Kinderarmut in Bonn: Familien müssen jeden Cent umdrehen

Kinderarmut in Bonn : Familien müssen jeden Cent umdrehen

Die fünfköpfige Familie Cetin lebt von Hartz IV – obwohl der Vater vollbeschäftigt arbeitet und die Mutter dazuverdient. Die drei Kinder verzichten auf vieles.

Selma Cetin (Name geändert) ist eine stolze Frau. „Nein, ich will nicht klagen. Uns geht es gut im Vergleich zu anderen. Ich bin glücklich mit meiner Familie“, sagt die 38-Jährige. Die drei Töchter widersprechen nicht. Obwohl ihnen die Mutter mal wieder kein Taschengeld wird geben können. „Die Große versteht inzwischen, dass wir wenig Geld haben“, sagt Selma Cetin. „Nein, Mama, lass mal, wenn du das nicht zahlen kannst, ist das schon gut“, kommt von der 14-Jährigen. Wenn eins der Mädchen Geburtstag hat, dann bekommt es einen Kuchen in die Schule mit. Eine Feier mit Einladung könne es bei Cetins nicht geben, erläutert die Mutter. „Ich spare vorher etwas und dann gehen wir mal Trampolin springen.“

Selma Cetin und ihr Mann Tarek sind in Deutschland geboren. Er arbeitet in Vollzeit als Handwerker in Köln, muss also pendeln. Wenn er abends nach Hause kommt, übergibt ihm seine Frau die Kinder, um als Aushilfe noch etwas hinzuzuverdienen. „Trotzdem liegen sie unterhalb der Armutsgrenze und sind aufstockend auf Hartz IV angewiesen“, erklärt Reinhard Jansen, Sozialberater des Diakonischen Werks in Medinghoven.

Sonderanschaffungen sind kaum bezahlbar

Die Cetins wollten mit allen Mitteln selbstständig und nicht auf Sozialleistungen angewiesen sein. Doch Selma Cetin habe irgendwann eingesehen, dass sie Hilfen in Anspruch nehmen muss, um ihren Kindern nicht zu schaden. Zu viele Familien kämen „erst auf den letzten Drücker“ in die Beratung, wenn die Folgen der Armut schon sehr fortgeschritten seien, so Jansen. Selma Cetin dagegen engagiere sich inzwischen auch im Ortsteil, damit auch andere Familien zurechtkämen, berichtet Jansen, dessen Team rund 300 Familien in Bonn betreut. Woran es Kindern in armen Bonner Familien mangele? An allem, was über das Nötigste etwa bei der Verpflegung hinausgehe, antwortet Reinhard Jansen. Wenn kein Geld im Portemonnaie sei, gebe es in vielen Familien kein vernünftiges Essen. „Da wird gerade in deutschen Hauhalten eben meist nur noch die Fertigpizza in den Ofen geschoben.“

In der Sozialberatung lernten solche Erziehungsberechtigte erst einmal, mit spitzem Stift einen vernünftigen Haushaltsplan zu erstellen und den Spielraum, den sie haben, zu erkennen. Die Kinder der Cetins würden noch gut bekocht. Aber schon wenn der Nachwuchs schnell aus der Kleidung herauswachse, sei auch bei ihnen ein Problem da. „Und Sonderanschaffungen wie die Zahnspange oder die ganz normale Brille fürs Kind sind kaum mehr bezahlbar“, so Jansen.

Dann wolle das eine Kind in einen Sportverein und das andere bei der Klassenfahrt teilnehmen: Ohne Zuschüsse seien viele Schüler in Bonn davon ausgeschlossen. Es gebe Eltern, die sich in der Situation verschuldeten, weil die Kinder einfach adäquat aufwachsen sollten, erzählt Jansen. „Wenn das Outfit nicht modern ist, entsteht in den Schulklassen ein enormer Druck, den die Kinder dann zu Hause weitergeben.“ Psychischer Stress erzeuge daraufhin erhebliche Konflikte.

Selma Cetin sei eine fitte Frau, sagt Sozialberater Jansen. Sie mache aus der traurigen finanziellen Lage für ihre Kinder das Beste und spare, um unerwartete Sonderausgaben zu bewältigen. „Das Gute in vielen betroffenen muslimischen Haushalten ist dabei auch die intakte Familienstruktur. Da helfen sich die Verwandten noch gegenseitig“, so Jansen. Selma Cetin berichtet, sie kaufe Kleidung und Schuhe nur im Schlussverkauf und studiere auch im Supermarkt alle Angebote. „Sonst gibt es das eben nicht. Ich muss jeden Cent 'rumdrehen.“ Die Möbel habe sie im Gebrauchthandel angeschafft. Reisen blieben ein Traum. Schmerzt es sie, dass ihre Kinder weniger haben als andere? Selma Cetin schüttelt den Kopf. Die Mädchen hätten alles Wichtige im Leben. Und wenn andere Familien in den Urlaub düsten, dann gehe die Familie eben ein paar Blocks weiter, um mit den Verwandten zusammen zu sein. „Da lachen wir und freuen uns. Was wollen wir mehr?“

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