Bornheimer Bürger helfen Pater Christian: "Ein Akt der Nächstenliebe"

Bornheimer Bürger helfen Pater Christian : "Ein Akt der Nächstenliebe"

Vor vier Jahren kam Christian nach Deutschland, geboren und aufgewachsen ist er im Süden Nigerias. Seine Familie wurde dort von einem Boko-Haram-Anschlag getroffen. Hilfe erhält er nun von Bornheimer Bürgern.

Pater Christian weint oft in diesen Tagen. Manchmal, wenn ihm alles zu viel wird, löscht er die Nachrichten aus seinem Handy. Meistens stammen sie von Freunden, Bekannten oder ehemaligen Nachbarn. Schreckliche Dinge schreiben sie ihm. Ihre E-Mails und SMS handeln von Söhnen, die schwer verletzt in Krankenhäusern liegen oder von Töchtern, die brutal niedergemetzelt wurden. Dinge, die wenige Tage und Stunden oder nur Minuten zuvor im Heimatland von Pater Christian geschehen sind.

Vor vier Jahren kam Christian nach Deutschland, geboren und aufgewachsen ist er im Süden Nigerias. Seinen Nachnamen möchte er nicht verraten, zu groß ist die Angst, dass seinen Angehörigen in Afrika etwas passieren könnte. Zwei Jahre lang arbeitete er in Frankfurt, dann kam er als Dekan in den Seelsorgekreis Bornheim - An Rhein und Vorgebirge. In Nigeria hat Pater Christian noch zwei Schwestern und drei Brüder. Einer von ihnen, Samuel (Name von der Redaktion geändert), zog vom Süden in den Norden des Landes, er baute ein Haus in Bauchi, der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates. Dort lebte er mit seiner Frau und fünf Kindern. Seit Ende vergangenen Jahres sind es nur noch vier.

Als Christian an dem grauen Dezembernachmittag auf sein Handy schaut, zieht es ihm den Boden unter den Füßen weg. Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram hat einen Bombenanschlag verübt. Ziel: Bauchi. Seit 2009 brachen dort immer wieder Unruhen aus. Sein Bruder schreibt ihm, das Haus liege in Trümmern, die Söhne George und Alexander (Namen von der Redaktion geändert) seien schwer verletzt worden. Samuel selbst hat nur leichte Verletzungen erlitten. In den nächsten Tagen erreichen die drei ein Krankenhaus, der siebenjährige George muss operiert werden. Weil Nigeria nicht über ein Krankenkassensystem wie das deutsche verfügt, müssen alle ärztlichen Leistungen bar bezahlt werden. "Außerdem sind etwa 70 Prozent der Bevölkerung sehr arm", erklärt Pater Christian. Um seinem Neffen zu helfen, finanziert er die Operation. Trotz allen Bemühungen verstarb George nur wenige Tage später.

Unterdessen kämpft Alexander um sein Leben. Der Neunjährige ist durch den Bombenanschlag an der Brust verletzt worden, seine Lunge muss dringend operiert werden. Zusammen mit seinem Vater fliegt er in den Süden Nigerias, wo ein Spezialist zugesichert hat, sich Alexanders Fall anzunehmen. Die Operation soll 18 000 Euro kosten. Zu viel, als dass Pater Christian die Summe noch einmal alleine aufbringen könnte.

"Als ich das erfuhr, war ich vollkommen erschüttert. Ich wusste mir einfach nicht zu helfen", sagt der 40-Jährige stockend. Verzweifelt wendet er sich an den Gemeindepfarrer Jörg Stockem. "Er sagte, dass ich mit zur Gemeinde gehöre und dass die Gemeinde mir helfen werde", erinnert sich Christian. Eine Spendenaktion wurde ins Leben gerufen, der Breniger Kirchenvorstand Sankt Evergislus beschließt eine Sonderkollekte. In den Gemeinden Bornheim, Roisdorf, Brenig, Hersel und Widdig werden die Menschen auf das Schicksal von Christians Familie aufmerksam. Viele wollen helfen, das Spendenkonto füllt sich. Privatleute, Firmen und Vereine steuern große Einzelspenden bei. Laut Stockem sind bereits mehr als 30 000 Euro zusammengekommen. Mit dem Geld solle nicht nur dem kleinen Alexander geholfen werden, sondern auch ein Neustart für die Familie von Christians Bruder gewährleistet werden.

Alexander konnte vor einigen Tagen erfolgreich operiert werden, er ist auf dem Weg der Besserung. Christians Bruder ist unendlich dankbar, derzeit wohnt er mit seiner Familie bei seinen Eltern im Süden Nigerias. Pater Christian: "Die Leute in dieser Gemeinde sind wunderbar, einen solchen Akt der Nächstenliebe habe ich bislang noch nicht erfahren."

Er sagt, der Name Boko Haram hieße übersetzt "ohne Buch". Die islamistische Terrorgruppe spricht sich gegen westliche Bildung und die Beteiligung an Wahlen aus. Sie wollen die Scharia, das religiöse Gesetz des Islam, in ganz Nigeria einführen und streng durchsetzen. Boko Haram ist bekannt für ihre brutalen Anschläge auf Christen und Muslime in Nigeria. Erst Anfang Januar wurden Dutzende Menschen bei einem Brandanschlag auf die nordnigerianische Stadt Baga getötet. Pater Christian machen diese Taten fassungslos. Im Februar stehen Regierungswahlen in Nigeria an. Er kann sich nicht vorstellen, wie sie unter diesen Umständen reibungslos ablaufen sollen. Vor ein paar Monaten hatte Pater Christian einen Freund aus Nigeria in Deutschland zu Besuch. In der Nacht schreckte der Bekannte immer wieder aus dem Schlaf hoch. Am Morgen erzählte er Christian, dass er in dieser Nacht tiefer geschlafen habe als in jeder der vergangenen drei Jahre. Die Erschütterungen und das laute Grollen der Bombeneinschläge ließen ihn in Nigeria jede Nacht schweißgebadet aufwachen. Inzwischen ist Pater Christian wieder allein. Manchmal erinnert er sich an bessere Zeiten.

"Ich liebe mein Land. Es war früher so fröhlich und liebevoll", erzählt er. "Doch jetzt vergeht kein Tag ohne grauenvolle Neuigkeiten." Die Taten der terroristischen Gruppierung Boko Haram schockieren ihn. Er sagt: "Wir sind doch eine Familie, unser Land ist Nigeria." Christian ist eigentlich ein sehr fröhlicher Mensch. Wenn er lacht, zeigt sich eine breite Zahnlücke zwischen seinen Schneidezähnen. In jeder seiner Messen begrüßt Christian die Gemeinde herzlich. Morgens sagt er: "Habt ihr gut geschlafen? Wie geht es euch heute?" und abends entlässt er sie mit: "Ich wünsche euch allen eine gute Nacht." Und wie als hätte er es für einen kurzen Moment vergessen, fügt er jedes Mal hinzu: "And pray for Nigeria, please."