Ende einer Institution: Bonner Curtius-Preis vor dem Aus

Ende einer Institution : Bonner Curtius-Preis vor dem Aus

Der 1984 erstmals vergebene Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik steht vor dem Aus. Die Universitätsgesellschaft Bonn, in deren Händen die Finanzierung und Vergabe der Auszeichnung liegt, hat ihren Rückzug erklärt.

So jung und schon so bedeutend“, hieß es am 25. Januar 1990 an dieser Stelle. Die Rede war vom Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik, den der Bonner Buchhändler Thomas Grundmann 1984 der literarischen Welt geschenkt hatte. Ein kleiner, aber feiner Preis, bescheiden und doch bedeutend. Erster Preisträger war 1984 der Historiker Golo Mann. Zuletzt wurde 2015 der Bonner Staatsrechtler und Staatsphilosoph Josef Isensee für sein essayistisches Lebenswerk ausgezeichnet. Er könnte der letzte Preisträger gewesen sein. Die Universitätsgesellschaft Bonn, in deren Händen seit 2009 die Finanzierung und Vergabe der Auszeichnung liegt, hat ihren Rückzug erklärt.

Stifter Thomas Grundmann war 1984 Geschäftsführer der Universitätsbuchhandlung Bouvier, die 2004 an die Thalia-Holding verkauft wurde. Die Bonner Buchhandlungskette Bouvier-Gonski hatte zuvor Insolvenz angemeldet. Thalia-Bouvier führte den Preis bis 2007 weiter. Im Jahr 2009 übernahm dann die Universitätsgesellschaft Bonn. Der mit 8000 Euro dotierte Preis – ergänzt durch den mit 4000 Euro dotierten Förderpreis – ehrt laut Universitätsgesellschaft den deutschsprachigen Essay und will ihn, analog zum angelsächsischen und romanischen Sprachraum, auch in Deutschland als eigenständige literarische Form fördern und durchsetzen: „Die Preisvergabe orientiert sich neben sprachlichen Kriterien an den Gedanken des großen Bonner Romanisten Ernst Robert Curtius (1886-1956) sowie den Kriterien des vereinten Europas und der Völkerverständigung innerhalb und außerhalb der deutschen Sprachgrenzen.“

Kein kleiner Anspruch, der jetzt offenbar zur Disposition steht. „Herr Michael Kranz, Präsident der Universitätsgesellschaft, teilte mir vor etwa vier Wochen per Mail mit, dass der Preis von der Gesellschaft nicht mehr verliehen werden könne. Das Budget werde das in Zukunft nicht mehr hergeben, die Mittel würden fürs Jubiläum der Universität gebraucht“, schrieb Thomas Grundmann, der dem Preis weiterhin verbunden ist, den Curtius-Juroren. Damit scheint das Ende einer Auszeichnung programmiert, die sich gegen die Konkurrenz der zahllosen Literaturpreise in Deutschland erstaunlich gut behauptet hat und schnell überregionale Ausstrahlung entwickelte. Der Erfolg ist einfach zu erklären. Grundmann und seine Jury hatten die richtigen Autoren und – ebenso wichtig – originelle Festredner. Marcel-Reich Ranicki sprach über Hilde Spiel, Oskar Lafontaine über Friedrich Dürrenmatt. Die Preisverleihungen des Curtius-Preises waren denn stets alles andere als ermüdende Rituale mit Streichquartett.

Zwei Beispiele. Otto Graf Lambsdorff erwähnte in seiner Lobrede auf den Historiker und Journalisten Wolf Jobst Siedler 1987 das „unverkennbar Elitäre“ an Siedler und seine gelegentliche Überheblichkeit, ohne die freilich weder die Person noch die Essayistik denkbar seien. Das Gemeinsame von Siedlers zahlreichen Sujets fasste Lambsdorff in eine prägnante Formel: „Durchaus ohne Prätention ist er von Geschichte umgeben. Mit heiterer Arroganz und ironischer Melancholie konstatiert er historische Ahnungslosigkeit anderer, stellt er Abschiede vom Gewesenen fest, das neben ihm kaum einer sieht.“ Das entzückte Publikum im Alten Rathaus erlebte zwei geistreiche Männer, Preisträger und Laudator.

Ein Jahr später erhielt der Publizist François Bondy den Curtius-Preis. Peter Glotz von der SPD würdigte den Schweizer Homme de lettres. „Ein literarischer Politiker spricht über einen politischen Literaten“, bemerkte der damalige Oberbürgermeister Hans Daniels. In seiner Replik äußerte Bondy seine Bewunderung für Ernst Robert Curtius: einen Gelehrten, der sich, für seine Zeit ungewöhnlich, gleichermaßen um die Literatur der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bemüht und die Grenzen seines Faches souverän überschritten habe. Ihm zu Ehren wird es nun vielleicht keinen Bonner Preis mehr geben.

Die Bonner Universitätsgesellschaft war am Mittwoch nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Mehr von GA BONN