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Rheinische Redensarten: Loss de Fente loofe

Rheinische Redensarten : Loss de Fente loofe

In der Serie „Rheinische Redensarten“ beleuchten wir bedeutungstiefe Redewendungen. Dieses Mal: Do kannste misch för anluhre

Wir hatte gelegentlich darüber berichtet, dass rheinische Redensarten oft in Zusammenhang mit Erziehungstipps vorkommen und als solche verstanden werden müssen. Und da kommen wir auf einen Satz zu sprechen, der früher wie selbstverständlich zu hören war, und der in gewisser Weise heute erneut zu unverhofften Ehren kommt.

Es geht um die Wendung: „Loss de Fente loffe“. Das Verständnis steht und fällt mit dem Wort Fente. Bevor wir uns um die Begriffshistorie kümmern, übersetzen wir für die Zugereisten ohne Umschweife in: Lass die Jungen laufen.

Die Übersetzung ist sehr neutral gehalten. Tatsächlich bezeichnet Fente meist jugendliche Halbstarke. Also junge Menschen, die überhaupt nicht wissen, wohin mit Ihrer Kraft und die kaum zu bändigen sind. Da könnte man annehmen, dass sich die Erziehungsberechtigten früher gar nicht in der Lage sahen, die Aktivitäten der lieben Heranwachsenden zu drosseln. Das gilt in manchen Milieus heute nicht mehr. Ich sage nur: Stichwort Helikoptereltern. Da schwirren die besorgten Erzeuger ständig um den Nachwuchs, übernehmen für ihn dies und erledigen für ihn das.

Es gibt Berichte aus den Universitäten, wonach inzwischen Eltern mit in die Sprechstunden der Studienberatung und der Professoren gehen. Auch die Lehrer von Oberstufenschülern können davon ein Liedchen singen. Die moderne Technik tut ein Übriges. Über Handy, SMS und Whatsapp ist jeder immer erreichbar und damit an der kurzen Leine zu führen. Das unterminiert allerdings den natürlichen Freiheitsdrang unserer Kinder, und wer so verfährt, sollte sich nicht wundern, wenn der Nachwuchs so gar nicht von zu Hause ausziehen möchte. Da sei doch allen Eltern angerate, die altbewährte Redensart herauszukramen und die Fente laufen zu lassen. Denn sie brauchen ihren Auslauf. Und nur wer übt, selbstständig zu sein, wird lernen selbstständig zu sein.

Was die Wortherkunft von Fente angeht, ist es ein bisschen kompliziert. Plausibel klingt die Erklärung, die Vokabel stamme vom Lateinischen „infans“ für Kind und dem daraus entstandenen italienischen „fante“ für Knabe.

Der General-Anzeiger und der Verlag Lempertz haben die neuen Kolumnen von Jörg Manhold unter dem Titel „Rheinisch für Fortgeschrittene“ veröffentlicht. Das Buch ist im Handel erhältlich.

(man)