Marc Elsberg liest in Bonn: "Ich bin ein Fan des Fortschritts"

Marc Elsberg liest in Bonn : "Ich bin ein Fan des Fortschritts"

Der GA interviewte den Autor, der eine zunehmende Technologiefeindlichkeit beobachtet. Am 30. August liest er in der Telekom-Zentrale aus seinem Thriller "Zero" und diskutiert mit den Zuhörern über Digitalisierung.

Ein besseres Leben, mehr Erfolg? Alles kein Problem suggeriert die Internetplattform Freemee und sammelt und analysiert die Daten, die ihre Nutzer bereitwillig preisgeben. Auch die von Viola, der 15-jährigen Tochter der britischen Journalistin Cynthia Bonsant, und ihren Freunden. Nur der weltweit gesuchte Online-Aktivist Zero warnt vor der Macht der Daten. Bis ein Junge erschossen wird. In seinem Thriller „Zero – Sie wissen, was du tust“ schildert Autor Marc Elsberg die Gefahren einer gläsernen Gesellschaft. In „Blackout – Morgen ist es zu spät“ geht an einem kalten Februarabend in Italien das Licht aus. In Europa brechen die Stromnetze zusammen, in der Folge werden Wasser und Nahrung knapp, es kommt beinahe zum Bürgerkrieg. Seit der Österreicher Elsberg solche Endzeitszenarien beschreibt, stehen seine Bücher ganz oben auf den Bestsellerlisten. Alles nur Schwarzmalerei, um die Spannung zu steigern? Die Fragen an den 49-Jährigen stellte Sylvia Binner.

Herr Elsberg, sind Ihre Bücher Science Fiction oder längst schon Realität?

Marc Elsberg: Sowohl als auch. Auf Basis real existierender Technologien entwerfe ich in meinen Thrillern mögliche Szenarien.

Ihre Thriller „Blackout“ und „Zero“ handeln von den Gefahren der vernetzten Welt und warnen vor der gläsernen Gesellschaft. Wie schützen Sie selbst Ihre persönlichen Daten in der realen und der digitalen Welt? Und was genau wissen die Datenkraken heute schon von uns und Ihnen?

Elsberg: Die Bücher machen auf die Herausforderungen der vernetzten Welt aufmerksam. Denn diese Welt bietet auch viele Vorteile, wie man in beiden Büchern ebenfalls erfahren kann. Ein Blackout etwa zeigt ja erst, was wir verlieren können – das muss man davor aber erst einmal geschaffen haben. Und auch die digitalen Entwicklungen machen vieles Positives möglich. Aber leider auch Negatives, etwa die Zerstörung der Privatsphäre und eine autokratische Überwachungsgesellschaft. Echter Datenschutz auf persönlicher Ebene ist derzeit nur mit extrem hohem Aufwand und Fachwissen möglich, wenn man am normalen Alltagsleben teilnehmen will. Das gilt auch für mich. Aber auch kleinere symbolische Maßnahmen senden zumindest Signale an Unternehmen und Behörden: Surfen und Suchen über Anonymisierungswerkzeuge wie TOR, startpage etc. Mäßiger bis kein Einsatz von Kunden- und Rabattkarten, Handy auch einmal daheim liegen lassen, wenn man unterwegs ist usw.

Sie schreiben unter einem Pseudonym. Ist das ein weiterer Schritt zur Wahrung von Privatsphäre oder klingt Ihr richtiger Name Marcus Rafelsberger einfach nur weniger weltläufig auf einem Buchtitel?

Elsberg: Weder noch. Das hat sich aus anderen Gründen eher zufällig ergeben.

Ihre Bücher zeichnen ein kritisches Bild der Digitalisierung und ihrer Folgen. Sie selbst haben bereits wiederholt vor einer Machtungleichheit zwischen Bürgern auf der einen Seite und Unternehmen und Institutionen auf der anderen Seite gewarnt. Wie genau sieht diese Schieflage aus?

Elsberg: Wie gesagt, ich zeichne kein kritisches Bild der Digitalisierung, sondern ein Bild der kritischen Aspekte der Digitalisierung. Das ist ein wichtiger Unterschied. Das Machtungleichgewicht besteht derzeit vor allem im unterschiedlichen Wissen über den jeweils anderen. Wissen ist Macht. Dank des Datensammelns wissen Unternehmen sehr viel über uns, manchmal mehr als wir selber. Wir dagegen dürfen meist nicht eben soviel über die Unternehmen wissen, da heißt es dann, das ist Betriebsgeheimnis. Dieser – sehr große – Wissensvorsprung verleiht ihnen eine entsprechend größere Macht. Übrigens nicht nur über einzelne Individuen, sondern längst auch über ganze Gesellschaften und politische Systeme. Damit bringen sie unsere offene Gesellschaft und das freie Individuum in Gefahr.

Welche weiteren Aspekte der Digitalisierung werden Ihrer Meinung nach den größten Einfluss auf unser Leben haben – positiv wie negativ? Und können wir jenseits des vorsichtigen Umgangs mit unseren persönlichen Daten darauf Einfluss nehmen?

Elsberg: Ein Aspekt wird die weiter zunehmende Automatisierung von Vorgängen sein, die heute noch durch Menschen erledigt werden. Davon sind zunehmend auch hoch ausgebildete Personen betroffen, wodurch es zu extremen Verwerfungen auf den Arbeitsmärkten kommen wird. Ob dadurch Arbeitsplätze in Massen verloren gehen oder wie bei früheren Technologierevolutionen nur in andere Bereiche verschoben werden, das wird sich noch weisen. Falls ersteres geschieht, stehen wir vor einem Komplettumbau unseres Gesellschaftssystems und vor allem einer unserer Grundeinstellungen, die da heißt: Wer nichts arbeitet, soll auch nichts essen. Wenn es keine Arbeit mehr gibt, müssen wir diese Haltung grundlegend ändern – oder alle verhungern lassen, die keine mehr finden. Einen zweiten Aspekt bildet die Möglichkeit der sehr detaillierten Messung und Quantifizierung von Phänomenen wie etwa Gefühlen und Wertvorstellungen. Was ich quantifizieren kann, kann ich in Einheiten teilen, denen ich einen Preis zuschreiben kann. Gefühle und Wertvorstellungen, die bislang nur sehr rudimentär Handelsware waren, werden zum Produkt. Der gesellschaftliche Diskurs z.B. über gemeinsame – oder unterschiedliche – Wertvorstellungen findet bislang in der politischen Arena statt. Wenn ich Wertvorstellungen mit einem Preisetikett versehen kann, wandert das gesellschaftliche Aushandeln von „Werten“ in die ökonomische Sphäre. Das Aushandeln gesellschaftlicher Werte wie soziale Sicherheit, Familien- bzw. Partnerschaftsmodellen wird zum reinen Geschäft in einem Markt. Einfluss nehmen können wir, indem wir sorgsam mit unseren Daten umgehen und uns verstärkt wieder an gesellschaftlichen Debatten beteiligen – in einer vernünftigen Form natürlich, nicht in einem hysterisierten gegenseitigen Hickhack.

Wie viel Sendungsbewusstsein steckt im Autor Marc Elsberg? Sehen Sie sich als Aufklärer und Warner, der die Auseinandersetzung mit den potenziellen Folgen der Digitalisierung vorantreibt? Oder schreiben Sie einfach nur spannende Bücher.

Elsberg: Ich schreibe einfach nur spannende Bücher. Die Frage ist, was findet man spannend? Den einfachen, tausendmal gelesenen Kampf zwischen Held und Bösen? Oder die faszinierenden Entwicklungen, die jeder Einzelne von uns permanent erlebt und bewusst oder unbewusst mitgestaltet? Ich finde beides spannend und versuche es daher miteinander zu verbinden.

Ihre Bücher gelten als fundiert und gut recherchiert, was sowohl „Blackout“ als auch „Zero“ den Preis „Wissensbuch des Jahres“ in der Kategorie Unterhaltung eingebracht hat und Sie zu einem begehrten Gesprächspartner für Politik und Gesellschaft gemacht hat. Wie und wo recherchieren Sie? Etwa im Netz?

Elsberg: Natürlich! Ich führe aber auch viele Gespräche mit Experten.

Und im Schreibprozess selbst, wie fortschrittlich sind Sie als Autor?

Elsberg: Ich schreibe noch selber, weil es bislang keine Software gibt, die mir das in ausreichender Qualität abnehmen könnte.

Was halten Sie von folgendem Zukunftsszenario: Die Menschen leben vom staatlichen Grundeinkommen, weil die Roboter ihre Jobs übernommen haben. Wir laufen mit VR-Brillen rum, die uns alle Informationen über unsere Umgebung und Mitmenschen verraten und werden von selbstfahrenden Autos transportiert.Sieht so die Zukunft aus?

Elsberg: Mag sein. Aber vielleicht kommt auch alles anders. Hauptsache, wir stehen der Zukunft offen gegenüber, statt uns vor ihr zu fürchten oder sie gar zu hassen.

In Ihrem nächste Buch „Helix – Sie werden uns ersetzen“, das Ende Oktober erscheinen soll, geht es um Genmanipulation. Aber auch Themen wie Künstliche Intelligenz, Industrie 4.0, virtuelle Realitäten oder autonome Fahrzeuge bieten durchaus Stoff für Romane. Welche neuesten Entwicklungen verfolgen Sie mit besonderem Interesse und welche könnten in weiteren Ihrer Bücher eine Rolle spielen?

Elsberg: Ich versuche, meine Augen, Ohren und alle anderen Sinne immer aufnahmebreit für alles da draußen (und in mir) zu haben – vor allem aber für Themen, die nicht ohnehin schon von allen diskutiert werden und trotzdem immens wichtig sind.

Sie haben Industriedesign studiert, was auf ein gewisses Zutrauen in den Fortschritt schließen lassen könnte. Dennoch stehen Gefahren der Digitalisierung und der Technisierung in einer vernetzten und globalisierten Welt in Ihren Büchern im Vordergrund, nicht Umweltschutz oder Terrorismus zum Beispiel. Hat sich Ihre Haltung verändert? Ist der Fortschritt wirklich ein Rückschritt, wie Sie es knackig formuliert haben?

Elsberg: Ich bin ein großer Fan des Fortschritts und beobachte mit Sorge in Europa und gerade im deutschsprachigen Raum eine zunehmende Fortschritts- und Technologiefeindlichkeit. Wie schon erwähnt, geht es mir um zu wenig beleuchtete kritische Aspekte der Entwicklung, nicht um die Entwicklung an sich. Wir neigen in unserer immer stärker zu Schwarz-Weiß-Argumentationen neigenden Diskussionskultur dazu, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Bloß, weil Vernetzung und Digitalisierung derzeit einen Haufen kritischer Aspekte hervorbringen, muss man sie nicht als Ganzes verdammen. Dasselbe gilt für das Thema meines nächsten Thrillers, die Gentechnologie. Die knackige Formulierung „Ist Fortschritt ein Rückschritt?“ stammt übrigens nicht von mir, sondern von meinem Verlag. Und sie ist bewusst als ergebnisoffene Frage formuliert, nicht als fortschrittsfeindliches Statement. Umweltschutz und Terrorismus sind seit Jahrzehnten Thrillersujets, auf diese Themen findet man nur mehr sehr schwer einen grundlegend neuen Blickwinkel. Und ich habe keine Lust, die dreitausendste Wiederholung derselben Geschichte in etwas anderem Gewand zu schreiben.

Auf den Websites zu Ihren Romanen geben Sie „Überlebenstipps“ und Ratschläge zum anonymen Surfen im Netz oder weisen darauf hin, wie man sich auf einen Blackout vorbereitet. Welche Absicht steckt dahinter? Suchen beunruhigte Leser Ihren Rat, haben die Sie das Bedürfnis, von sich aus Mehrwert anzubieten oder ist das einfach nur das konsequent zu Ende geführte Marketing für die Inhalte Ihrer Bücher?

Elsberg: Von allem ein bisschen.

Was interessiert Sie daran, mit einem Konzern wie der Telekom über die Gefahren der Digitalisierung ins Gespräch zu kommen?

Elsberg: Ich denke, je mehr Menschen die Welt ein bisschen besser verstehen, desto leichter finden sie sich darin zurecht. Deshalb sind mir alle Foren willkommen, in denen sich Menschen über die wichtigen Themen der Zeit austauschen.

Verändern Ihre Bücher und Themen Ihre Lebensweise auch im Privaten? Es heißt, dass Sie zu Hause Wasser und Lebensmittel bevorraten. Für wie viel Optimismus bleibt da noch Raum?

Elsberg: Das mit den Lebensmitteln stimmt, seit meinen Blackout-Recherchen habe ich die behördlich empfohlenen Reserven für zwei Wochen zu Hause. Das ist nicht so viel. Unsere Mütter hatten das alle noch in der Speisekammer. Man sollte Optimismus nicht mit Verantwortungslosigkeit verwechseln. Jeder, der über gewisse Grundreserven verfügt, seien es Lebensmittel, Geld, ein soziales Netz, körperliche und geistige Fitness und andere, weiß, dass Reserven ein wesentlich gelasseneres und damit optimistischeres Leben ermöglichen.

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