Kinderarmut in Bonn: Langzeitarbeitslosigkeit, Scheidung und Krankheit machen arm

Kinderarmut in Bonn : Langzeitarbeitslosigkeit, Scheidung und Krankheit machen arm

Der Diakonie-Chef Ulrich Hamacher sieht keine Veränderungen bei den statistischen Zahlen.

In Bonn gibt es weiterhin eine alarmierende Kinderarmut. Die Stadt hatte vor drei Jahren 16 000 Kinder und Jugendliche gezählt, die empfangsberechtigt für Zahlungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket des Bundes waren. „Aktuelle Zahlen von armen Kindern existieren nicht. Doch wir sehen hier keine relevante Veränderung“, sagte auf GA-Anfrage Ulrich Hamacher mit Blick auf eine vor drei Jahren erhobene Zahl von 16.000 betroffenen Kindern. Der Chef des Diakonischen Werks ist gleichzeitig Vorsitzender des Bonner Runden Tischs Kinderarmut, an dem unter anderem auch die Caritas und das Jugendamt sitzen.

Ob sich aktuell die Lage durch den Zuzug von Flüchtlingen verändert, lässt sich laut Hamacher nur schwer einzuschätzen. „Wir rechnen aber mit einer wachsenden Zahl von Bedarfsgemeinschaften, darunter natürlich auch solchen mit Kindern.“

Man erkenne Kinderarmut an vier Aspekten, erläutert Hamacher. Erstens an materieller Armut. „Die Hartz-IV-Sätze für Kinder sind viel zu niedrig. Sie werden prozentual in irrsinniger Weise ermittelt, als wären Kinder kleine Erwachsene mit weniger Bedarf“, kritisiert Hamacher. Zweitens erkenne man arme Kinder schon an weniger Gesundheitsvorsorge, etwa an ihren Zähnen. „Sie gehen oft nicht zu den Untersuchungen beim Kinderarzt“, bedauert Hamacher. Drittens seien arme Kinder auch in punkto Bildung benachteiligt: „Arme Kinder machen in der Regel einen Hauptschulabschluss oder gar keinen Abschluss.“ Und viertens: Arme Kinder seien oft ausgegrenzt, zum Beispiel beim Kindergeburtstag oder beim Schwimmbadbesuch.

Arme sterben zehn Jahre früher

Und was sind die Gründe konstanter Kinderarmut? Langzeitarbeitslosigkeit bei inzwischen 5081 Bonner Bürgern, sagt Hamacher klipp und klar. Die Zahl der „Bedarfsgemeinschaften“ in Hartz IV gehe damit einfach nicht zurück. Sie sei im Oktober 2015 im Vergleich zu 2013 von 13 087 sogar auf 14 537 gestiegen. Weitere Armutsursachen seien Trennung und Scheidung sowie Krankheit. Die Folge: „Arme leben im Durchschnitt zehn Jahre kürzer. Arme Kinder kriegen schlechtere Bildungsabschlüsse, unter Umständen keine Ausbildung, es herrscht Perspektivlosigkeit.“ Ein Teufelskreis. Ein zunehmendes Problem sei auch das Fehlen von bezahlbarem Wohnraum. „Für die rund sechs Euro pro Quadratmeter, die Hartz-IV-Empfänger finanziert bekommen, gibt es in Bonn keine Wohnungen.“

Hamacher sieht viel Handlungsbedarf: Der Bund müsse die Hartz- IV-Regelsätze erhöhen. Das Land müsse Kindertageseinrichtungen und Schulen mit ausreichendem Personal ausstatten. „Und kommunal muss die öffentliche Hand wesentlich mehr für die Gesundheitsversorgung der Kinder tun.“ Der Runde Tisch Kinderarmut habe in den vergangenen Jahren mehrfach Initiativen ergriffen, um die Situation von armen Bonner Kindern zu verbessern.

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