Geschichte in Oberpleis: Post-Mattes-Eck musste vor 20 Jahren Neubau weichen

Geschichte in Oberpleis : Post-Mattes-Eck musste vor 20 Jahren Neubau weichen

Vor fast 20 Jahren wurde das Post-Mattes-Eck mit dem traditionsreichen Saal mit Gaststätte und Kino im Oberpleiser Ortskern abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Ein Blick in die Geschichte.

Wenn heutzutage über die Neugestaltung des Oberpleiser Kirchplatzes diskutiert wird, mag man kaum glauben, dass der Ortskern erst vor 20 Jahren sein Gesicht radikal verändert hat. Bis zum Jahreswechsel 1999/2000 stand an der Kreuzung von Dollendorfer Straße, Siegburger Straße und Herresbacher Straße, wo heute ein Kreisel den Verkehr regelt, noch das Post-Mattes-Eck. Damals machte der traditionsreiche Fachwerkbau einer nüchternen Zweckarchitektur Platz.

Am 3. Januar 2000 wurden der alte Saal, die benachbarte Gaststätte Bellinghausen und das auf dem Gelände befindliche Kino abgerissen. Ein Investor, die Cremona Bauträger- und Betreuungsgesellschaft aus Hilden, hatte dem alten Eigentümer, der Familie Bellinghausen, Häuser und Grundstück abgekauft und errichtete einen Neubau mit 15 Eigentumswohnungen, sieben Büros und Arztpraxen sowie acht Ladenlokalen. In den Neubau zogen unter anderem ein Küchenstudio, ein China-Restaurant und Heinz Vogt mit seiner Sankt-Pankratius-Apotheke ein, die vorher direkt am Kirchplatz gelegen hatte.

„Sie hätten auch russische Zwiebeltürme bauen können“

Manchem Oberpleiser schmeckte das überhaupt nicht. „Aber sie hätten auch russische Zwiebeltürme bauen können. Dann hätten die trotzdem gemeckert“, sagt Vogt. Das erinnert ihn an das Jahr 1977, als der Saal für Feiern geschlossen wurde. Die Leute, die sich zuvor am lautesten über dessen Zustand beklagt hätten, hätten damals am meisten gejammert, als er zugemacht wurde. Seine Ehefrau Adelheid ist die Tochter des früheren Eigentümers Heinrich Bellinghausen, den sie in Oberpleis nur Postmattes Hein nannten. Sein Vater war Matthias Bellinghausen, der als Inhaber der Poststelle Postmattes genannt wurde. Nachdem ihr Vater Heinrich 1987 und die Mutter Emilie 1996 gestorben war, mussten Adelheid und ihre Schwester Dorothee als Erben eine Entscheidung treffen, was aus dem Post-Mattes-Eck werden sollte.

Die Entscheidung habe damals Spitz auf Knopf gestanden. Diejenigen, die den Saal erhalten wollten, hätten seine besondere Architektur mit einem Halbtonnengewölbe ins Feld geführt. „Wir haben der Stadt damals gesagt, ihr könnt die Gebäude zum symbolischen Preis von einer Mark haben“, erzählt er. Die Häuser wären längst baufällig gewesen und hätten hohe Unterhaltungskosten verursacht. Die Stadt habe jedoch dankend verzichtet.

Letzte Karnevalsfeier 1977

1977 war im Post-Mattes-Eck letztmals Karneval gefeiert worden, nachdem der Saal in den Jahren vorher nur noch zweimal im Jahr für Veranstaltungen genutzt wurde und ansonsten leer stand. Nach der Schließung nutzte ein örtlicher Möbelhändler den Saal als Warenlager. In dem Mitte der 1950er Jahre auf dem Gelände erbauten Kino zeigte Heinrich Bellinghausen noch bis zu seinem Tod 1987 Filme. Anschließend wurde das Lichtspielhaus ein paar Jahre lang verpachtet.

1978 musste Karneval im Festzelt gefeiert werden. Denn einen anderen Saal gab es nicht mehr, nachdem es über Jahrzehnte mit dem Saal Lichtenberg von Jakob Lichtenberg noch zwei Veranstaltungsräume in unmittelbarer Nachbarschaft gegeben hatte. Ein Jahr später stand dann die neu erbaute Oberpleiser Aula zur Verfügung, die es aber in punkto Atmosphäre nicht mit dem alten Saal aufnehmen konnte. „Ich habe im Post-Mattes-Saal ja einen Teil meines Lebens verbracht. Das Urige und Gemütliche gab es danach nicht mehr“, sagt Heinz Vogt, der 20 Jahre lang Präsident der Narrenzunft war.

Legendärer Frühball

Zusammen mit seinen „Dorfspatzen“, die im Karneval 1969 zum ersten Mal in den damals drei Sitzungen der Narrenzunft das Ortsgeschehen mit überwältigendem Erfolg persiflierten, hat er dem Post-Mattes-Eck sogar ein Lied gewidmet.

Legendär war vor allem der Frühball, der am Kirmesmontag morgens im Saal begann und für manchen zum Spätball wurde, bei dem er nicht mehr aufrechten Ganges das Gebäude verlassen konnte. Wer damals in Oberpleis etwas auf sich hielt, machte den Montag damals frei, die Geschäfte blieben geschlossen. Beim „Post Mattes“ wurde dann ausgelassen zur Melodie etwa von „Im Grunewald ist Holzauktion“ Rheinländer getanzt. Die Tanzfläche war dabei stets gut gefüllt. Es wurde geklatscht, gedreht und gehopst. Durch das Halbtonnengewölbe das Saales hatte man dabei von jedem Platz aus einen hervorragenden Blick auf die Bühne.

Im Post-Mattes-Eck wurde aber nicht nur gefeiert, sondern auch gearbeitet. Wie der Name schon sagt, war hier auch die Post untergebracht, ebenso wie Büros der Raiffeisenbank.

Mehr von GA BONN