräche und vor allem die Erlebnisse auf einer gemeinsamen Reise in die Vergangenheit, als Stapf mit Gross im Jahr 2010 nach Polen reiste, veröffentlichte Krumpen in dem Buch „Spiel mir das Lied vom Leben – Judith und der Junge von Schindlers Liste“. „Damit sind wir viel an die Öffentlichkeit getreten“, erklärt Stapf und berichtet, dass ihr der Rummel als Jugendliche irgendwann zu viel wurde, was vom Umfeld akzeptiert wurde.

Nachdem sie ein paar Jahre Abstand genommen hat, plant sie nun, in Schulen über das Thema zu informieren. Sie hofft, die Jugendlichen aufgrund ihres geringen Altersunterschieds besser erreichen zu können als der Lehrstoff in den Geschichtsbüchern. Gerade in der jetzigen Zeit sei ihr das wichtig, so Stapf und berichtet von ihrem Auftritt bei der Gedenkstunde im Deutschen Bundestag.

„Da saß ich Menschen gegenüber, die den Holocaust leugnen“, entrüstet sie sich. Gerade das jüdisch-palästinensische Umfeld in der Barenboim-Said-Akademie, in deren Orchester gemeinsames Musizieren als Friedensprojekt definiert wird, habe sie geprägt. „Hier schließt sich der Kreis“, sagt Stapf und beschreibt ihre enge Bindung zu den Orchestermitgliedern. „Ich war in den letzten zwei Jahren dort die einzige Deutsche und weiß, dass viele dort nicht säßen, wenn es ihre Großeltern nicht gegeben hätte.“ Ohne die Auseinandersetzung mit der Thematik sei sie den Menschen in ihrem Leben anders begegnet. „Als ich als Kind die Titelmelodie von 'Schindlers Liste' spielen wollte, war ich überzeugt, sie dafür richtig verstehen zu müssen. Genau das habe ich erreicht.“

In ihren Plänen unterstützt sie der Buchhändler Christoph Ahrweiler. „In der Kombination von Geigenspiel und Erzählungen wird sie viele Menschen erreichen“, glaubt Ahrweiler. „Judith transportiert Inhalte. Weil sie das Thema berührt, spielt sie bewegend – im wahrsten Sinne des Wortes.“

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