Kultkonzert in der Philharmonie: Chilly Gonzales macht in Köln Musik im Bademantel

Kultkonzert in der Philharmonie : Chilly Gonzales macht in Köln Musik im Bademantel

Der kanadische Pianist, Sänger und Rapper Chilly Gonzales gab ein Konzert in der Kölner Philharmonie, in Bademantel und Socken. Mit dabei war die Sängerin Sarah McCoy und das Kaiser-Quartett, das krankheitsbedingt als Trio auftrat.

Schlagerlegende Udo Jürgens pflegte zu den Zugaben im Morgenmantel auf die Bühne zurückzukehren. So lange mag der kanadische Pianist, Entertainer, Rapper und Sänger Chilly Gonzales bei seinen Konzerten nicht auf das bequeme Kleidungsstück verzichten und hat es sich deshalb zur Angewohnheit werden lassen, es von Beginn an tragen. In der seit Langem ausverkauften Kölner Philharmonie erläuterte er lässig am Klavier sitzend, dass er sich für diesen Auftritt einen neuen Bademantel zugelegt habe, ein hübsches Teil in militärischem Camouflagemuster, dazu rote Socken und die ebenfalls unverzichtbaren Pantoffeln.

Auch der Plauderton des in Köln lebenden Musikers verrät eine gewisse intime Nähe zu seinem Publikum, dem er mitteilt, dass er die Zeit „zwischen den Jahren“ als eine sehr besondere empfinde. Als kanadischer Jude feiere er ja nicht Weihnachten, sondern habe die Zeit nutzen können, den Abend in der Philharmonie vorzubereiten. Da er seit 2011 traditionell in der ruhigen Zeit „zwischen den Jahren“ in der Philharmonie anzutreffen ist, ist der Konzertsaal längst schon so etwas wie sein Wohnzimmer geworden.

Dort durfte man jetzt aber nicht nur den neuen Bademantel begutachten, sondern auch neue Stücke seines demnächst erscheinenden neuen Soloalbums. Bevor er zum ersten Mal das Wort ans Publikum richtete, spielte er sehr versunken ein paar hübsche Klavierstücke daraus, um schließlich eine kleine Hommage an Johann Sebastian Bach anzukündigen.

Gonzales' Antwort auf Johann Sebastian Bach

„Meine Antwort auf Bach“ bezeichnet Gonzales das Stück, dem er das berühmte Präludium in C-Dur aus dem ersten Teil des Wohltemperierten Klaviers zugrunde gelegt hat, allerdings um einen halben Ton nach Cis-Dur tranponiert. Doch bevor er mit dem Stück, das den wortspielerischen Titel „Bachelor“ trägt, loslegte, vergaß er nicht, auf die Ähnlichkeit seines, Chilly Gonzales', bürgerlichen Namens Jason Beck und den des Komponisten hinzuweisen – wobei seiner These natürlich die englisch eingefärbte Aussprache beider Namen entgegenkommt. Die Musik verweist in der Tat deutlich auf die Akkordzerlegungen des Bach-Präludiums und wirkt in ihren Annäherungen origineller als Charles Gounods „Ave Maria“-Melodie über dasselbe Stück.

Und weil Chilly Gonzales in seinem Kölner Wohnzimmer immer auch gern Gäste empfängt, war der erste, solistisch absolvierte Teil des Abends zwangsläufig zeitlich eng befristet. Der Pianist überließ danach für eine Weile die Bühne und das Klavier Sarah McCoy aus New Orleans, eine grün geschminkte Sängerin und Pianistin mit einem von der Freiheitsstatue inspirierten Strahlenkranz im Haar, die ihre ihre üppige Figur auf Plateausohlen die Treppen zum Klavier hinunterbalancierte. Die Frau hat in der Tat den Blues in der Stimme, was sie am schönsten in ihrem Song „Beauty Queen“ zum Ausdruck brachte.

Zurück auf der Bühne – mit frischem Bademantel, frischen Socken und neuen Pantoffeln –, setzte Chilly Gonzales sein Programm unter anderem mit einem virtuosen Rap zum Ticken eines Metronoms, der denkbar reduziertesten Form einer Drum Machine, fort. Oder einem Rap, den er am Klavier begleitete (Gonzales: „Das kann nur ein wahres Musikgenie!“) und – „because it's a rap“ – mit dem unvermeidlichen „bitch“ beendete.

Das Kaiser Quartett kam als Trio

Angekündigt war für das Konzert auch das Kaiser Quartett, das allerdings wegen des erkältungsbedingten Fehlens des Bratschisten Ingmar Süberkrüb nur als Kaiser Trio antreten konnte. Doch man wusste sich zu helfen, indem etwa Primgeiger Adam Zolynski bei Bedarf zur Viola wechselte („Sweet Burden“). Und Gonzales nutzte die Gelegenheit, für die neue Besetzung seinen alten Song „The Crying“ mit seinen schönen Anklängen an die jiddische Musiktradition aus der Versenkung zu holen.

Mit Joe Flory hatte sich auch noch ein großartiger Schlagzeuger zum Kammerpop-Ensemble gesellt. Und im Zugabenteil des extrem unterhaltsamen Abends kam auch noch einmal Sarah McCoy zurück auf die Bühne, um zur Freude des begeisterten Publikums mit wunderbar schwarzer Stimme Gonzales' „Shameless Eyes“ zum Besten zu geben.

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