Melanie Mühl zu Gast auf dem Sofa: Beim dicken Kellner schmeckt's

Melanie Mühl zu Gast auf dem Sofa : Beim dicken Kellner schmeckt's

Zuerst die gute Nachricht: Wir leben in einer paradiesischen Nahrungsmittellandschaft. Gleichzeitig, womit wir schon bei der weniger guten wären, wird Ernährung scheinbar immer komplizierter. Melanie Mühl lieferte als „Gast auf dem Sofa“ in Rheinbach interessante Einblicke in unsere Essgewohnheiten.

In der Wohlstandsgesellschaft trifft jeder täglich 200 Essens-Entscheidungen, die meisten davon unterbewusst. „Wir sind emotionale und irrationale Esser“, sagte die Autorin Melanie Mühl am Donnerstagabend als „Gast auf dem Sofa“ in der Rheinbacher Hochschulbibliothek. In ihrem Buch „Die Kunst des klugen Essens – 42 verblüffende Ernährungswahrheiten“ zeigt sie zusammen mit ihrer Co-Autorin, der Psychologin Diana von Kopp, auf, wie oft man bei Essensangelegenheiten das Steuer aus der Hand gibt und wie manipulierbar man dabei ist.

Mühl stellte einige ihrer wissenschaftlich begründeten Erkenntnisse im Gespräch mit der Bibliothekarin Susanne Kundmüller vor. Informativ und unterhaltsam sei der Text über unsere „paradiesische Nahrungsmittel-Landschaft“. Irgendwo zwischen Vegetarismus, Steinzeit-Diät, Low-Carb und Detox-Welle ginge den Konsumenten der Überblick verloren und das entspanntes Verhältnis zum Essen gleich mit. Paradoxerweise sei alles verfügbar und zugleich viele Ängste mit der Nahrung verbunden. Als Beispiel nannte sie die Laktose-Intoleranz.

Mühl erklärte, dass Ungeborene in den letzten drei Monaten der Schwangerschaft ihren Geschmack der Außenwelt anpassen. Je bitterer das Fruchtwasser, desto seltener schluckt das Baby. Das Kind erkennt nach der Geburt wieder, was die Mutter gegessen hat. Eine Vorliebe für Karotten etwa werde übertragen. Bestimmte Aromen prägten ebenfalls über das Fruchtwasser den Geschmack.

Mit einer Grafik veranschaulichte die FAZ-Journalistin den Unterschied zwischen „Non Tastern“ und „Super Tastern“ (taste = Geschmack). Erstere haben relativ wenige Geschmacksknospen auf der Zunge, letztere sehr viele. Deshalb leben „Super Taster“ in einer „grellen Nahrungsmittel-Welt“ und mögen beispielsweise das bitterstoffreichen Brokkoli nicht. Die Geschmackspalette der 'Non Taster' bestehe dagegen aus „Pastellfarben“.

Erwiesen sei zudem, dass viel Schlaf satt macht. Die Figur von wenig schlafenden und morgens hastig frühstückenden Menschen sei oft fülliger. Bestätigt fand Mühl auch die alte Weisheit „Das Auge isst mit“. Versuche hätten ergeben, dass Essen von roten Tellern nicht ankommt, weil die Farbe Rot Gefahr bedeutet und Fluchtreflexe auslöst.

In Restaurants seien die Esser ständigen Manipulationen ausgesetzt, erklärt die Autorin. So beeinflusse Hintergrundmusik den Appetit. Bei einem rundlichen Kellner würden mehr Nachtische bestellt, eine schlanke Kellnerin dagegen löse Zurückhaltung aus. Dünne Bedienungen, so Forscher, sind das personifizierte schlechte Gewissen. Stärker noch als das Gewicht des Kellners beeinflusst aber das Essverhalten der anderen am Tisch. In einer Gruppe, deren Mitglieder ihr Essen eilig hinunterschlingt, passt man sich automatisch dem Tempo an. Bestellen die anderen eine Apfelsaftschorle, nimmt man von einem Bier lieber Abstand. Ist das Gegenüber dick, wird stärker zugegriffen.

Eine Frage aus dem Publikum bezog sich auf die trendigen alkoholfreien Detox-Parties nur mit Fruchtsäften. Aktuell gelte der Körper vielen als „zu optimierende Spielfläche“, sagte Melanie Mühl dazu. Da werde etwas zelebriert und überhöht.

Melanie Mühl, Diana von Kopp „Die Kunst des klugen Essens“, 256 Seiten, Hanser Verlag ,ISBN 978-3-446-44875-9, Preis: 16 Euro.

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