Bonner Autor gegen Rassismus: Woher kommt der Hass auf andere?

Bonner Autor gegen Rassismus : Woher kommt der Hass auf andere?

„Selbst Kinder, die so kurzbeinig und dick waren, dass auch ich sie mit Leichtigkeit hätte ausstechen können, wurden mir gegenüber vorgezogen“, schreibt Richard Fraysier in seinem Buch „Mischlingskind“.

Welche Kindheitserlebnisse prägen einen Menschen? Sind es die Albträume in der Schulturnhalle, wenn ein physisch starker Junge beim Zusammenstellen der Mannschaften trotzdem immer als Letzter übrig bleibt? Schon damals in der Bonner Turnhalle habe er gewusst, dass die anderen sich nicht vor aller Augen für ihn entscheiden wollten. Die Jungs seiner Fahrradgang am Probsthof sagten es ihm ein paar Jahre später mitten ins Gesicht: „Neger dürfen bei uns nicht mitmachen.“ Es sei etwas an ihm gewesen, das die anderen abstieß – und das schließlich auch seine Mutter nicht mochte. Er war „keiner von uns“.

„Bonn war für mich, bis in meine späte Jugend hinein, die Welt“

„Das bin ich, Richard Fraysier, in den 1960er Jahren“, kommentiert der Autor das Foto eines kleinen, vorsichtig ins Bild schauenden Bonner Jungen im Streifenhemd. „Bevor der Mischling in mir durchkam, war ich dunkelblond“, hat er darunter vermerkt. War er das wirklich, dieser Sohn einer deutschen Krankenschwester und eines afrikanischen Doktoranden? „Bonn war für mich, bis in meine späte Jugend hinein, die Welt“, denkt er zurück. Er habe hier Bundeskanzler Willy Brandt auf dem Weg zur Arbeit beobachtet, habe bei der Schleyer-Entführung am Bundeskanzleramt die Limousinen der Minister und Staatssekretäre im Minutentakt durch die automatische Toranlage donnern sehen.

Soviel zu seinen positiven Erinnerungen an eine spannende Zeit der Bundeshauptstadt. Heute, mit über 50 Jahren, sei er IT-Ingenieur und Weltenwanderer. Sein Stammbaum reiche von Schottland über Ostpreußen nach Westafrika. „Ich bin Europäer und Afrikaner, Deutscher und Sierra Leonier. Aber vor allem bin ich eines – Mensch.“ Als er sich irgendwann die Frage nach seiner Herkunft gestellt habe, da seien die dunklen Geheimnisse der Familie wieder hochgekommen, jene Geschichten, die man sich nur hinter vorgehaltener Hand erzähle und tunlichst von allen Außenstehenden fernhalte.

Jetzt sehe er aber den Punkt, an dem er damit herauskommen müsse. Für sich selbst und für andere. Mit seinem Buch wolle er also Grenzen einreißen. Er sei schon als Kind von Demütigung und Erniedrigung durch eine feindselige Gesellschaft geprägt worden, sodass er heute als „Mischlingskind“ von seinem Leben erzählen müsse.

Die Ursachen des Rassismus erkennen

„Ich will aktiv daran mitwirken, dass die Ursachen von Rassismus erkannt werden und ein Bewusstsein für mehr Toleranz und Akzeptanz entsteht“, sagt er. Gerade jetzt, da viele Flüchtlinge nach Deutschland kämen, müsse man der Angst vor dem Fremden und dem sich ausbreitenden Hass entgegentreten. Bewusst kehrt der bönnsche Jung zu seiner Buchpremiere nach Bonn zurück, wo alles für ihn begann. Bewusst gehe er ins Berufskolleg mit Schülern aus mehr als 55 Nationen. „Woher kommt diese Wut auf 'den anderen', dieses Zuschlagenwollen, der unbändige Wunsch nach Vernichtung eines Gegners, den man nicht mal kennt?“, stellt Fraysier dabei topaktuelle Fragen. Die Menschen vererbten den Hass auf ihre Kinder ebenso selbstverständlich wie das Sparbuch und die Briefmarkensammlung, glaubt er. „Der Hass pflanzt sich fort von Generation zu Generation– wie ein Wurm im Eingeweide der Menschheit.“

Die Premierenlesung „Vom Leben erzählen – Rassismus vorbeugen“ nach Richard Fraysiers Buch „Mischlingskind“ (ISBN 978-1523862481, 15,15 Euro) beginnt am Donnerstag um 15.30 Uhr in der Aula des Robert-Wetzlar-Berufskollegs, Kölnstraße 229.

Mehr von GA BONN